Wirbel um Fliege-Seminar Kalter Guss für die Kneipp-Stadt

Fernsehpfarrer Fliege kommt mit einer Veranstaltungsreihe nach Bad Wörishofen - und bringt TV-Koch Schuhbeck, Anselm Grün und eine Horde Geistheiler mit. Die Hoteliers rufen Hosianna. Nur die Stadt ist gar nicht begeistert.

Von Stefan Mayr

Jürgen Fliege kommt. Und viele sind entsetzt. Der bekannte Fernsehpfarrer i. R. und Menschenversteher macht in Bad Wörishofen eine Erfahrung, die ihm womöglich neu, in jedem Falle aber unangenehm ist: "Das trifft mich brüderlich schon sehr", sagt der 63-Jährige angesichts der Unruhe, die er in dem Unterallgäuer Kurort mit seiner Veranstaltungsreihe "Wörishofener Herbst" ausgelöst hat.

Die Hoteliers und Gastwirte rufen zwar Hosianna angesichts 2000 zusätzlicher Gäste in der Nebensaison. Doch die katholischen Kirchengemeinden boykottieren das sogenannte Fest für Körper, Geist und Seele. Bürgermeister Klaus Holetschek (CSU) geht ebenfalls auf Distanz und initiiert sogar eine Gegenveranstaltung.

Es ist bereits Flieges zweiter "Herbst" in Wörishofen. 2009 war sogar Holetschek noch sehr erfreut über den Besuch des prominenten evangelischen Fernsehpfarrers. Doch inzwischen zeigt sich der Bürgermeister äußerst skeptisch: "Ich habe mit einigen Angeboten meine Probleme", sagt Holetschek. Damit meint er vor allem die "Nacht der Heiler", bei der mehrere Geistheiler hilfesuchenden Menschen die Hände auflegen.

Bereits 2009 waren die Heiler in der Stadt, seitdem sind Fliege und sein "Wörishofener Herbst" sehr umstritten. Viele fürchten um das Image des Kurorts, manche sehen das Erbe Sebastian Kneipps für kommerzielle Zwecke missbraucht. Der Pfarrer hatte im 19. Jahrhundert in Wörishofen die berühmte Kneipp-Kur entwickelt.

Jürgen Fliege selbst bezeichnet sein Event als "spirituelles Woodstock, wo wir alles zusammenführen, was für ein sinnvolles, gesundes Leben nötig ist". Andererseits beruft er sich ausdrücklich auf Kneipp: "Zu den Hauptthemen gehört das Verhältnis der Menschen zu Mutter Erde", damit sieht er sich "ganz in der Tradition Kneipps".

Mit dieser These sind nicht alle einverstanden. "Pfarrer Kneipp hätte so etwas nie getan, er war immer ein treuer Sohn der katholischen Kirche", sagt der Psychiater, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz. Lütz sprach zum Auftakt einer Diskussionsreihe, die Bürgermeister Holetschek ins Leben gerufen hat. Sie heißt "Bad Wörishofer Gespräche" und beruft sich in ihrem Untertitel "Themen für Körper, Geist und Seele" fast gleichlautend wie Fliege auf Sebastian Kneipp. "Beim ersten Wörishofener Herbst hat sich Pfarrer Kneipp in seinem großen Grab einmal um 180 Grad gedreht", sprach Lütz im Kurhaus. Die Stadt müsse aufpassen, "dass sie ihren seriösen Ruf, ihr Image nicht verliert".