Oberland Wo ist der Wolf?

Er hat die Gegend ganz schön aufgewirbelt. Vor über einem Jahr ist ein Wolf ins Oberland eingewandert. Jetzt hat sich seine Spur verloren - und es wird munter spekuliert.

Von Christian Sebald

Wenn es um die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland geht, sind sich die Umweltorganisation WWF und die Münchner Gregor Louisoder Umweltstiftung völlig einig. "Sie ist ein großer Erfolg für die Naturschutzbewegung", sagt der Stiftungsvorstand Claus Obermeier, "vor 30 Jahren hätte niemand geglaubt, dass wir einmal wieder etliche Wolfsrudel in Deutschland haben." Der WWF-Mann Christoph Heinrich sieht das genauso, "auch wenn die Rückkehr des Wolfes eine große Herausforderung für die Bauern ist und viele Konflikte mit sich bringt". Damit der Wolf es leichter hat hierzulande, haben der WWF und die Stiftung jetzt die Broschüre "Lernen, mit dem Wolf zu leben" präsentiert. Das 80-seitige Heft beantwortet fast jede Frage, die einem zum Thema Wolf einfällt.

Für den Wolfsrüden, der vor knapp eineinhalb Jahren von Italien her ins Oberland zugewandert ist und seither die Gegend dort aufwirbelt, könnte die Aktion zu spät kommen. Seit Mitte März verfestigen sich am Wendelstein zwei Gerüchte, dass er ein unrühmliches Ende genommen hat. Und zwar nicht nur an den Stammtischen von Bauern und Jägern. Sondern in allen möglichen Amtsstuben und Büros. Nach den einen hat den Wolf "in Tirol die Bleivergiftung erwischt" - was heißt, dass einer das Raubtier abgeschossen hat. Nach den anderen war der Wolf erst tagelang an einem Wildgehege unterhalb des Wendelsteins anzutreffen - "wie auf dem Präsentierteller". Dann sei er urplötzlich verschwunden gewesen und nie mehr aufgetaucht.

Natürlich haben im Oberland immer mal wieder solche Gerüchte kursiert. Zumal die Almbauern dort, aber auch viele Jäger und Kommunalpolitiker einen verbissenen Kampf gegen die Rückkehr des Wolfes führen. Die einen fürchten um ihre Schafe und Jungrinder, die sie demnächst wieder auf die Bergweiden treiben. Der Wolf hat letzten Sommer um die 30 Schafe gerissen. Für die anderen ist der Wolf ein Beutekonkurrent. Und die Bürgermeister und Gemeinderäte nervt die Unruhe, welche der Zuwanderer in der Bevölkerung stiftet.

Aber so hartnäckig wie diesmal waren die Gerüchte vom Ende des Wolfes noch nie. Das ist der Grund, warum selbst Leute, die sonst wenig auf Gerede geben, sie ernst nehmen. Der Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky zum Beispiel. "Auch wenn der Abschuss eines Wolfes strikt verboten ist und streng bestraft wird, passiert das immer wieder", sagt er. "Und im Oberland ist die Front gegen den Wolf ja so massiv, dass sich der eine oder andere durchaus ermuntert gefühlt haben könnte." Zumal die letzte gesicherte Spur bereits ein Vierteljahr alt ist. "Das ist ungewöhnlich lange her", sagt Wotschikowsky, "schließlich war der Wolf ja sehr standorttreu."

Im Landesamt für Umwelt (LfU) kann man nicht weiterhelfen. Zwar ist die Behörde für den Wolf zuständig. Aber der dortige Wolfsexperte Manfred Wölfl ist nicht zu sprechen. "Wir sind nicht dazu da, zu Gerüchten Stellung zu beziehen", bescheidet einen eine Sprecherin knapp. "Außerdem gab es immer mal wieder längere Phasen, in denen der Wolf völlig unauffällig war."

Am LfU ist man in diesen Tagen sehr damit beschäftigt, die neue regionale Wolfsbeauftragte Julia Kriegel einzuarbeiten. Kriegels Vorgänger, den Umweltminister Markus Söder erst Anfang Februar eingesetzt hatte und der als ausgewiesener Experte gilt, hat nach nur eineinhalb Monaten das Handtuch geworfen. Offiziell heißt es, man habe sich nicht über die Modalitäten des Arbeitsvertrags einigen können. Insider sagen, der Mann habe sich von Anbeginn bei seiner Arbeit eher behindert als gefördert gefühlt. WWF-Mann Heinrich beklagt denn auch massiv, dass die Geschichte des Wolfes im Oberland "ein Behörden- und Kommunikationsdesaster ist". Ob der Wolf nun tot ist oder lebt.