SZ: Erinnern Sie sich noch an den 25. September 1995?

Pfarrer Bauernfeind

Pfarrer Bauernfeind: "Wir werden uns zuallererst über uns als Kirche intensiv Gedanken machen müssen. (© Foto: Günther Reger)

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Bauernfeind: Natürlich. Das war der Tag des jetzt-Interviews. Ich war auf einer Tagung, habe es in der Früh gelesen und für kantig, aber nicht aufregend empfunden. Um acht, beim Frühstück, erreichte mich schon der erste Anruf aus München: Hier ist der Teufel los.

SZ: Haben Sie etwas von dem, was Sie damals gesagt haben, bereut?

Bauernfeind: Nein, keinen Satz. Nur das Wort "unbrauchbar", würde ich heute anders sagen: Die erlebte Nicht-Vermittelbarkeit der Sexualmoral ist unser Problem. Nicht nur bei Jugendlichen im Übrigen. Zu uns Priestern kommen 70-, 80-Jährige, weinen und reden sich aus, weil sie eine riesige Last von katholischer Erziehung in diesem Bereich tragen. Sie, insbesondere Frauen, fühlten sich ein Leben lang nur schuldig und schmutzig, weil sie dem Ideal der Kirche nicht entsprechen konnten. Diese Kluft zwischen den Menschen und dem Lehramt der Kirche stürzt Menschen in Gewissenskonflikte und zerstört Lebensfreude, zu der uns Jesus aber einlädt.

SZ: Sind Sie frustriert darüber, wie 1995 mit Ihnen umgegangen wurde?

Bauernfeind: Es hat mich tief berührt und ganz lange auch sprachlos gemacht. Ich bin damals wie heute davon ausgegangen, dass Kirche ein Ort ist, an dem wir Leben finden - und dazu gehört auch Auseinandersetzung. Die gab es damals nicht. Offene Auseinandersetzung habe ich in der Jugendarbeit gelernt, nicht in der universitären Theologie - und schon gar nicht im Priesterseminar in Regensburg. Das war damals ein Ort der Unterdrückung von freien Gedanken. Wir nagen heute daran, dass wir glauben, nicht wahrhaftig offen diskutieren zu können.

SZ: Vieles aus dem Interview damals klingt sehr aktuell. Sie machen darin beispielsweise die Lehre der Kirche mitverantwortlich für sexuellen Missbrauch. Wie meinen Sie das?

Bauernfeind: Wenn Priestermänner wegen der rigorosen Sexualmoral nicht lernen konnten, mit ihrer eigenen Sexualität offen umzugehen, dann wird sich Sexualität nicht wirklich reif entwickeln können. Solche Menschen bleiben in einer infantilen sexuellen Erfahrung stecken. Das kann zu Pädophilie führen. Was sich nicht frei entfalten kann, wird irgendwann aufbrechen.

SZ: Damals bezogen Sie sich allgemein auf Missbrauch, nicht nur durch Priester.

Bauernfeind: Auch wenn Sie sexuellen Missbrauch von Vätern an Töchtern nehmen: Das sind zum Teil äußerlich ganz veritable Menschen, auch durch die Kirche geprägt, die sehr stark ihre Position als Patriarchen der Familie verinnerlicht haben: Die Frau soll dem Mann untertan sein, die Kinder müssen gehorchen, der Mann ist das Haupt der Familie. Da gibt es katholische Menschen, die durch diese Art von Moral geprägt sind. Sexualmoral hat auch mit Macht und Hierarchien zu tun. Wenn im Bereich der Sexualität das Thema Macht nicht geklärt ist, wird es immer zu Opfern kommen - Vergewaltigung in der Ehe ist da ein Beispiel.

SZ: Und das sehen Sie im Ernst als Ausfluss von katholischer Lehre?

Bauernfeind: Die kirchliche Sexualmoral legitimiert das nicht, aber sie kann so etwas befördern. Vor dem Hintergrund großer Gutgläubigkeit gegenüber Priestern oder Erziehern kann ein Gefälle entstehen - und wenn dann beim Priester nicht geklärt ist, was in ihm virulent ist, kann eine solche Abhängigkeit in Missbrauch münden.

SZ: Sie haben Gehorsam gegenüber der kirchlichen Lehre versprochen, halten sich aber nicht daran. Wird man da nicht irgendwann schizophren?

Bauernfeind: Gehorsam kommt von Hören. Ich muss das Ohr haben an dem, was die Menschen sagen, und das auch an die Amtskirche weitergeben. Andernfalls verletze ich den Gehorsam mehr, als wenn ich einfach nachbete, was das Lehramt vorsagt. Und die Kirchenleitung muss auch auf uns Priester hören.

SZ: Haben Sie heute keine Angst mehr vor Sanktionen?

Bauernfeind: Nein. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, mit Angst kann man das Evangelium nicht verkünden. Ich habe einen Konflikt durchgestanden, der mich nur darin bestätigt hat, glaubwürdig und aufrecht zu bleiben und auch den Geist des Widerspruchs pflegen.

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(SZ vom 29.03.2010/afis)