Vorbei die Zeiten, als die bayerischen Lodenmachos gelegentlich sogar ihre große Schwesterpartei überrollten. Was so von der CSU übrigbleibt, ist nur ein CDU-Landesverband in Dirndl und Lederhose.
Nun ist auch in Bayern Westdeutschland zu Ende. Zum eisernen Bestand der Bundesrepublik, des alten Bonner Staates, gehörte die Grundregel, dass es in Deutschland zwei konservative Volksparteien gibt: außerhalb Bayerns die CDU, in Bayern die CSU. In keinem anderen Bundesland regierte eine Partei so lange mit so klaren Mehrheiten allein. Daraus bezog die CSU ihr Selbstbewusstsein, aber auch ihre Chuzpe. Die CDU arrangierte sich mit der sogenannten Schwesterpartei mehr, als dass man sich freudig umarmte. Gelegentlich überrollten die Lodenmachos sogar die CDU; zweimal schwangen sich CSU-Chefs zur letztlich erfolglosen Kanzlerkandidatur auf.
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(© Foto: dpa)
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Seit Sonntag ist klar, dass zwar die Alpen und die Donau lebensnotwendig zu Bayern gehören, nicht aber die CSU. Die Mehrheit hat der Partei den Rücken zugewandt, um nicht zu sagen: den Hintern gezeigt. Die Sonderstellung der CSU beruhte auf zwei Dingen. Zum einen identifizierte eine klare Mehrheit die Partei erstaunlich weitgehend mit dem Positiven in Bayern: Wohlstand, Heimatverbundenheit, Tradition, Lebensart. Das ist nicht mehr so - und zwar keineswegs nur wegen der Tröpfe Huber und Beckstein.
Zum zweiten konnte die CSU mit ihren Ergebnissen der Union im Bund stets den Rücken stärken. Auch das ist nicht mehr so. Angela Merkel kann sich nicht darauf verlassen, dass die CSU 2009 in Bayern stärker sein wird als die CDU insgesamt im Bund. Was so von der CSU übrigbleibt, ist nur ein CDU-Landesverband in Dirndl und Lederhose. Pfüat di, servus, auf Wiedersehen, Volkspartei CSU.
Bei künftigen Wahlen wird dieser Trend anhalten - in Bayern und anderswo. Die Zeiten, in denen Volksparteien 40 und mehr Prozent der Wähler angezogen haben, sind vorbei. In Italien und Frankreich sind die alten Volksparteien auseinandergeflogen, in Österreich klammern sie sich in Überlebensangst aneinander und nähren die Rechtsradikalen. In Deutschland, wo alles langsamer geht, blühen erst einmal die kleinen Parteien unterschiedlichster Provenienz auf. Bald aber wird es die Großen noch härter erwischen - zuerst die SPD, dann die CDU.
Es ist kein Linksruck, der durch Deutschland geht. Das sieht nur manchmal so aus, weil die Linkspartei die neueste, lauteste und radikalste der Kleinen ist. In Bayern blieb sie Splitterpartei; die Leute wandten sich den Freien Wählern, der FDP oder den Grünen zu. Immer mehr wählen alles Mögliche, nur nicht CDU oder SPD. Ganz viele bleiben auch schlichtweg daheim. Nicht jede Wahlenthaltung erfolgt bewusst, aber Wahlenthaltung wird immer häufiger zu einem, übrigens legitimen, Ausdruck der Unzufriedenheit. Von Franz Müntefering stammt der Satz: "Opposition ist Mist." Gerade unter den bewussten Nichtwählern aber gibt es viele, die denken: "Regierung ist Mist" oder gar "Politik ist Mist".
Die strauchelnden Volksparteien tun das Ihre, um solche Gefühle zu bestärken. Bei der CSU fällt alles darunter, was unter die Überschrift "Arroganz der Macht" passt. Auch die SPD liefert jetzt ein abschreckendes Beispiel dafür, wie man die Leute verprellt, ja geradezu verhöhnt. Franz Maget und Frank-Walter Steinmeier feiern das Desaster der CSU als ihren Sieg. Sie haben aber nichts dazu beigetragen, jedenfalls nicht in den Augen der Wähler.
Im Gegenteil: Die SPD hat ihr schlechtestes Ergebnis eingefahren, und dies bei einer Wahl, bei der die CSU granatenmäßig verloren und alle anderen, sogar die Splitterparteien, gewonnen haben. Wenn Maget behauptet, die SPD habe einen Regierungsauftrag, dann ist das Ypsilantismus hoch zehn. Weil die SPD mit dem Misserfolg nicht umgehen kann, lügt sie sich selbst in die Tasche und den Wählern ins Gesicht. Eine Prognose: Die CSU wird bald zur 40-minus-X-Partei werden. Die bayerische SPD aber wird sich mit Grünen und Freien Wählern bei 10 plus X treffen.
Beide Parteien der großen Koalition in Berlin sind vom bayerischen Ergebnis geschwächt worden. Trotz der hohen Zustimmungsraten für Angela Merkel muss die Union nach Bayern mit einem schlechteren Wahlergebnis auch im Bund rechnen. Die Bayern reißen es nicht mehr raus. Hinzu kommt der psychologische Effekt, dass jetzt sogar Bayern der Union wegbricht. Schließlich werden die CSUler in Berlin und jene aus München viel dafür tun, gerade jetzt als stark und eigenständig zu erscheinen - weil sie es ja nicht mehr sind. Es ist also mit allerhand unionsinternem Krawall sowie CSU-Machtchaos zu rechnen.
Bei der SPD wurde der bundesweit anhaltende Abwärtstrend in Bayern eindrucksvoll bestätigt. Der Kanzlerkandidat, Doktor Aktendeckel Steinmeier, wird bald damit beginnen müssen, eine Art Aufbruchsstimmung hervorzurufen. Aus eigener Kraft, gar aus dem Siechtum der SPD in den meisten Ländern heraus, kann dies nicht geschehen. Man wird sich absetzen müssen - in erster Linie von der Union, dem Koalitionspartner. Auch hier steht also Krawall ins Haus.
Wenn allerdings im September 2009 die Messe gesungen sein wird, kann es sein, dass die große Koalition bleibt. Verlieren bei der Bundestagswahl beide Volksparteien analog zu Bayern, dann wird es für Zweier-Konstellationen arithmetisch nicht reichen und vielleicht sogar für politisch ohnehin sehr schwierige Dreierkonstellationen auch nicht. Dann bleiben die einst Großen so lange beieinander, bis sie selbst klein geworden sind - so wie in Österreich.
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(SZ vom 30.09.2008/ihe)
Die neueste Antwort
"Für einen aus NRW und den anderen Preußen war die CSU schon immer ein CDU-Ortsverein mit Tracht und Lederhose, nicht erst seit Sonntag. "
Wenn Sie das so sehen, dann haben Sie Bayern und die CSU nicht einmal ansatzweise verstanden.
Ihr lieben Grantler und Eitlen aus der CSU, jetzt mal Folgendes zum Nachdenken:
Für einen aus NRW und den anderen Preußen war die CSU schon immer ein CDU-Ortsverein mit Tracht und Lederhose, nicht erst seit Sonntag.
Ich persönlich freue mich vor allem darüber, dass endlich auch in der Bundespolitik der Einfluss dieser Bayern-Partei sinkt, nach der im Rest unserer föderalistischen Republik kein Hahn kräht und deren Existenzberechtigung sich einem nicht wirklich erschließt, mal ganz ehrlich gesagt! Ganz im Gegensatz zur Linkspartei! Nun, was soll´s, jetzt haben wir 5 Jahre Ruhe vor diesen seltsamen Überheblichkeiten aus dem Süden der Republik.
Die CSU? Die taugt nur zur Schaffung von Feindbildern außerhalb und innerhalb von Bayern, habe ich schon mal so im Stillen gedacht.
Hallo Herr Kister,
können Sie mir als Hessen bitte sagen, was "Ypsilantismus" ist? Ist das eine Krankheit, ein Charakterfehler oder eine politische Richtung?
Mich interessiert das sehr, weil ich nach wie vor dazu stehe, dass Frau Ypsilanti die integerste Politikerin seit Willy Brandt ist, die ich kenne. Oder wissen Sie jemanden, der als Politiker von sich behauptet, "einen Wortbruch begehen zu müssen"? Anstatt es einfach zu tun und hinterher zu leugnen? Wenn ein Müntefering zu einer Koalition in Hessen mit der Linkspartei rät, dann redet darüber niemand negativ. Die Bundespräsidentenkandidatin haben dieselben Journalisten begrüßt, die vorher die Zusammenarbeit mit der Linkspartei geißelten. Aber Frau Ypsilanti wird genauso hasserfüllt verfolgt wie weiland Willy Brandt, da sollten sich diejenigen, die das tun, bitte überlegen, ob es ihnen wirklich nur um die Sache geht.
Ich schrieb 2 Tage nach der Wahl eine mail: eingedenk der Tatsache, dass Herr Hahn (FDP) kurz vor der Wahl im Fernsehen gesagt hatte, Frau Ypsilanti saß ihm gegenüber, mit ihr würde er keinesfalls koalieren, und um das zu bestärken! und nicht als Wahlkampfgeplänkel erscheinen zu lassen, sagte, mit Herrn Walter hätte er das schon "überlegt".
Meine mail hatte den Titel "einen Tod musst du sterben". In der Tat, sagen Sie mir doch bitte, was die Frau nach vier Wochen vergeblicher Liebesmüh mit der FDP noch hätte tun sollen - ich hatte das Ende Januar schon kommen sehen, siehe Herrn Hahn oben. Mit der CDU von Herrn Koch koalieren? Das - ich kann es Ihnen bestätigen - hätte die Partei zerrissen.
Neuwahlen: Bedenken Sie bitte, dass es ausgerechnet die Rechten waren, die Angst um ihre Wiederwahl als SPD-Abgeordnete hatten und haben, also die Leute, die im Frühjahr gegen eine Zusammenarbeit mit Links waren. Bedenke Sie bitte auch, dass die SPD, hätte sie Neuwahlen im Frühjahr vorgeschlagen, gevierteilt und gefedert worden wäre, übrigens mit Recht. Ich empfehlen Ihnen auch wärmstens den Artikel der Konkurrenz fr "Der Ypsilanti-Komplex".
Also, bitte, lassen Sie mich doch wissen, was Sie unter "Ypsilantismus" verstehen, und was diese(n) Krankheit/Charakterzug/Politik von der anderer realer Politiker so negativ abhebt.
Übrigens: In Ihrer Analyse der Bayern-Wahl einschließlich der SPD-Reaktion darauf gebe ich Ihnen durchaus Recht, obwohl ich SPD-Mitglied bin. DAS hätte Andrea Ypsilanti - ich schwör's Ihnen - nie gesagt.
Freundliche Grüße J. Doehring (Wiesbaden) jodo.doehring@gmx.net
spiegelt sich im Wahlergebnis wieder. Der Misserfolg der sPD zeigt deutlich, das alle etablierten Volksparteien den Volkskontakt verloren haben.
In Zeiten, in denen ohne ein Wimpernzucken Milliarden verzockt und dann vom Staat auf Kosten der Steuerzahler ausgeglichen werden, in denen "Großkopferte" sich mit Koffern voller Geld ins Ausland stehlen von dort aus in Hedgefonds investieren, die in der Heimat Arbeitsplätze vernichten, in denen Aufsichtsratsposten eher als dekoratives Zusatzeinkommen, denn als Kontrollverpflichtung verstanden werden, in denen zur gewissenlosen Gewinnmaximierung lukrative Arbeitsplätze vernichtet werden, von Managern, deren Versagen durch immense Abfindungen belohnt wird, in denen sich die Medien bereitwillig vor den Karren von INSM und anderer verdeckt arbeitender Lobbyistengruppen spannen lassen, um den Politikern zu lobhudeln, deren Interesse augenscheinlich bereits auf ihre nachpolitische Alimentation gerichtet ist, reagiert der Wähler so, wie sich die Gesellschaft anfühlt: unsolidarisch und verunsichert.
Treibt man das genügend weiter, haben wir bald österreichische Verhältnisse. Wobei jedem klar sein muss, das die Wahlergebnisse nur die Spitze der gesellschaftlichen Realität widerspiegeln: Die Radikalisierung im Wahlverhalten ist ein Abglanz der Radikalisierung der Gesellschaft - die Profiteure sind seit geraumer Zeit dabei, ihre eigene Existenzgrundlage aus blinder Gier zu vernichten.
Die CSU zum jetzigen Zeitpunkt abzuschreiben wäre verkehrt. Dass die Bayern den von der bisherigen Opposition beschworenen Politikwandel wollen, ist zwar richtig. Aber sie wollen vor allen Dingen, dass er von der CSU selbst vollzogen wird! Sonst wäre die SPD nicht ebenfalls komplett aussen vor geblieben.
Wie in einem anderen Kommentar zu lesen, wird es darauf ankommen, ob die CSU wieder zuhört und sich der Themen annimmt, die den Bayern in Bayern unter den Nägeln brennen. Die FW haben ein "Programm" aufgestellt, dass aus Schlagworten besteht, die genau die Themen abbilden, in denen die CSU katastrophal versagt hat, in erster Linie Bildung & Familie. Die Zeiten ändern sich, die Menschen lassen sich an, nur die CSU hat in ihrerem Macht-Elfenbeinturm davon nix mitbekommen, weil sie mit Berlin und sich selbst zur sehr beschäftigt war.
Wenn diese Abstrafung durch den Wählern bei der CSU zur Einsicht führt, dass SIE sich nach der bayrischen Volksseele richten muss, und nciht umgekehrt, dann wird sie viele Wähler zurückgewinnen können, schon zur Europa- und erst recht zur Bundestagswahl. Denn, liebe "Bayernnormalisierer", eine politische Heimat haben die wenigsten in der FDP gefunden. Ein genauer Blick auf die FW liefert alle Themen und Lösungen, die die Bayern von ihrer CSU erwarten.
Sollte sich die CSU allerdings weiterhin resistent zeigen, sich nicht neu aufstellen und nur Alibi-Konsequenzen ziehen... Dann kann man mittelfristig tatsächlich einen Haken dahinter machen.
Paging