Pfarrer über Missbrauch "Die Sexualmoral ist eine riesige Last"

Pfarrer Bauernfeind sieht in der Kluft zwischen Lehre und Leben eine Ursache des Missbrauchs. Vor Jahren wurde er wegen seiner Ansichten abgesetzt.

Interview: K. Stroh

Vor 15 Jahren machte Albert Bauernfeind bundesweit Schlagzeilen: Im SZ-Jugendmagazin jetzt prangerte der Priester die Sexualmoral der katholischen Kirche an und nannte sie "unbrauchbar". Der damalige Erzbischof von München, Friedrich Wetter, setzte Bauernfeind daraufhin als Stadtjugendpfarrer von München ab. Heute ist der 57-Jährige Pfarrer in Eichenau (Kreis Fürstenfeldbruck). Er sieht in der derzeitigen Krise einen Anlass für die Kirche, sich zu wandeln - wie er es 1995 gefordert hat.

SZ: Täglich wird die Liste von Missbrauchsfällen im kirchlichen Umfeld länger. Eine vorübergehende Krise? Oder erschüttert das die Kirche dauerhaft?

Albert Bauernfeind: Nicht dauerhaft. Aber diese Krise wird uns noch lange beschäftigen und deutlich machen, dass wir uns zuallererst über uns als Kirche intensiv Gedanken machen müssen. Wir werden gelebte Demut lernen müssen und uns fragen lassen müssen, wofür es uns überhaupt gibt.

SZ: Mit welcher Antwort?

Bauernfeind: Dass die Kirche zuallererst für die Menschen da ist - so, wie sie sind und leben.

SZ: Wie muss sie konkret reagieren?

Bauernfeind: Zuerst muss sie nah bei den Opfern sein. Man muss sie zum Beispiel therapeutisch unterstützen, auch über finanzielle Entschädigungen sprechen. Und die Kirche muss ein Schuldbekenntnis vor der Welt leisten und deutlich machen, dass in ihr auf allen Ebenen Menschen unterwegs sind: zerbrechliche, nicht vollkommene Menschen, die Schuld auf sich laden.

SZ: Sie fordern, über alles offen und ohne Tabus zu reden? Worüber genau?

Bauernfeind: Zum einen über die Sexualmoral: Hier haben wir auch bei den katholischen Christen weitestgehend die Kompetenz verloren. Die große Masse der Gläubigen lehnt die Sexualmoral ab. Da muss es eine Klärung geben. Auf der einen Seite stehen die Menschen, die ein ganz konkretes Leben führen, auf der anderen das Lehramt, das immer schon zu wissen glaubt, was die Menschen brauchen. Die Kirche muss ihre Positionen zumindest in Frage stellen, manche auch ändern - bei der Homosexualität und der Geburtenkontrolle zum Beispiel. Nicht bei der Abtreibung, da geht es um den Schutz des Lebens.

SZ: Viele stellen nun den Zölibat der Priester in Frage.

Bauernfeind: Auch darüber müssen wir nachdenken. Dass das Priesteramt an den Zölibat gebunden ist, macht uns handlungsunfähig - das sieht man ja am Priestermangel. Es müsste für Priester die freie Entscheidung geben. Der verordnete Zölibat führt zu einem geschlossenen, männlich geprägten Gebilde mit einem Corps-Gedanken - das kann höchst problematisch sein. Wenn wir das öffnen für verheiratete Männer, vielleicht auch für Frauen, weitet sich die Atmosphäre, und wir kriegen eine ganz andere Vitalität in das Priesteramt hinein.

SZ: Auch Frauen?

Bauernfeind: Für mich ist unverständlich, warum Frauen in der katholischen Kirche nicht die Position einnehmen dürfen, die ihnen zusteht. Warum sind sie, nur weil sie weiblich sind, unfähig für Leitungsämter? Im Johannes-Evangelium ist Maria von Magdala die Erste, die den Aposteln die Botschaft von der Auferstehung bringt. Und wir machen uns hierzulande Gedanken, ob Pastoralreferentinnen in der Messe predigen dürfen...

SZ: Werden Sie die Abschaffung des Zölibats noch erleben?

Bauernfeind: Vielleicht lebe ich noch 20 Jahre - ich wage, dies zaghaft mit einem ganz leisen Ja zu beantworten.

SZ: Und Priesterinnen?

Bauernfeind: Das erlebe ich nicht mehr. Aber wir müssen darüber ins Gespräch kommen. Es kann doch nicht sein, dass der Papst einfach sagt: Da reden wir nicht drüber. Wir können es uns nicht mehr leisten, Themen einfach per Pontifex-Beschluss als beendet zu erklären.