Weil die Bayern nicht mehr stolz sein können auf ihre Anführer, fallen sie vom Glauben an die CSU ab. Jetzt steht diese Einheit, diese lange Zeit als gottgegeben betrachtete Herrschaft, auf dem Spiel.
Edmund Stoiber nennt das, worauf es ankommt, das "Bayern-Gen". Dieses untrügliche Gespür dafür, was die Menschen in Bayern wollen, wie sie fühlen, was man ihnen zumuten kann und was nicht. Jahrzehntelang hat die CSU dieses Gen für sich beansprucht.
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Der Bayer an sich zeigt gerne, wie stark er ist - und erwartet diese Stärke auch von seinen Anführern. Darauf will er stolz sein. Im Moment hat er wenig Anlass zu Stolz. Die CSU schwächelt. (© Foto: dpa)
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Und das Gen hat funktioniert: 46 Jahre lang absolute Mehrheit in Bayern, 46 Jahre ohne wirkliche Herausforderung, 46 Jahre, in denen sich die Partei eins mit dem Freistaat fühlen durfte. Einmalig ist das in ganz Europa. Die Partei, die das glückliche Bayern erfunden hat, nannte das Herbert Riehl-Heyse einst. Berge, Seen, CSU - ein Dreiklang, so harmonisch wie das Voralpenland.
Die Harmonie ist dahin. 55 Prozent der Bayern beklagen, dass die CSU nicht mehr das bayerische Lebensgefühl verkörpert. 58 Prozent wollen, dass die CSU die absolute Mehrheit verliert. Nun liegt sie bei den Umfragen auf 47 Prozent und muss zum ersten Mal um die Macht bangen.
Was sich in Bayern anbahnt, ist mehr als ein politischer Erdrutsch, es ist eine Zeitenwende. Selbst wenn die CSU bei der Wahl am 28. September noch einmal haarscharf am Verlust der absoluten Mehrheit entlang schrammen sollte, die Symbiose ist weg. Die Einheit zwischen Bayern und der CSU, diese lange Zeit als gottgegeben betrachtete Herrschaft.
Gotthard Färber, 58, ist CSU-Bürgermeister im kleinen Markt Rieden in der Oberpfalz. Drei Vorbilder hat Färber: in der Politik Franz Josef Strauß, im Sport Franz Beckenbauer und in der Religion Papst Johannes Paul II.. Färber wäre gerne stolz auf seine Anführer, er ist es nicht. "Die Aura fehlt", sagt er, "die Ausstrahlung".
Es geht nicht darum, dass sich ein Franke wie Günther Beckstein in die Krachlederne zwängen soll oder seine Frau ein Dirndl anzieht. Der Ministerpräsident müsste etwas ganz anderes schaffen: er müsste den Leuten das Gefühl geben, dass er weiß, wo es langgeht und dass die CSU und nur die CSU weiß, was gut ist für das Land.
"Uns geht's nicht schlecht", sagt Bürgermeister Färber. "Aber wir fühlen uns nicht richtig wohl. Man fühlt sich nicht aufgehoben bei der CSU." Da helfen auch die besten Wirtschaftswerte nichts: nicht der Spitzenplatz beim Abbau der Arbeitslosigkeit, nicht die herausragende Wirtschaftskraft, nicht die guten Pisa-Ergebnisse. Es hat sich Unzufriedenheit über Bayern gelegt wie grauer Nebel, ein Land, umhüllt von Grant.
Gotthard Färber, der Bürgermeister aus der Oberpfalz, analysiert seine Partei mit einer Präzision, die fast schmerzt. "Die CSU hat nicht mehr das Gefühl für die Leut'", sagt Färber. "Sie will zuviel auf einmal und nichts richtig." Beim Rauchverbot zum Beispiel: Erst wollte man das strengste Rauchverbot in ganz Deutschland, dann ruderte man zurück, mittlerweile weiß niemand mehr, was gilt.
Die CSU biedert sich an
Bei der Pendlerpauschale: Erst hat die CSU mitgekürzt, jetzt kämpft sie dafür, sie wieder zu erhöhen. Bei der Gesundheitsreform: Erst dagegen, dann dafür, dann hinhaltender Widerstand. Die Bayern reagieren darauf mit Unwillen.
Die CSU dachte, sie wüsste, wie die Seele Bayerns funktioniert, jetzt weiß sie es nicht mehr. Sie, die Unbesiegbare, ist tief verunsichert. Die CSU biedert sich an: bei den Ärzten, den Bauern, den Blasmusikern. Doch je mehr sich die Regierung anstrengt, desto reservierter werden die Leute.
Franz Müntefering hat bei seiner fulminanten politischen Rückkehr am 3. September im Münchner Hofbräukeller die CSU-Führungsleute "Waschlappen" genannt. Nichts hat sie mehr getroffen. "Bayern kann keine Angsthasen brauchen, die sich nur Freunde machen wollen." Ein Satz, der so weh tat, weil er getroffen hat. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit wankt.
Der Niedergang des Führungsanspruchs begann am 1. November 2005. Da erklärte der damalige Ministerpräsident Stoiber, dass er nun doch nicht Minister unter Angela Merkel werden wolle. Jeder konnte sehen, wie der stolze Anführer der Bayern zermürbt war von der Raffinesse Merkels, dass er fremdelte in Berlin, das er doch mit bayerischer Urgewalt erobern wollte.
Fortan litten die Bayern: unter der Schwäche ihres Anführers, unter der Blamage vor "den Preußen", die er ihnen zugefügt hatte. Alles können die Bayern verzeihen, aber nicht Feigheit vor dem Feind. Es klingt seltsam, wenn ausgerechnet Stoiber heute seine Nachfolger mahnt: "Man darf eines nicht tun: die Seele Bayerns verraten."
Auch was danach kam, atmete nicht den Geist von Sturm und Drang. Stoibers Nachfolger hatten Angst vor der eigenen Courage, Angst vor der Aufgabe, am Ende Angst vor dem Volk. Sie schafften eines nicht: die Seele Bayerns für sich zu erwärmen.
Die Moderne schlägt zurück
Nein, Bayern wird nicht normaler, nicht deutscher, wie das die Wochenzeitung Die Zeit gerade geschrieben hat. Bayern will sich nicht einebnen lassen zwischen Hessen und Sachsen-Anhalt. Bayern will schon auch weiter etwas ganz Besonderes sein. Nur scheint als Beweis dafür die absolute Mehrheit der CSU nicht mehr vonnöten.
Die CSU hat das Land Bayern in die Moderne geführt, nun schlägt die Moderne zurück. Die Menschen sind selbstbewusster, auch kritischer geworden. Sie sind gut ausgebildet, verdienen gut und lassen sich nicht mehr irgendeinen Kandidaten vorsetzen, nur weil er das Schild "CSU" umgehängt hat. Bayern ist mit der CSU gut gefahren, Dankbarkeit dafür ist nicht zu erwarten. Nun akzeptieren die Leute sogar schwule SPD-Bürgermeister, sogar tief drin im Bayerischen Wald.
Der Filmemacher Herbert Achternbusch hat den Spruch geprägt: "In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten und die wählen alle die CSU." Auch die Spielarten von Anarchie ändern sich. Bürgermeister Färber hat eine interessante Beobachtung gemacht: Das Klientel der CSU splittet sich auf. "Unsere Jungen, die grantig sind über die CSU, wählen jetzt die Grünen. Die Alten, die grantig sind, gehen zu den Freien Wählern." Und Färber selbst? "Ich wähl' wieder CSU, weil es so ist und so bleiben soll." Es klingt wie eine Beschwörungsformel für einen Traum, der gerade verblasst.
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(SZ vom 23.09.2008)
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Ihr Einsatz für die CSU ist lobenswert und beispielhaft, weil er anderen, etwas nachdenklicheren und mit längerer Lebenserfahrung ausgestatteten Menschen beweist, wie Begeisterung und das Feuer der Jugend auch über die größten "schwarzen Löcher" hinweg hilft und deshalb zur unverbrüchlichen Stimmabgabe für die geliebte CSU führt! Die CSU wird selbstverständlich stärkste Partei mit ca. 40 % der Gesamtstimmen werden, weil viele, z. B. Erwachsene ohne Kinder, von dem Schlamassel in der Bildungspolitik, das Sie ja auch feststellen, verbunden mit Ihrer Gewissheit, die CSU werde es in den nächsten 5 Jahren schon besser machen, gar nicht betroffen sind. Auch die Landesbankaffäre mit der unvorstellbar hohen Neukreditaufnahme von 58 Mrd. unter Ausnutzung der Staatshaftung für die Schulden der Landesbank und den dadurch erst ermöglichten Ankauf von 24 Mrd. teueren "Subprime-Finanzpapieren" - ohne jede Beleihungsprüfung - hat ja - aufgrund mangelnder Aufklärung und Transparenz seitens der Staatsregierung und des 2005 als Innenminister mitverantwortlichen Günther Beckstein - niemand so richtig "kapiert"! Auch Ihre Antwort auf meinen Beitrag zeigt, dass Sie berechtigte Kritik an der CSU nicht annehmen können, als würde Ihnen damit jemand Ihren Glauben an eine "heile Welt der CSU" nehmen wollen. Ihr Idealismus verführt Sie dazu, Ihre Wünsche und Erwartungen in eine ideale CSU über die Realitäten des Fehlverhaltens der CSU auf einigen - nicht allen - aber wichtigen Lebensbereichen der Menschen in Bayern hinwegzusehen. So habe ich als Student auch gedacht und erst später gelernt, idealisierte Wünsche von unerfreulichen Tatsachen zu unterscheiden und dann richtige Wege der Missständebeseitigung zu beschreiten. Sie haben mir eine "Milchmädchenrechnung" vorgeworfen, weil sie nicht bereit und auch nicht in der Lage sind, die von mir sorgfältig recherchierten Zahlen mit nachprüfbaren Gegenargumenten zu widerlegen! Sie haben doch die politischen Fehlentscheidungen der CSU nicht getroffen, deshalb könnten Sie eigentlich auch berechtigte Kritik an der CSU - die ja keine Kritik an Ihrer Person ist - annehmen und sich in der CSU für Verbesserungen einsetzen! "Abblocken" hat noch nie die die Menschen überzeugt und deshalb geht es der CSU ja gerade schlecht, weil der verbale Aufwand des "Kleinredens" der Missstände von den Wählern erkannt wird und sich Erwachsene nicht gerne "für dumm verkaufen" lassen! So hat die CSU ihre "Watschn" durch den Wähler am Sonntag selbst produziert!
wollen Sie sich selbst mit derlei Milchmädchenrechnungen lächerlich machen?
Wollen Sie einen Herr Magat im Aufsichtrat oder eine Frau Matthäus Meier (SPD) im Vorstand (jaja - die ist immer noch im VORSTAND!!! - was sagen Sie dazu?? Sie ist immer OPERATIV tätig!!!!)?
Die weltweite Finanzkrise als singulär bayerische CSU-Problem?
Haben Sie die IKB und kfw-Verluste auch mit eingerechnet?
PS: Bisher haben die LB-Gewinne und die LB-"Verluste" den Steuerzahler keinen Cent gekostet und so wird es auch bleiben. Wollen Sie Planwirtschaft?
Nachdem Sie keine detaillierte Frage an mich stellten, sondern nur auf die Webseiten verwiesen, nehme ich an, dass Sie mit diesen Unterlagen die Berechtigung meiner Aussage 50 % - x entkräften wollen. "Fünf gute Jahre für Bayern" - starke Leistungsbilanz der Staatsregierung - kann ich deshalb nicht als richtig empfinden, weil gravierende Versäumnisse der Staatsregierung auf dem Schul- und Bildungssektor festzustellen sind. Wenn die Lehrerverbände durch ihre Berechnungen dokumentiert haben, dass in ganz Bayern aktuell 13.000 Lehrer fehlen und Unterrichtsausfall in ganz Bayern von über 10.000 Unterrichtsstunden im vergangenen Schuljahr vorgekommen ist, so ist dies keine gute Leistungsbilanz! Wer es überdies in 46 Jahren Alleinherrschaft nicht geschafft hat, die Klassenstärken auf das pädagogisch sinnvolle Maß von 20 Schülern pro Klasse zu senken, der hat für mich es auch nicht ernsthaft gewollt und am falschen Fleck gespart! Stoiber hat z. B. im Jahr 2004 sogar noch Grund- und Hauptschullehrer eingespart! Ein weiteres Drama ist die Pro Kopf Verschuldung, die durch den 58 Mrd. Kredit, den die Landesbank im Jahr 2005 aufgenommen hat, um u.a. im US-Immobilienmarkt die hoch riskanten "Subprime-Finanzpapiere" in der exorbitanten Höhe von 24 Mrd. einzukaufen, um ca. 5.800,-- pro Kopf gestiegen ist, so dass wir in Bayern eine reale Verschuldung von ca. 9.024 pro Kopf der Bevölkerung haben, also deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 7.004 ! Die Einbeziehung der 58 Mrd. ist dadurch gerechtfertigt, dass für diesen Kredit der Landesbank der Freistaat Bayern, und damit wir alle in Bayern, unbeschränkt haftet und der Kredit bewusst unter Ausnutzung der Staatshaftung aufgenommen wurde, um sich Beleihungsprüfungen für die Verwendung dieser Kredite zu ersparen! Kein Geldgeber hätte der Landesbank für den Ankauf dieser Papiere 24 Mrd. wegen des damit verbundenen Risikos gegeben! Nur wegen der Staatshaftung für die bis zum 18.07.2005 eingegangenen Verbindlichkeiten der Landesbank konnten die Kreditgeber "risikolos" diese 58 Mrd. an die Landesbank geben, weil ja der Staat und damit alle Steuerzahler Bayerns für die Rückzahlung unbeschränkt haften! Nach Auffassung der Bafin vom März 2008 sind diese US-Immobilien-Finanzpapiere um 25 % im Wert gesunken, so dass 6 Mrd. verloren gegangen sind! Inzwischen sind die Papiere auf ca. 40 % ihres Kaufpreises gesunken, also die Verluste auf 14,4 Mrd. angestiegen! Das wird erst nach der Wahl publiziert werden!
dann dürfte sich die CSU glücklich wähnen, wenn sie noch über 20% kommt. Da folgt ein düsteres Stimmungsbild dem nächsten und man könnte meinen, Huber und Beckstein tappsen unbeholfen von einem Fettnapf in den anderen, während die Parteifreunde ihr klägliches Schicksal beklagen ...
Ich habe meine Zweifel, dass das von der Online-SZ transportierte Bild der Realität entspricht. Herbert Achternbusch hat recht, wenn er sagt "In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten und die wählen alle die CSU" - der Rest sind die zuagroasten Siemens'ler :-D
http://www.csu.de/dateien/partei/ta/08_wahl_spezial.pdf
http://www.wiwo.de/mediadatabase/bayern_karte_gross.jpg
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