Fahrradfahren im Winter Wusch! Wach!

Viele fragen in diesen Wochen, ob das nicht sehr gefährlich sei, durch Schnee und Eis. Isses aber nicht wirklich.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Frühling, Sommer, Herbst und immer: Der Ganzjahresradler fährt selbst im Winter mit dem Bike zur Arbeit. Welch Qual? Ach was - pure Lebensqualität.

Von Alex Rühle

Treten, einatmen, treten, ausatmen. Herrlich! Jetzt, in den dunklen Januartagen, fühlt sich die Luft morgens manchmal an wie ein sensitives Kontrastmittel. Oder wie Flüssigeis, das in alle Verästelungen der Lungenkapillaren strömt. Und dann: wusch! Wach! Gut, man könnte das natürlich auch anders erzählen: Och, ist das wieder kalt. Und wie das sticht. Und davor muss ich ja momentan sowieso erst mal den Sattel vom Schnee befreien und mein Fahrradschloss beblasen, auf dass es auch an diesem frühen Morgen aufschmelzen möge. Aber das sanfte Stechen in der Lunge, in den Nasenflügeln, in der Luftröhre, das fühlt sich nun mal gut an. So klar und rein, es gibt nichts Erfrischenderes, eine Art Hirndusche.

Als Ganzjahresradler wird man von Ende November an seltsam angeschaut. So als gehöre man irgendeinem Selbstkasteiungsverein oder einer sonst wie gestrengen Sekte an. Darum erst mal klipp und klar: nein, das Ganze hat wirklich nichts mit Quälerei zu tun, sondern ausschließlich mit Lebensqualität. Die paar Male, die ich im Winter mit dem Bus und der S-Bahn zur Arbeit gefahren bin, fühlte ich mich danach, als hätte ich in einem alten Sockenfach übernachtet. Die abgestandene Luft, die beschlagenen Scheiben, der endlos öde Stammstreckentunnel, und die meisten Leute gucken in der S-Bahn so zerknittert drein, als hätte man ihnen vor der Fahrt eine existenzielle Entlassungsurkunde überreicht. Lächelt doch mal, Leute! Singt ein Lied! Aber nein, schweigend ruckeln sie in Richtung Endstation.

Treten, atmen, treten, erst mal Fahrt aufnehmen in Richtung Roecklplatz, ein paar Nachbarn grüßen, dann die silbrig glitzernde Isar runter, auf dem Radlhighway. Im Februar fallen die Vögel zwar noch als Amseleis von den Bäumen, dafür wird es morgens schon wieder heller. Und das Eiscafé macht auch schon auf, bewundernswert optimistisch, diese Italiener.

Diese fabelhaften Spikereifen

Viele fragen in diesen Wochen, ob das nicht sehr gefährlich sei, durch Schnee und Eis, isses aber nicht wirklich, seit es diese fabelhaften Spikereifen gibt. Wenn kein Schnee liegt, klingt man mit diesen Reifen voller kleiner Alunägel zwar wie ein ultraschweres Mountainbike oder ein ultraleichter Panzer. Wenn aber Schnee liegt, kommt man damit auch ungefähr so sicher voran. Und an diesen Schneetagen fahren auch die Autos viel vorsichtiger als sonst. Wirklich blöd war's während der Schneewochen nur in den Jahren, in denen ich die Kinder noch im Anhänger herumkutschiert habe. Da ist man dann eine lebende Schneefräse. Die Kinder hatten ihren Spaß, wenn der Anhänger an den Eiswänden langschrubbte, meine Tochter sagte einmal morgens begeistert zur Kindergärtnerin: "Wir haben wieder den ganzen Schnee explodiert!"

Treten, atmen, rollen. Isarabwärts fährt sich's ja wie von allein. Die ganze Stadt als Film, und alles in Cinemascope, mit Dolby-Surround-Sound: Kette surrt, Ritzelglitzern, Isarflimmern, die Sonne kommt im März auch wieder am Morgen hinter den Bäumen hoch, und die ersten Vögel kommen zurück: jeden Morgen Open-air. (Nochmal meine Tochter, nochmal auf dem Weg zum Kindergarten, im Kindersitz hinten laut in den Himmel singend, im wunderbaren Monat Mai: "Alle Vögel sind schon da, Amsel, Dose, Fink und Schal.")