Ex-Pressesprecher der Bayern-SPD Politkrimi um einen mysteriösen Anruf

Wollte der gefeuerte Pressesprecher der bayerischen Genossen aus Wut SPD-Interna an die CSU verraten? Ziemlich offen plaudert Ministerpräsident Seehofer über ein geheimnisvolles Telefonat. Doch die Beweislage ist dünn.

Von Frank Müller und Mike Szymanski

Dass sich Funktionäre konkurrierender Parteien manchmal austauschen, ist nicht verwunderlich. Schließlich arbeiten sie zwar auf unterschiedlichen Baustellen. Aber letztlich auf demselben Boden. Mit dem Anruf aber, den der inzwischen gefeuerte Ex-Pressesprecher der Bayern-SPD jüngst bei der CSU gemacht haben soll, hat es eine andere Bewandtnis.

Das war am 14. Juli 2012: Beim SPD-Parteitag in Amberg stehen Florian Pronold (von links), Christian Ude und Gregor Tschung noch eng beinander. 

(Foto: Seyboldt)

Gregor Tschung, den die Partei - angeblich wegen falscher Abrechnung von Dienstfahrten - fristlos rausschmiss, solle sich der CSU angedient haben, heißt es nun. Aus Wut, um der Konkurrenz Interna über strategische Details und Angriffsflächen beim Wahlkampf von SPD-Kandidat Christian Ude zu verraten?

Die Beweislage ist reichlich dünn. Die CSU bestätigt lediglich, dass Tschung dort angerufen habe, die CSU ihn aber nicht zurückrief. Ministerpräsident Horst Seehofer nannte allerdings mehr Details, als er bei der jüngsten Sitzung des Parteivorstands hinter verschlossenen Türen auf das Thema zu sprechen kam.

Der CSU-Chef hatte seinen politischen Bericht Teilnehmern zufolge schon abgegeben. Dann, gegen Ende der Aussprache, kam er auf den Anrufer zu sprechen. Vor etwa anderthalb Wochen habe sich ein Mann per Telefon gemeldet und sich als Gregor Tschung vorgestellt. Er könne der CSU Informationen aus der bayerischen SPD liefern, soll er angeboten haben.

Die CSU informierte danach die SPD, in einem Telefonat zwischen CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und Bayern-SPD-Chef Florian Pronold. Das sei auch guter Stil gewesen, heißt es auf beiden Seiten.

Tschung selbst ließ am Mittwoch Rückrufbitten der SZ unbeantwortet. Im Münchner Merkur hatte er zuvor bestritten, sich an die CSU gewandt zu haben: "Völliger Quatsch, warum sollte ich?", wird Tschung zitiert. Das müsste dann bedeuten, dass sich jemand als Tschung ausgegeben hätte, ob im Spaß oder als Teil einer Intrige. Die dritte Variante wäre, dass es den Anruf gar nicht gab und aus der CSU versucht wird, Unsicherheit zu streuen. Doch dafür gibt es keine Indizien.

So oder so: Aus dem arbeitsrechtlichen Fall Tschung wird allmählich ein Politkrimi. Interessant an den spärlich vorliegenden Details ist vor allem der Zeitpunkt. Der mysteriöse Anruf und auch die Information an die SPD erfolgten genau am Tag, an dem Tschungs Rausschmiss erstmals in der Zeitung stand, am Freitag, 20. Juli.

An diesem Tag war der Fall also publik, das weitet den Kreis möglicher Täter stark aus. In den Tagen zuvor waren die Abrechnungsvorwürfe nur parteiintern hochgekocht. Der engste Führungskreis und auch Ude wussten seit dem vorangegangenen Wochenende von der Affäre um Tschung. Diesem wurden sie dann am Mittwoch in einem Personalgespräch mitgeteilt - zu seiner völligen Überraschung, wie Tschung danach betonte.

Das heißt aber auch: Ausschlaggebend für Tschungs Kündigung kann der potenzielle Spionagefall nicht sein. Bislang hatte sich die SPD auf falsch abgerechnete Privatfahrten Tschungs zum Flughafen gestützt und dann offenbar noch andere Kündigungsgründe nachgereicht.

Der Betriebsrat der Partei protestierte, und bei Beobachtern und auch der Konkurrenz weckte all das von Anfang an Verwunderung: Warum sollte die SPD 14 Monate vor der Wahl eine solche Krise eskalieren lassen, anstatt sie diskret zu regeln? Aus der SPD wird bislang nur angedeutet, dass der Fall Tschung größere Dimensionen habe. Vielleicht hätte die CSU mehr erfahren können. Doch die rief ja nicht zurück.