Behinderte Kinder Ausgegrenzt

Familie Manke kämpft seit eineinhalb Jahren darum, dass die Kosten für den Schulweg ihrer beiden behinderten Kinder übernommen werden. Niemand fühlt sich zuständig, weil Amina und Finn in Bayern wohnen, aber auf eine Förderschule in Hessen gehen.

Von Sarah Kanning

Wie in Zeitlupe greift Amina nach einem Puzzleteil, presst es in eine Holzform. Sie stößt einen Laut aus, es klingt wie "schau", die Eltern sollen sehen, dass sie es geschafft hat. Finn hält ein rotes Spielzeugauto in seiner verkrampften Kinderhand und lässt es langsam auf den Collie zufahren, der auf dem Teppich schläft. Am Esstisch sitzt die Mutter von Finn und Amina und sagt: "Zwei besondere Kinder sind eine kraftraubende Aufgabe." Die könnten Corinna und Georg Manke aus Alzenau im Landkreis Aschaffenburg allerdings bewältigen - wenn sie nicht seit eineinhalb Jahren zusätzlich einen Kampf gegen die Bürokratie führen müssten. "Das schaff ich nicht", sagt Corinna Manke. "Unsere Kraft ist aufgebraucht." Ihre Hände verkrampfen sich um einen grünen Leitzordner.

Amina und Finn, neuneinhalb Jahre alt, sind hübsche, schmale Zwillinge. Doch im Alltag eine Herausforderung: Beide sind schwer behindert, brauchen Rundumbetreuung. Epileptische Anfälle im Babyalter haben ihre Ohren und Augen geschädigt, Finn spricht kein Wort, beide Kinder sitzen im Rollstuhl, Hände und Füße verkrampft, sie können nur wenige Schritte laufen. Seit eineinhalb Jahren gehen sie in eine Förderschule. Nach Meinung der bayerischen Politik: leider in die falsche. Die Schule ist zwar die nächstgelegene zum Zuhause der Familie - doch sie liegt in Hessen.

Und das ist das Problem. Während innerhalb Bayerns die Landratsämter die Kosten für die Schulwegbeförderung übernehmen, wenn sie 370 Euro übersteigen, will im Fall der Familie Manke niemand zahlen: Nicht das Landratsamt Aschaffenburg, nicht die Regierung von Unterfranken, nicht der Freistaat, nicht der Bund. Die Mankes haben alle angeschrieben, vom Landtagsabgeordneten bis zum Behindertenbeauftragten des Bundes. Auch mit der ehemaligen Familienministerin Kristina Schröder haben sie gesprochen. Alle zeigten persönlich Verständnis - und doch bewegte sich nichts. Die Ämter lehnten Anträge und Widersprüche der Familie immer wieder ab. "Kein Ermessensspielraum" heißt es in den Bescheiden. "Unsere Situation interessiert in Bayern niemanden", sagt Georg Manke. "Da könnte man ausflippen."

Mehrere hundert Euro im Monat zahlen die Mankes aus eigener Tasche, damit ihre Kinder zur Schule und zurück gebracht werden. Die Schulbegleiter machen Überstunden, die Mankes geben ihr Privatauto her. Das Landratsamt Aschaffenburg sagt, es gebe keine rechtliche Grundlage, die Kosten zu erstatten, weil die sogenannte Kostenfreiheit des Schulwegs nicht zu Förderschulen außerhalb von Bayern gelte. Auch dass die Martinsschule die nächstgelegene ist - 19 Kilometer sind es, wenn man über die Dörfer fährt -spielt keine Rolle: Dieses Kriterium gilt nur für die Beförderung an weiterführende Schulen wie Gymnasien - "nicht jedoch im Förderschulbereich." Georg und Corinna Manke verstehen diese Argumentation nicht - schließlich liegt ihr Wohnhaus nur fünf Kilometer von der hessisch-bayerischen Grenze entfernt. Sie kennen viele Schüler, die vom einen ins andere Bundesland wechseln. "Wir wollen einfach nur die gleiche Unterstützung wie andere Familien auch", sagt Corinna Manke.