Dösingen Mit diesem Auto dürfen auch 16-Jährige fahren

Das Fahrzeug gilt nicht als Auto, sondern wegen der eng beisammenstehenden Reifen hinten als motorisiertes Dreirad. 5000 Euro kostet der Umbau.

(Foto: Johannes Simon)

Und das alleine, ohne Autoführerschein und ganz legal. Dafür hat Mechaniker Wenzl Ellenrieder ein Jahr lang getüftelt, geschraubt, ausprobiert - alles verworfen und von vorne angefangen.

Von Maximilian Gerl, Dösingen

Es ist Weihnachten, als der Automechaniker zum Erfinder wird. Wenzl Ellenrieder, Baujahr 1962, hat über die Feiertage in seiner Werkstatt nichts zu tun, er könnte sich selbst freigeben und ein bisschen Urlaub machen, aber er ist trotzdem da. Schleppt Eisenteile vom Hof in die Werkstatt, bastelt irgendwas zusammen, geht wieder raus auf den Hof, macht Tests. Nach den Feiertagen lädt er seinen Prototypen auf den Hänger und fährt zum TÜV. "Die haben ganz schön geschaut", sagt Ellenrieder heute und versetzt unbewusst sein Gesicht ins Staunen. Gut vorstellbar, wie sie sich beim TÜV im ersten Moment - nun ja - überfahren fühlten von diesem Ding, das Ellenrieder anschleppte. So etwas hatten sie noch nie gesehen.

Fast ein Jahr später, am 22. November 2014, meldet Ellenrieder seine Erfindung bei der Zulassungsbehörde an. Er nennt sie "Ellenator": ein Auto, mit dem 16-Jährige fahren dürfen. Alleine, ohne Autoführerschein, ganz legal. Rund 170 Ellenatoren hat er seitdem verkauft. 130 davon sind auf der Straße unterwegs, der Rest wurde vorbestellt. Die meisten Kunden kommen aus Bayern und Baden-Württemberg, ein paar auch aus Norddeutschland.

Ellenrieder hat schon immer gern gebastelt und getüftelt. Ein Motorrad hat er mal bajuwarisiert, es weiß-blau lackiert, ein Fassl als Topcase hinter den Fahrersitz montiert und einen Kocher installiert, der Weißwürste während der Fahrt erhitzt. Aber der Ellenator ist dann doch was Größeres. Offenbar hat Ellenrieder mit ihm eine Marktlücke gefunden. Eine Nische.

Der Hammer

Zimmerer Luca Fürmann stellt bei der Innovationsstiftung Isus in Oberhaching sein Projekt vor, das Leben retten soll. Von Christina Hertel mehr ...

Ellenrieders Werkstatt steht in Dösingen, Gemeinde Westendorf im Ostallgäu. Kaufbeuren ist nicht weit weg, einen motorisierten Untersatz vorausgesetzt. Wer hier aufwächst und 16 wird, besorgt sich meist als erstes einen A-1-Führerschein und ein Moped, um damit von Dorf zu Dorf fahren zu können. Für die Jugendlichen bedeutet das Freiheit. Für viele Eltern dagegen Sorgen: ein Fahranfänger mit dem Moped auf der Landstraße, dann noch Nebel, Regen oder Dunkelheit - da braucht es nicht viel Fantasie, um sich einen schlimmen Unfall vorzustellen.

Als der älteste Sohn 2013 den A-1-Führerschein macht, überlegt auch Ellenrieder, wie er dessen Ausflüge sicherer gestalten kann. Zwar gibt es spezielle Fahrzeuge für 16-Jährige, sogenannte Rollermobile. Sie sehen meist wie Autos aus und sind auch so gebaut. Ellenrieder nennt sie trotzdem "Pappendeckelkisten": Die Verkleidung sei zu dünn und biete zu wenig Sicherheit, außerdem seien die Fahrzeuge vom Preis-Leistungsverhältnis her zu teuer. Nein, wenn dann müsse schon ein richtiges Auto her. Aber das darf man in Deutschland ja erst von 18 an und mit einem B-Führerschein fahren.

"Was so ein Bier alles ausmacht"

Ellenrieder kann plastisch erzählen, man sieht ihn sofort vor sich, wie er im November 2013 nach Feierabend in die Werkstatt geht, sich eine Halbe Bier aufmacht, an der Werkbank vor sich hinbastelt. Irgendwann fällt ihm der VW Polo auf, der oben auf der Hebebühne steht. Ellenrieder stellt sein Bier hin, legt das Werkzeug weg, geht unter das Auto, schaut sich alles an. Und dann kommt ihm diese eine zündende Idee. "Was so ein Bier alles ausmacht", sagt Ellenrieder.

Dabei klingt seine Idee eigentlich einfach: Man nehme einen Fiat 500, drossle ihn auf 20 PS, reiße die Hinterachse heraus und lege eine neue quer durch den Kofferraum. Von der Seite sieht es dann aus, als würde der Fiat hinten in der Luft hängen, die Räder scheinen verschwunden zu sein. Tatsächlich aber sind sie jetzt in der Mitte, im Kofferraum. Direkt nebeneinander mit nur einigen Zentimetern Abstand. Weil die Räder so nah beisammenstehen, werden sie vor dem Gesetz zu einem. Das Auto ist plötzlich kein Auto mehr, sondern ein motorisiertes Dreirad, das man mit einem A-1-Führerschein fahren darf.

Praktisch ist es ein bisschen komplizierter. Über Weihnachten macht Wenzl Ellenrieder aus seiner Idee Ernst, testet sie mit verschiedenen Fahrzeugmodellen und selbstgebauten Achsen, holt sich danach Rat bei den Kollegen vom TÜV. Er entscheidet sich schließlich für den Fiat, der hat das Gewicht mehr auf der Vorderachse. Ellenrieder engagiert einen Ingenieur für weitere Berechnungen. "Die Hinterachse muss jetzt ja doppelt so viel Gewicht tragen", sagt er. Ganz zum Schluss nimmt er sich einen Anwalt und meldet ein Patent auf den Ellenator an. Seine Freunde haben ihm dazu geraten: "Wenzl, du beißt dir nachher in den Arsch, wenn du das nicht machst."

Der Traum für Teenager: Für seinen Ellenator nutzt Wenzl Ellenrieder einen Fiat 500 als Basis.

(Foto: Johannes Simon)

Ellenrieder lädt zur Probefahrt. Zu seiner Werkstatt gehört ein Autohaus, auf dem Hof stehen viele Piaggio Ape, diese dreirädrigen Kisten, die man vor allem aus Italien kennt. Der Ellenator fühlt sich immer noch wie ein Fiat an, schafft 90 Kilometer pro Stunde. In der Kurve bleibt er stabil, trotz Dreiradkonstruktion. "Alles wie in einem normalen Auto", sagt Ellenrieder und kurvt quer durchs Dorf. Er hat sich mit drei anderen Autohäusern zusammengetan. Bei den Kollegen kann man einen gebrauchten Fiat kaufen, Ellenrieder und seine Leute bauen ihn dann zum Ellenator um. 5000 Euro kostet das. Obendrauf kommt der Preis für den Fiat, je nach Alter, Zustand und Ausstattung. Das ist deutlich mehr als für ein Moped, aber dafür habe man mehr Komfort und Sicherheit, findet Ellenrieder. "Ich habe sieben Airbags hier drin." Außerdem könne man im Ellenator Leute mitnehmen. "Wenn ich als Jugendlicher mit dem Ding irgendwo aufgekreuzt wäre, da wäre ich der Größte gewesen."

Ellenrieder rollt zurück auf den Hof. Bis zu 70 000 Euro hat er in die Entwicklung seiner Idee gesteckt, die will er natürlich wieder reinholen. Das Ziel: 150 Fiat im Jahr zu Ellenatoren umbauen. "Das wär was", sagt Ellenrieder. "In der Schule war ich ein nixiger Hund, im Zeugnis stand: Vorrücken gefährdet." Jetzt ist er Erfinder.