Genfer Auto-Salon Frühlingserwachen unter der Motorhaube

Ein Dorado für starke und hochpreisige Autos, für aufsehenerregende Studien und Kleinstserien-Wagnisse: In dieser Woche beginnt der Genfer Automobilsalon - lesen Sie hier alles über die wichtigsten Premieren und Neuerungen.

Von Georg Kacher

Mehr Auto braucht man nicht, weniger Premium will man nicht: BMW hat schon im Herbst den neuen Einser vorgestellt - da bleibt für den Genfer Autosalon (8. bis 18. März) nur mehr ein Nachschlag in Form des aufgemotzten M135i mit 326 PS starkem Sechszylinder. Audi und Mercedes machen dafür mit dem A3-Nachfolger und der dritten A-Klasse-Generation mobil. Während sich der A3 in der Rolle des gediegenen Evolutionärs gefällt, setzt die A-Klasse auf Nonkonformismus: So sportlich, dynamisch und wohl proportioniert rollt nicht einmal der neueste SL durchs Land.

Autosalon Genf Volkswagen und seine neuen Konzepte

Der Autosalon in Genf ist noch nicht eröffnet, aber erste Besucher haben am Pressetag bei Volkswagen bereits schauen dürfen, was es alles neues gibt.

(Video: Video: zoom.in / Bild: dpa, Foto: dpa)

Alle drei Marken rüsten ihr Kompaktklasse-Angebot zügig auf, aber nur BMW traut sich ein experimentelles Nebeneinander von Heckantrieb und Frontantrieb (Einser Touring/GT/City). Mercedes bringt mittelfristig auf A-Klasse Basis einen kleinen GLC-Crossover, ein viertüriges CLC Coupé und einen davon abgeleiteten Shooting Brake. Audi ergänzt das A3-Dreierlei aus Schrägheck, Sportback und Cabrio Mitte 2013 um eine wohl proportionierte Sportlimousine.

Volvo parkt mit dem V40 zwischen dem schrägen C30 und dem braven S40 ein. Der expressive Kombi-Schrägheck-Verschnitt ist ein Lifestyle-Typ, der Sicherheit als einen Kernwert der Marke neu beleben will. Als Mittel zum Zweck dienen ein Fußgänger-Airbag (er entfaltet sich zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe), ein Fußgänger-Assistent mit automatischer Notbremsfunktion, ein aktiver Spurhalte-Assistent und ein Radar-Assistent, der sogar den Querverkehr im Auge behält. Die V40-Palette reicht vom Spardiesel mit einem Verbrauch von 3,6 Liter bis zum Fünfzylinder-Topmodell mit 254 PS.

Premium im Kompaktformat

Premium im Kompaktformat bietet auch der Abarth 695 Tributo Maserati, ein auf 180 PS hochgezüchteter Cinquecento im Turin-bei-Nacht-Design. Oder die Giulietta TCT, die knapp ein Jahr vor Einführung des Sportwagon per Doppelkupplungsgetriebe die Fahrdynamik nachwürzt. Und natürlich der stilvoll eingekleidete Peugeot 208, der als 200 PS starker GTi-Kraftkerl im PSA-Team nur noch vom Citroën DS4 Racing übertroffen wird, dem man einen 1,6-Liter-Turbo mit 256 PS zwischen die Vorderräder gespannt hat. Frühlingsgefühle kommen ebenfalls in der GTiVariante des Golf Cabrios auf, die uns demnächst bis zu 237 km/h Frischluft zufächeln soll.

Crossover, die Symbiose aus Kombi und Großraumlimousine: Obwohl der Markt nach sauberen und sparsamen Automobilen verlangt, klingeln die Kassen der SUV-Lieferanten immer lauter. Selbst die großen, teuren und schweren Modelle finden zügig Abnehmer. Zu jenen Marken, die hoffen, dass dieser Boom noch eine Weile anhält, gehören Maserati mit dem Kubang (2013), Bentley mit der Studie EXP 9F (2015) und Mercedes mit dem Nachfolger des GL (Herbst 2012). Porsche plant vom Cayenne einen sportlichen GTS-Ableger und einen V8-Power-Diesel mit knapp 350 PS, Lamborghini hat das Debüt seines SUV mit V8-Motor von Genf auf Peking verschoben, Audi legt letzte Hand an den 310 PS starken Q3 RS, BMW verpflanzt seinen 740 Nm starken Triple-Turbo-Diesel mit 381 PS in X5 und X6.

Hybrid und Brennstoffzelle spielen in Genf eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Weil der Full-Hybrid im SUV kein Renner ist, wird die Entwicklung des Plug-in-Hybrid mit etwas weniger Nachdruck betrieben, und auch die Brennstoffzellen-Euphorie ist mangels Infrastruktur teilweise schon wieder verpufft. Worauf die Geländewagen-Hersteller warten? Vielleicht auf Öl zu 200 Dollar das Barrel, den nächsten Krieg in Nahost, oder strengere CO2-Richtlinien. Kommt alles - es ist nur eine Frage der Zeit.

Die kleineren Softroader haben deutlich bessere Überlebenschancen, denn sie sind leichter und leichter vermittelbar. Der neue Mitsubishi Outlander läuft in Japan vom gleichen Band wie die Schwestermodelle Citroën C4 Aircross und Peugeot 4008. Eine ganze Nummer kleiner aber nicht minder schick ist der Opel Mokka, der von Herbst an vor allem gegen Yeti, RAV-4 und Sportage punkten soll - zu Preisen, die unter 20 000 Euro beginnen.

Noch nicht serienreif ist das Evoque Cabrio, mit dem Range Rover möglicherweise eine Frage beantwortet, die von kaum jemand gestellt wird. Studiencharakter hat vorläufig auch der nur zweitürige SsangYong XIV-2, der stark an den Kia Soul erinnert. Genf knapp verpasst haben der facegeliftete BMW X1, der überarbeitete Audi Q5 (beide stehen ab Juni bei den Händlern), der Hyundai ix45 (August), der Mini Countryman als Coupé (Herbst) sowie die modellgepflegten Mercedes-Zwillinge GLK und G-Klasse (Juli).

Neue Minivans

Neue Minivans: Fiat macht mit dem 500 L einen weiteren Schritt hin zur Submarke, die aus dem Cinquecento - analog zum Panda - eine eigenständige Modellfamilie formen soll. In Genf steht der in Serbien gebaute 500 L Minivan, in Vorbereitung sind das 2011 gezeigte Zagato-Coupé, ein Rolldach-Cabrio, ein kleiner Geländewagen als Ersatz für den Sedici und ein E-Modell.

Ford hat es mit dem B-Max erstmals geschafft, einen kleinen Minivan ohne störende B-Säulen auf die Räder zu stellen. Als Zugabe glänzt das Raumwunder mit zwei hinteren Schiebetüren - praktischer geht's kaum. Auch die Antriebsquellen sind stimmig: Der 120 PS starke Dreizylinder-Benziner konsumiert 4,9 Liter, der Vierzylinder-Diesel begnügt sich sogar mit nur 4,0 Liter. Das Design gibt einen Vorgeschmack auf den facegelifteten Fiesta, der ab Herbst verfügbar ist. Der große Bruder des B-Max heißt Transit Tourneo Custom und hat Mercedes Viano, VW T5 und Opel Vivaro im Visier. Das Topmodell ist mehr Kleinbus als Nutzfahrzeug und kann fast so nobel ausgestattet werden wie ein Mondeo.

Eher rudimentär gibt sich dagegen der Dacia Lodgy. Das 4,5 Meter lange Hochdachmobil bietet Platz für bis zu sieben Personen. Weil der Vielzweckwagen nicht in Rumänien gebaut wird, sondern in Tunesien, wo die Löhne noch niedriger sind, könnte das Grundmodell knapp unter 10 000 Euro kosten. Antrieb, Plattform und Fahrwerk stammen vom Logan, der seinerzeit in Paris bei Renault entwickelt wurde und demnächst durch eine Neukonstruktion abgelöst wird. Genf-Premiere feiern auch die überarbeiteten Citroën MPV-Modelle Berlingo und Jumpy, die ab sofort die Zusatzbezeichnung Multispace tragen.

Der Renault Scénic/Grand Scénic war ebenfalls im Kosmetikstudio, wo die Front- und Heckpartie modifiziert wurden. Neu sind der 110-PS-Diesel und der 115-PS-Benziner. Eher als Großraumlimousine denn als Minivan versteht Nissan den Invitation, eine seriennahe Stilstudie, die auf den nächsten Almera (kommt 2013) schließen lässt. Pavillion-artige Fensterflächen, eine vielseitig verstellbare Sitzanlage und eine Einparkhilfe mit Rundum-Monitor machen den Hochdach-Fünfsitzer zum geräumigen Reisewagen, der sich auch im Großstadt-Dschungel heimisch fühlt.

Genf war schon immer ein Dorado für starke und hochpreisige Autos, für aufsehenerregende Studien und Kleinstserien-Wagnisse. Die deutschen Premiumanbieter haben für 2012 bereits zuvor ihre Claims abgesteckt - Porsche mit Boxster, Panamera GTS und 911 Cabrio, Mercedes mit SL und ML63 AMG, BMW mit M6, Gran Coupé und M550xd. Trotzdem wird auf der Messe munter nachgelegt. Lamborghini zeigt ein Barchetta-Einzelstück auf Aventador-Basis, Bentley schiebt den Mulsanne mit Mulliner-Sportpaket ins Rampenlicht, Alpina rückt mit dem 540 PS starken B5 Biturbo dem BMW M5 auf den Pelz, Aston Martin präsentiert den auf 150 Stück limitierten V12 Zagato, Bugatti packt dem Grand Sport Vitesse 1200 PS und 1500 Nm unter die Haube.

Doch kein Sportwagen dürfte intensivere Blitzlichtgewitter auslösen als der neue Ferrari F12 Berlinetta, der 740 PS starke Nachfolger des F599 Fiorano. Der stimmgewaltige 6,2-Liter-V12 beschleunigt das 340 km/h schnelle Coupé in nur 3,1 Sekunden von null auf 100 km/h. Der Verbrauch sinkt zwar um 30 Prozent, aber mit 15 Liter ist das gute Stück leider noch immer kein Sparwunder.

Bei den Showcars entscheidet es sich meist erst nach der Ausstellung, ob das gute Stück als Eintagsfliege in der Asservatenkammer versauert oder eines Tages groß herauskommt. Hyundai hat mit dem I-oniq aus Elementen von Coupé und Shooting Brake eine neue Sportwagenstudie gezaubert, die mitten ins Herz trifft. Klar - die Flügeltüren und das Star Wars Cockpit sind für die Serie zu teuer. Aber der Gesamteindruck macht Lust auf mehr, zumal auch das Antriebskonzept mit E-Motor und Range Extender perfekt in die Zeit passt. Aus der Vergangenheit in die Zukunft will die Meisterklasse des Europäischen Design Instituts den Cisitalia 202 E beamen, einen knallroten Hingucker mit Retro-Charme und 4,5-Liter-V8. Infiniti setzt mit dem Emerg-e eher auf Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit. Das ambitioniert gestylte Mittelmotorcoupé mit Range-Extender-Antrieb soll einer neuen Sportwagen-Generation den Weg bahnen, von der auch Nissan und Renault-Alpine profitieren könnten.

Die Trophäe für den gelungensten Auto-Traum geht in diesem Jahr an die Carozzeria Touring, die ihren Disco Volante von anno 1952 für Genf 2012 neu erfunden hat. Auf Basis des 450 PS starken Alfa Romeo 8C entstand ein hinreißend schönes Coupé, das geschickt mit modernen Designelementen und mit historischen Versatzstücken spielt. Die von belgischen Investoren reanimierte Karosserieschmiede will eine Miniserie des Zweisitzers auflegen. Der Preis? Zwischen 600 000 und einer Million Euro - deutlich teurer als die vielen Nachbauten, aber kaum weniger faszinierend als das Original, das auch als Spider angeboten wurde.