Fragwürdige Doktorarbeit "Grenzenloser Stuss"

Große Ehre für Dr. Götz: Karlheinz Götz mit Innenminister Joachim Herrmann bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Anfang Januar.

Vom Fensterputzer zum Doktor: Der Regensburger Putzunternehmer Karlheinz Götz hat sein Lebenswerk mit einer Doktorarbeit in Spanien gekrönt. Deutsche Professoren sind entsetzt über die Arbeit und nennen das Vorgehen des Autors "schamlos" und "skandalös".

Von Martina Scherf und Wolfgang Wittl

Und wie er strahlte: Karlheinz Götz neben dem bayerischen Innenminister. Joachim Herrmann heftete seinem "Cartellbruder" - so nennen sich die Mitglieder im Dachverband der katholischen Studentenverbindungen - das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse an die stolze Brust. Als Arbeitgeber und als sozialer Wohltäter habe sich der Mann aus Regensburg um das Land verdient gemacht, sagte der Minister.

In seiner Heimatstadt gehört der Putzunternehmer ("Blitz-Blank K. Götz") zu den einflussreichsten Honoratioren, auch als Stifter ist Dr. Götz bekannt. Doch nun befleckt ausgerechnet der Doktortitel seine weiße Weste. Ein Journalist des Online-Portals Regensburg Digital ist auf die Dissertation gestoßen, die Götz 2005 bei der Universität Oviedo in Spanien eingereicht hatte. Mittlerweile macht die fragwürdige Arbeit auch in der spanischen Presse Schlagzeilen.

Vom Fensterputzer zum Millionär, so könnte der Lebenslauf des Karlheinz Götz überschrieben sein. Der Vater hatte mit einem "geschenkten Fensterleder", so steht es in der Firmenchronik, nach dem Krieg angefangen. Sohn Karlheinz, der zunächst an der Pädagogischen Hochschule Grundschullehramt studiert, nach dem Tod des Vaters aber schon 1967 die Firma übernommen hatte, machte daraus ein internationales Unternehmen.

International tätig: "Blitz-Blank K. Götz"

Etwa 15.000 Mitarbeiter hat die Blitz-Blank K. Götz AG heute und 90 Niederlassungen in sechs Ländern. Längst ist sie keine reine Putzfirma mehr, sondern im gesamten Gebäudemanagement tätig. In und um Regensburg gibt es kaum ein Rathaus, Krankenhaus oder Altenheim, das nicht von Götz' Putztruppen betreut wird.

Vor gut acht Jahren - Götz war damals fast 65 Jahre alt - kam der Unternehmer offensichtlich zur Überzeugung, diese Lebensleistung könnte ein Doktortitel krönen. In Anknüpfung an sein Lehramtsstudium schrieb er eine Arbeit über "Die Entwicklung des Schulwesens in der Oberpfalz und in der freien Reichsstadt Regensburg bis 1810 sowie in Salzburg bis 1816".

Warum er diese in Oviedo einreichte, darüber gibt es bisher nur Vermutungen. Klar ist aber, dass eine deutsche Uni die Arbeit kaum akzeptiert hätte. "Jeder Doktorvater würde verhindern, dass er mit einem Produkt dieser Qualität blamiert würde", sagt Hans-Michael Körner, emeritierter Professor für Geschichtsdidaktik an der LMU.

Quellenforschung? Nein. Primärquellen? Kaum.

Allein der behandelte Zeitraum, "von der Begründung des Christentums", wie es im Vorwort heißt, bis ins 19. Jahrhundert, wäre nicht zu bewältigen, würde man, wie bei einer Promotion üblich, Quellenstudium betreiben. Primärquellen sind aber kaum genannt. Auch formal erfüllt die Arbeit keine wissenschaftlichen Anforderungen.

Marcelo Caruso, Experte für historische Bildungsforschung an der Humboldt-Universität Berlin, hat selbst über die Geschichte des bayerischen Schulwesens promoviert und ist im deutschen wie im spanischen Universitätswesen zu Hause. Er sagt: Auch in Oviedo galten vor acht Jahren schon Standards, denen diese Arbeit nicht genügt. Warum sie dennoch angenommen wurde, sei ihm "ein Rätsel".

Er habe selten "so einen grenzenlosen Stuss" gesehen, sagt der Münchner Professor Körner. Das Werk - "bei Lichte besehen 100 Seiten" - lasse sogar die Standards einer Proseminar-Arbeit vermissen. Er habe eine Vielzahl von Zulassungsarbeiten korrigiert, "die dieses Elaborat intellektuell um Längen übertreffen". Es fehlen etwa nicht nur Fußnoten - seitenlang finden sich überhaupt keine Zitate oder Quellenverweise. Das Literaturverzeichnis beschränkt sich auf 32 Angaben, eigene Quellenforschung sucht man vergeblich, kritisiert Körner. Stattdessen findet sich mehrmals das "Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens", herausgegeben von Max Liedtke, 1993. Aus diesem Werk hat sich Götz reichlich bedient, ohne die Autoren zu nennen.

"Schamlos" und "skandalös" nennt der Historiker Walter Fürnrohr dieses Vorgehen. Der emeritierte Erlanger Professor stellt nach Durchsicht der Arbeit fest: Ganze Textpassagen seien von ihm übernommen und durch Umdrehen einzelner Wörter verfremdet worden, um die Quelle zu vertuschen. Aber auch die Thematik sei "schwammig" - eine Zusammenfassung der Oberpfalz mit der freien und protestantischen Reichsstadt Regensburg und mit Salzburg erkläre sich nicht. Dass eine spanische Professorin so etwas akzeptiere, kann auch er sich kaum vorstellen, die Arbeit sei ihr wohl "untergejubelt" worden.