Autobahn A 95 Carrerabahn für Männer mit Geld

Tempo-300-Zone? Auf der A 95 gilt für manche offenbar kein Limit.

(Foto: D. Schmidt/SZ (Montage))

Keine Tempolimits, kaum Lastwagen - die A 95 in Oberbayern nutzen vor allem Männer zum Rasen. Sie drehen in teuren Autos hoch auf Tempo 300, prahlen im Internet mit ihren Rekorden - und gefährden mit maßloser Selbstüberschätzung sich und andere.

Von Sebastian Beck, Frank Müller, Theo Müller und Ralf Scharnitzky

Mehr war selbst aus dem Porsche 911 Turbo mit 480 PS nicht rauszuholen: "306 . . . 311 . . . 314 . . . 314 . . . 314" - irgendwo in der Nähe von Murnau schoss der Sportwagen im Flugzeug-Tempo über die Autobahn A 95. Ein Beweisfoto von der Tachoanzeige illustriert den Erlebnisbericht des Rasers. Und eine Empfehlung gibt er auch an die Rennfreunde aus aller Welt: Am besten sind die letzten zwölf Meilen der "Superbahn" vor dem Autobahnende in Eschenlohe. Wenig Verkehr, übersichtliche Strecke, moderate Kurven. Ideal, um mal schnell auf Tempo 300 hochzudrehen. Und ganz legal obendrein.

Der Fahrer hat den Wahnwitz auf der A 95 überlebt und prahlt damit seit ein paar Jahren im Internet. Ein anderer starb am vergangenen Sonntag auf derselben Strecke: Der 45-Jährige wollte mit seinem Porsche auch mal die Sau rauslassen. In der Nähe von Icking flog er mit einer Geschwindigkeit von 200 bis 300 Kilometern pro Stunde ins Gebüsch und war sofort tot. Weil ein leerer Kindersitz neben dem Wrack lag, mussten Mathias Buck und seine Kameraden von der Feuerwehr Hohenschäftlarn den Wald nach einem möglichen zweiten Opfer absuchen. Zum Glück aber saß er alleine im Auto. Auf seiner Facebookseite kann jeder sehen, wen der Münchner hinterlässt: zwei kleine Töchter und eine Frau.

"Es ist jedes Mal ziemlich schlimm"

Für Buck, den stellvertretenden Kommandanten der Hohenschäftlarner Feuerwehr, war es in diesem Jahr bereits der vierzehnte oder fünfzehnte Einsatz auf der Autobahn A 95. So genau weiß er das inzwischen auch nicht mehr. "Es ist jedes Mal ziemlich schlimm", sagt er. "Das sind Unfälle, die einen auch nicht kalt lassen." Die Ursache ist fast immer die gleiche: Die Autofahrer sind zu schnell unterwegs.

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(Foto: SZ-Grafik; Fotos: Gaulke)

Bucks Kollege Christian Abt leitet die Feuerwehr Penzberg, 25 Kilometer weiter südlich. Bei feuchtem Wetter, sagt er, da könne man darauf warten, bis es auf der Autobahn wieder kracht: "Da fliegen die Sportautos mit ihren breiten Reifen ab." Oft sind es die Porschefahrer, die sich und andere gefährden, weil sie die Autobahn als Rennstrecke missbrauchen. Ende Mai 2013 mussten die Penzberger ausrücken, weil ein 26-jähriger Amerikaner nahe Sindelsdorf auf nasser Fahrbahn die Kontrolle über seinen gemieteten 911er Carrera verlor. Er und seine Beifahrerin überlebten das Abenteuer auf der German Autobahn unverletzt, am Auto entstand ein Schaden von 30 000 Euro. Im Juni 2014, abermals bei Sindelsdorf: Ein Porsche gerät bei Regen ins Schleudern, 37 000 Euro Schaden.

Der schlimmste Unfall aber ereignete sich vor einem Jahr am Autobahndreieck Starnberg: Ein Porschefahrer aus Baden-Württemberg rammte mit schätzungsweise Tempo 300 den Kleinwagen einer Frau aus Weilheim. Sie starb, er und sein Beifahrer überlebten leicht verletzt. Die Schleuderspuren zogen sich über 600 Meter.

"Und dann rein in die Eisen"

Ist die A 95 zwischen München und Garmisch eine Strecke für irre Rennfahrer? Nein, sagt zumindest Andreas Guske, der Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern: "Wir können nicht von einer Raserautobahn sprechen." Berufspendler wie der Feuerwehrmann Mathias Buck haben andere Beobachtungen gemacht: Vor allem am frühen Morgen oder spät abends heizen die Sportautos Richtung Garmisch. Keine Tempolimits, kaum Lastwagen - die A 95 ist eine Art Carrerabahn für Männer mit Geld. Von denen gibt es in München und Starnberg mehr als anderswo.

Die Unfallstatistik für die A 95.

(Foto: )

In diversen Internetforen gelten besonders die A 96 nach Lindau und die gut 67 Kilometer lange A 95 als Tipp, um mal das Auto voll auszutesten: "Ja, das letzte Stück ist echt ein Sahnestück. Man muss allerdings die letzte lang gezogene Kurve vor der Geraden schon mit mindestens 180 nehmen, dass man bis zum Autobahnende die 280 anstehen hat. Und dann heißt's rein in die Eisen!" Ein anderer schreibt: "Auf dieser Strecke habe ich das Schnellfahren gelernt - natürlich nachts!" Eins noch zur Sicherheit: "In den Kurven (die A 95 besteht fast nur aus Kurven) muss man ein ruhiges, aber hartes Händchen haben."