Allgäu Drogen-Skandal erschüttert Bayerns Polizei

Im Spind des Kemptener Chef-Fahnders werden 1,5 Kilogramm Kokain gefunden. Andere Beamte deuten an, er könnte mit der Mafia zusammengearbeitet haben. Das Allgäu gilt schon lange als Hochburg der italienischen Drogen-Mafia, nun ermittelt das Landeskriminalamt.

Von Stefan Mayr

Die bayerische Polizei wird von einem Drogenskandal im Präsidium Kempten erschüttert, der das Vertrauen der Bevölkerung in die Sicherheitsbehörden massiv und nachhaltig beeinträchtigen könnte. In der vergangenen Woche hatten die Behörden mitgeteilt, dass ein Kemptener Kriminalpolizist wegen Drogendelikten und wegen Straftaten gegen seine Ehefrau festgenommen wurde. Nun berichtete die Augsburger Allgemeine, dass der Festgenommene niemand geringerer war als der Leiter der Drogenfahndung. Und dass in seinem Spind 1,5 Kilogramm Kokain gefunden wurden. Zudem äußert die Zeitung den Verdacht, der 52-Jährige könnte mit der Drogenmafia kooperiert haben. Außerdem soll er zwei Kollegen angeschwärzt und aus dem Verkehr gezogen haben, weil er befürchtete, durch ihre Ermittlungen aufzufliegen.

Eine offizielle Stellungnahme der Behörden zu den Vorwürfen gab es bis Sonntag nicht. Doch gut informierte Kreise der Allgäuer Polizei bestätigen der Süddeutschen Zeitung, dass der Bericht alles andere als aus der Luft gegriffen ist. Trotz vieler offener Fragen steht bereits eine Tatsache fest: Die Unruhe bei der Polizei ist enorm, weil dieser Fall schon jetzt ihr Ansehen massiv beschädigt.

Die Behörden, die die Affäre aufarbeiten, geben sich allerdings überaus zugeknöpft: Die zuständige Staatsanwaltschaft München I bestätigt bislang nur, dass sie wegen des Verdachts auf ein Drogendelikt gegen einen Polizeibeamten ermittelt. Dabei wird sie wie bei allen Verfahren gegen Polizisten vom Landeskriminalamt (LKA) unterstützt. Das LKA kommentiert den Bericht nicht. Auch Innenminister Joachim Herrmann (CSU) schweigt sich mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren aus.

Das Allgäu als Hochburg der italienischen Drogen-Mafia

Der verdächtige Polizeibeamte ist vom Dienst suspendiert und sitzt in Stadelheim in Untersuchungshaft. Er war seit mehreren Jahren Chef der Drogenfahndung und hatte den Rang eines Ersten Kriminalhauptkommissars. Aufgeflogen ist er durch einen Hilferuf seiner Ehefrau, die sich am vorvergangenen Wochenende nach einem massiven Streit mit ihrem Mann an die Polizei wandte. Zunächst stand er "nur" unter Verdacht, häusliche Gewalt gegen seine Frau angewandt zu haben. Dann fanden die Ermittler laut Zeitungsbericht in seinem Schrank im Präsidium 1,5 Kilogramm Kokain - im Schwarzmarktwert von etwa 250 000 Euro.

Zusätzliche Brisanz erhält der Fall durch die Tatsache, dass das Allgäu seit den 1990er-Jahren als Hochburg der italienischen Drogenmafia gilt. Woher hatte der Mann die Drogen? Hat er mit den Dealerbanden kooperiert? Im Zuständigkeitsbereich seines Präsidiums tauchten immer wieder italienische Mafiosi unter, die in ihrer Heimat in Gefahr waren. Dabei fungierte das Allgäu allerdings nicht nur als Rückzugsgebiet, sondern auch als Verteilzentrum für Drogen und Falschgeld.

Ermittler nannten das beschauliche Voralpenland einen "Vorposten für das Syndikat". 1998 griff die Polizei am Bahnhof in Kempten den Berufskiller Giorgio Basile auf. Er trug den Spitznamen "Engelsgesicht", auf sein Konto sollen 30 Auftragsmorde gehen. 2008 gab es eine Razzia in der Pizzeria Vulcano mitten in Sonthofen. Das Lokal wurde angeblich von der kalabrischen 'Ndrangheta als Kokain-Drehscheibe zwischen Belgien und Italien genutzt. Im Jahre 2007 hatte die 'Ndrangheta in Duisburg sechs Italiener auf offener Straße erschießen lassen. In Sonthofen begnügte sich die Bande dagegen mit Drogengeschäften und Geldfälschung.

Mickrige Ausbeute bei Großrazzia

Nach diesem Verfahren war es in den vergangenen Jahren ruhiger geworden. Viele Bürger dachten deshalb, die organisierte Kriminalität hätte sich ein anderes Revier gesucht. Nach der jüngsten Festnahme fragen sie sich: War die Ruhe vielleicht nur trügerisch, weil die Verbrecher beste Kontakte in die Polizeispitze hatten? Die Zeitung berichtet, im September habe im Allgäu eine Großrazzia mit mehr als 100 Beamten stattgefunden. Die Ausbeute war überaus mickrig: In 33 Wohnungen seien lediglich 15 Gramm Kokain und 15 Gramm Marihuana gefunden worden. Nicht nur Bürger, sondern auch viele Polizeibeamte fragen sich nun, ob die Verdächtigen vorher gewarnt wurden.

Woher das Kokain aus dem Schrank des Kommissars stammt, ist bislang unbekannt. Die Staatsanwaltschaft München I macht zu dem Fall keine Angaben. Dem Zeitungsbericht zufolge war der 52-Jährige für die Vernichtung konfiszierter Drogen verantwortlich. Unklar ist, ob er das Kokain unterschlagen hat und was er damit machen wollte. Verkaufen? Dass er so viel Stoff zum Eigengebrauch benötigt, gilt als ausgeschlossen.

Offen ist auch die Frage, ob der Polizist die Strafversetzung zweier Fahnder-Kollegen erwirkte, weil sie seinen Machenschaften zu nahe gekommen waren. Bereits im Vorjahr hatte der Fall von zwei Neu-Ulmer Beamten Schlagzeilen gemacht. Sie waren suspendiert worden, weil sie angeblich Dienstgeheimnisse verraten hatten. Im August wurde das Ermittlungsverfahren gegen sie eingestellt. Doch die Beamten kamen nicht auf ihre Stellen als Fahnder gegen das organisierte Verbrechen zurück, sondern wurden in anderen Abteilungen kaltgestellt.

Die Augsburger Allgemeine zitiert Ermittler aus Neu-Ulm, die regelmäßig Hinweise über Drogengeschäfte im Allgäu bekommen haben sollen. Immer, wenn sie sich diesbezüglich an die Kollegen im Präsidium Schwaben-Süd wandten, soll ihnen gesagt worden sein: "Pfuscht uns nicht drein, wir haben hier in Kempten alles im Griff."

Der Allgäuer Polizeipräsident Hans-Jürgen Memel äußert sich zu dem Fall nicht. Er sagt nur so viel: "Das ist der gravierendste Fall seit meinem Dienstantritt in Kempten vor fast 20 Jahren." Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Bayern, Hermann Benker, betont, dass diese Affäre ein "Einzelfall" sei. Um solche Fälle zu vermeiden, setze die Polizei seit Jahren Korruptionsbeauftragte ein. "Beamte sind immer wieder gefährdet; das ist bekannt", sagt Benker. Wichtig sei die konsequente Strafverfolgung.