Erinnerungen von 1812 Blechernes Kriegstagebuch

Wimmer präsentiert sich nicht als Held, sondern wie er sich 1812 bei der Schlacht von Polozk vor den angreifenden Kosaken unter dem Wagen versteckt.

(Foto: )

Vor 200 Jahren zog Jakob Wimmer aus Katzwalchen nach Russland. Der Soldat dokumentierte in einem Kästchen seine Erlebnisse. Dieses einzigartige Relikt wird nun restauriert. Das Besondere: Wimmer präsentiert sich nicht als Held, sondern eher als Feigling.

Von Hans Kratzer

Europa jammert über die Finanzkrise und tut so, als ob demnächst die Welt unterginge. Der Bauernsohn Jakob Wimmer aus Katzwalchen (Landkreis Traunstein) und seine vielen Leidensgenossen hätten seinerzeit wohl jubiliert, wenn sie "nur" die Sorge ums Geld geplagt hätte. Ihre Jugendzeit war vor gut 200 Jahren vom Krieg geprägt, denn Europa stand unter der Fuchtel des Franzosenkaisers Napoleon. Und der hetzte seine Verbündeten von einer Schlacht in die nächste.

Im Jahr 1812 musste Wimmer als Soldat des Koeniglich-Baierischen 1. Linieninfanterieregiments mit der Grande Armée nach Russland ziehen, wo Napoleons Eroberungswut in einem Desaster endete.

Zu den wenigen, die zurückkehrten, gehörte auch Jakob Wimmer, dem wir ein einzigartiges Relikt dieser Zeit verdanken. Es handelt sich um ein blechernes Gedenk-Kasterl, das in Wort und Bild an Wimmers Militärzeit erinnert. Bislang war es unscheinbar an einer Wand am Eingang der Pfarrkirche Mariä Empfängnis in Palling eingelassen. Von den Jahren und von der Witterung gezeichnet, wird dieses kostbare Stück momentan in der Restaurierungswerkstatt des Landesamts für Denkmalpflege konserviert.

Der Betrachter ahnt kaum, welcher Schatz sich in dem rostbraun verfärbten Kasterl verbirgt. Öffnet man den Deckel, ist auf einer Blechtafel das Porträt eines Bauern zu sehen, über dessen Identität eine Notiz auf der Innenseite Aufschluss gibt: "Jakob Wimmer Freidlbauer von Katzwalchen machte 1812 den Feldzug nach Russland, 1813, 1814 und 1815 den Feldzug nach Frankreich mit und starb 1872 in Palling im Alter von 82 Jahren." Als einem der wenigen Männer aus seiner Generation war dem Freidlbauern also ein langes Leben geschenkt. Vermutlich aus Dankbarkeit über seine glückliche Heimkehr hat er das Gedenk-Kasterl wohl in den Jahren zwischen 1850 und 1870 anfertigen lassen. Auf einer der sieben Tafeln erfahren wir, dass Wimmer auch bei der blutigen Schlacht von Polozk am 18. und 19. Oktober 1812 mitgekämpft hat. Diese Schlacht ist als "Bayerngrab" in die Geschichte eingegangen. Wimmer schrieb dazu:

"Als wir am 20. Oktober uns zurückziehend die Düna verlassen, sprengten zwischen 5 und 6 Uhr abends Kosacken an, wir sprangen auf einen Pulverwagen und sagten, nicht zu schießen; jedoch schoss einer von uns einen Kosacken vom Pferde; jetzt erst sprengten sie in voller Menge auf uns ein; ich versteckte mich unter den Pulverwagen, wo noch ein schwer Verwundeter lag; ich wickelte mich in einen Mantel und schaute bloß mit dem Gesicht welches ich mit Blut bestrich heraus. Etwa hundert Schritte rückten die Russen noch vor; dann kam unser großes Geschütz, die Russen mussten zurück, und ich gieng wieder zu den Unserigen."

Bemerkenswert ist, dass Wimmer hier keine Heldentat schildert, sondern eher eine "Feigheit vor dem Feind", wie es der Restaurator Jens Wagner am Montag im Denkmalamt bei einem Vortrag über das Kasterl ausdrückte. Wimmer versteckte sich, als die Gegner angriffen. Andernfalls hätte er den Russlandfeldzug aber womöglich nicht überlebt.