Kfz-Versicherung Zahlen für jede Vollbremsung

Was in anderen Ländern schon praktiziert wird, könnte auch in Deutschland Einzug halten: Autoversicherer stufen Kunden nach ihrem Verhalten im Verkehr ein. Telematik-Tarife sind für viele billiger und senken die Unfallgefahr, erklären Branchenvertreter. Doch nicht jeder Fahrer will sich überwachen lassen.

Von Katrin Berkenkopf

Auf dem Display des Tablet-PCs leuchtet die gerade gefahrene Route auf. An einer scharfen Kurve blinkt ein Hinweis auf: "14 h 31m 36s: Harsh Breaking". Das System hat ein abruptes Abbremsen notiert. Dafür wird es für den Fahrer Minuspunkte geben. "Mein Risikoscore ist noch verbesserungsbedürftig", gibt Frank Sommerfeld zu. Der Manager der Unternehmensberatung Towers Watson testet ein System, das Autoversicherer in anderen Ländern längst eingeführt haben. Es zeichnet das Fahrverhalten eines Autofahrers auf und erstellt danach ein Risikoprofil. Der Versicherer berechnet danach die Prämie für die Kfz-Versicherung.

Bereits Mitte der Neunzigerjahre gab es in Großbritannien erste Versuche mit der sogenannten Telematik. Doch damals erwies sich die Technik noch als zu teuer für die Versicherer. Den Durchbruch schaffte das System dann später in den USA. Der Versicherer Progressive lockte Kunden, die sich für den neuen Tarif entschieden, mit Prämiennachlässen bis zu 30 Prozent, je nach Fahrverhalten. Im schlimmsten Fall sollte die Prämie stabil bleiben. Für Progressive lohnte sich das Angebot vor allem, weil die Unfallzahlen drastisch zurückgingen, erklärt Sommerfeld.

In den USA und Großbritannien sind die Telematik-Tarife fest etabliert. In Italien ist mittlerweile vorgeschrieben, dass jeder Kfz-Versicherer einen solchen Tarif im Angebot hat. In Deutschland dagegen ist die Einführung noch nicht in Sicht. In Deutschland gebe es mehr Vorbehalte gegenüber einer Datenerfassung als in anderen Ländern, heißt es bei der Allianz, dem Marktführer in der Autoversicherung.

2015 kommt e-Call

Seit 2008 bietet die Allianz in Italien einige Telematik-Dienstleistungen an. Besonders Wenigfahrer nutzen sie, sagt Andrea Costa von Allianz Italien. In Deutschland werde das Thema aber nicht vor 2015 an Bedeutung gewinnen. Dann werden laut EU-Beschluss sukzessive alle neuen Kfz-Serien mit e-Call ausgestattet, einem automatischen Notrufsystem. Es könnte die Einführung telematischer Tarife erleichtern.

Am ehesten sind junge Menschen bereit, einen solchen Tarif zu wählen und sich damit auf eine Überwachung des Fahrens durch den Versicherer einzulassen. Sie sind mit sozialen Netzwerken aufgewachsen und kennen das Teilen persönlicher Daten. Und sie könnten besonders viel bei den Beiträgen sparen: "Bei Fahranfängern, die aufgrund ihrer Risikosituation mit den höchsten Prämiensätzen belastet sind, könnte Telematik eine neue differenzierte Prämiengestaltung ermöglichen", sagt Allianz-Sprecherin Claudia Hermann.

Dabei wären die ersten Versicherer, die den Schritt wagen, im Vorteil, erklärt Frank Sommerfeld. Denn erfahrungsgemäß entscheiden sich zuerst die Fahrer, die ihren Fahrstil selbst als gut und vorsichtig einschätzen, für solche Tarife - eine Gruppe mit niedrigem Risiko für den Versicherer.

40 Prozent weniger Unfälle

Die verpflichtende Umstellung auf Unisex-Tarife hat der Assekuranz gerade eine Möglichkeit genommen, Männern und Frauen unterschiedliche Prämien anzubieten. Aus Sicht der Branche ist Telematik eine Möglichkeit, wieder unterschiedliche Risiken herauszufiltern. "Denn der eigentliche Risikofaktor in der Kfz-Versicherung ist ja nicht das Geschlecht, sondern das Fahrverhalten", so Sommerfeld. "Telematik ändert das Fahrverhalten", ist er überzeugt. Dort, wo die Tarife sich bereits etabliert hätten, seien die Unfallzahlen um bis zu 40 Prozent zurückgegangen. Deshalb bedauert er, dass es in Deutschland noch nicht so weit ist.

Für die Versicherer bedeutet das Erfassen des Fahrverhaltens, dass sie riesige Datenmengen verarbeiten müssen. Die Firma Towers Watson bietet zusammen mit Vodafone an, dies zu tun und die Risikoprofile zu erstellen. Welche Faktoren dafür ausgewertet werden, sei so geheim wie die Rezeptur von Coca-Cola, sagt Manager Sommerfeld. Die Allianz sagt es etwas genauer: "Aus der Sicherheitsforschung wissen wir, dass vor allem bremsen, beschleunigen, Tempo und Lenkverhalten Auswirkung auf die Verkehrssicherheit haben. Außerdem könnten Informationen zu Zeit und Ort der Fahrt von Interesse sein."

Für manche Autofahrer kann die Prämienberechnung nach Fahrstil und Fahrleistung tatsächlich eine Ersparnis bringen. Andere zahlen am Ende womöglich mehr, auch wenn sie in einem klassischen Tarif bleiben, weil die Kalkulation des Versicherers sonst nicht aufgeht. Zunächst würden sich "vermutlich eher Autofahrer mit einer geringen Fahrleistung und einem eher defensiven, sicherheitsorientierten Fahrstil für einen Telematik-Tarif entscheiden", glaubt auch Allianz-Sprecherin Hermann.

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