G8-Abitur in Bayern Scheitern muss sein, aber nicht zu oft

In Bayern wurden alle schriftlichen Abiturprüfungen noch einmal wohlwollend geprüft - auf Anweisung des Ministers. Doch die Herabsetzung der Standards ist nur auf den ersten Blick zum Wohle der Schüler. Sie offenbart vielmehr eine doppelte Gleichgültigkeit.

Ein Kommentar von Thomas Steinfeld

Als das bayerische Kultusministerium in der vergangenen Woche den Direktoren der Gymnasien die Weisung erteilte, man möge die Arbeiten zum schriftlichen Abitur noch einmal - und zwar sehr wohlwollend - prüfen, und außerdem die Maßstäbe für das Bestehen des Abiturs herabsetzte, blieb die Empörung zwar nicht aus: Die Lehrer beschwerten sich über die ihnen zusätzlich aufgebürdete Arbeit, der Philologenverband beklagte die knappe Vorbereitungszeit sowie die zu geringe Zahl der Unterrichtsstunden in den "Kernfächern", und viele, Eltern wie Lehrer, hielten wieder einmal die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre für eine schlechte Idee.

Das bayerische Kultusministerium hat die Lehrer angehalten, die Abiturprüfungen des G8-Jahrgangs noch einmal wohlwollend zu prüfen.

(Foto: dpa)

Nur am Rande aber wurde bemerkt, dass die plötzliche und späte Änderung der Kriterien für das Abitur ein bizarres Licht auf eine der wichtigsten Prüfungen wirft, die man im Leben zu bestehen hat (oder auch nicht): Denn wenn sich die Maßstäbe für ein Abitur so leicht per ministerialem Dekret (und per verordnetem "Wohlwollen") verschieben lassen, kann es in dieser Prüfung allenfalls an untergeordneter Stelle darum gehen, was die Schüler tatsächlich wissen und können. Viel interessanter dagegen ist, wie sich dieses Wissen und Können zu den Leistungen der anderen Schüler verhält - sodass, am Ende, immer ungefähr dieselbe Quote von Zurückgewiesenen und Gescheiterten dabei herauskommt.

Ist es nicht seltsam, wenn dasselbe Wissen zunächst so mangelhaft sein soll, dass dem Schüler die Befähigung zu einem akademischen Studium abgesprochen werden muss - um dann einige Tage später eben diese Perspektive zu eröffnen?

Gewiss, der Unterschied zwischen "knapp bestanden" und "nicht bestanden" mag im Zweifelsfall gering sein und nur im Drittel eines Notenschritts bestehen. Und doch ist er groß genug, um in gar nicht wenigen Fällen über einen bürgerlichen Lebensplan zu entscheiden. Die "Feinsteuerung" der Anforderungen für das neue Abitur durch das bayerische Kultusministerium offenbart daher eine doppelte Gleichgültigkeit: den Schülern gegenüber, die sich in Funktionen einer zu erreichenden Quote verwandeln, und dem Wissen gegenüber, das offenbar nur insofern interessiert, wie sich daran (variable) Kriterien für die schulische Selektion geltend machen lassen.

Und wenn dann die sozialdemokratische Opposition im bayerischen Landtag meint, dieser "Skandal" offenbare, dass die Anforderungen an die Schüler "deutlich zu hoch" seien, dann zeigt sie, dass sie gegen den radikalen Funktionalismus im Umgang mit dem Wissen (von "Bildung" will man ja gar nicht reden) keine Einwände hat. Es sind ihr nur die Quoten für die Verlierer zu hoch - während die Grünen beklagen, hier würde ein Jahrgang Abiturienten als "Versuchskaninchen" missbraucht, und also ebenfalls keinen ernsthaften Einspruch wider das Prinzip der Selektion und deren wechselnde Standards anmelden.

Wenn es aber auf Wissen und Können nicht ankommt - oder genauer: wenn Wissen und Können nur insofern von Belang sind, als sie sich in Kriterien für "Bestehen" oder "Durchfallen" übersetzen lassen: Was für ein Wissen, was für ein Können kommt dann dabei heraus? Eines, das dem Funktionalismus der Schulpolitik entspricht, ein Wissen also, dessen alle anderen Aufgaben zurücksetzender Zweck die Prüfung ist - diese gilt es zu bestehen, mit möglichst guten Noten, mit welchen Mitteln auch immer. Das Fragen nach Gründen, das freie Interesse an Gegenständen der Bildung, die Neugier und der Enthusiasmus - das alles kann nicht relevant sein, wenn das Ministerium das Abitur "feinjustiert", weil diese Motive nicht zu den Motiven der höheren Schulbildung zu gehören scheinen.

Was dann für Menschen aus dieser Schule hervorgehen, will man am Ende gar nicht mehr wissen - vielleicht hat man ja Glück und begegnet bloß den Opportunisten. Denn es könnten ja auch die beredten Ignoranten sein.