CES in Las Vegas Computer auf Rädern

Vollgas auf der Datenautobahn: Elektronik und Bediensysteme im Auto werden generalüberholt und sollen bald auf Augenhöhe mit smarten Mobiltelefonen liegen. Ein Besuch auf der CES in Las Vegas.

Von Joachim Becker, Las Vegas

Die weltweit größte Messe für Unterhaltungselektronik wirkt wie eine Fata Morgana in der Wüste Nevadas: Eine flirrende Zukunftsprojektion auf Abertausenden Computer-, Smartphone- oder TV-Bildschirmen. Die CES ist noch ein wenig schärfer und schriller als diese neongrelle Glitzerstadt, in der sie zu Jahresbeginn regelmäßig erscheint. Auf dieser Leitmesse zeichnen sich die Trends der boomenden Elektronikbranche ab. Das zieht auch Autohersteller magisch an. Mit Audi, Chrysler, Ford, General Motors, Hyundai, Kia, Toyota, Lexus, Subaru und vielen Zulieferunternehmen war der Automobilsektor in diesem Jahr stärker denn je vertreten.

Hinter den Kulissen knüpfen zwei der weltweit wichtigsten Wachstumsbranchen eifrig Kontakte. Auf dem grellweiß leuchtenden Audi-Stand traf sich beispielsweise Ricky Hudi, der Leiter Entwicklung Elektrik/Elektronik bei den Ingolstädtern mit Foxconn-Chairman Terry Gou. Als Präsent brachte der Chef eines der weltweit größten Fertigungsbetriebe für elektronische Produkte den Prototyp einer neuen Display-Generation. Die Taiwanesen brauchten nur ein Vierteljahr, um diese wichtige Schnittstelle für ein künftiges Audi-Infotainmentsystem zu entwickeln. Es ist dieses enorme Innovationstempo, das nicht nur Hudis Augen leuchten ließ.

Das Ziel: Auf Augenhöhe mit der Handy- und Computerbranche

Audi-Chef Rupert Stadler hatte auf der CES 2011 öffentlich den Führungsanspruch der Ingolstädter in der Autoelektronik angemeldet. Künftig wolle man Soft- und Hardware stets auf Augenhöhe mit der Handy- und Computerbranche anbieten. Die selbstbewusste Aussage markiert einen Paradigmenwechsel, den derzeit viele Autohersteller mehr oder weniger konsequent vollziehen: Mit neuen Elektronikarchitekturen schaffen sie die Voraussetzung, um ihre bisher weitgehend isolierten Blechbüchsen zu voll vernetzten Computern auf Rädern zu machen. "Das vergangene Jahrzehnt war dadurch geprägt, dass wir das Auto in sich vernetzt haben. In diesem Jahrzehnt verbinden wir es nahtlos mit der Umwelt - mit dem Fahrer, dem Internet, der Infrastruktur und mit anderen Fahrzeugen", so Ricky Hudi. Die Wertschöpfung der Elektrik/Elektronik im Auto soll nach seinen Worten von derzeit gut 30 Prozent bis zum Ende des Jahrzehnts für Highend-Fahrzeuge auf bis zu 45 Prozent steigen.

Ein Schlüssel für den zunehmenden Datenverkehr ist die rasende Halbleiterentwicklung. Alle zwei Jahre verdoppelt sich die Rechenleistung der elektronischen Schaltstellen. Autos, die drei Jahre lang entwickelt und sieben Jahre lang produziert werden, sind also schon zum Serienstart veraltet. Im Zentralrechner des neuen Modularen Infotainmentbaukastens (MIB), der mit dem aktuellen VW Golf und Audi A3 an den Start ging, ist deshalb ein Steckmodul integriert: Dort werden die jeweils neuesten Tegra-Prozessoren von Nvidia eingesetzt, die alle Online-, Media-, Sprachsteuerungs-, Navigations- und Telefonfunktionen abarbeiten. Mittelfristig soll ein Zentralgehirn für den gesamten Datenverkehr im Auto geschaffen werden. Statt eine wachsende Zahl von Assistenzsystemen mit eigenen Sensoren und Steuergeräten auszustatten, will Audi die Intelligenz in einem zentralen Fahrerassistenz-Steuergerät bündeln. Auf der CES zeigte Hudi eine Platine in der Größe eines A4-Blatts, die vier leistungsstarke Prozessoren beherbergt. Mit der Rechen-Power eines Laptops sollen die unterschiedlichste Daten verarbeiten und fusionieren: Bis 60 km/h soll beispielsweise ein sogenannter Stauassistent in gut drei Jahren die Längs- und Querführung des Fahrzeugs auf Autobahnen übernehmen.

Der Siegeszug der Minicomputer verändert das Verhalten am Steuer

Die Entlastung des Fahrers durch das pilotierte Fahren kann einer Gefahr des digitalen Fortschritts entgegenwirken: Bis 2015 sollen die Verkaufszahlen von Smartphones in Deutschland von 22,9 Millionen (2012) auf 31,5 Millionen pro Jahr steigen. Zwei Drittel aller Bundesbürger werden dann ein Smartphone nutzen und damit über einen mobilen Zugang zum Internet verfügen, erwartet der Branchenverband Bitkom. Der Siegeszug der Minicomputer verändert auch das Verhalten am Steuer: Immer mehr Fahrer wollen unterwegs die Vorteile des vernetzten Helferleins nutzen. General Motors will der Ablenkungsgefahr mit der Sprachassistentin Siri von Apple in mehreren Chevrolet-Modellen entgegentreten. Auch Mercedes hat die Einführung dieses Systems in Las Vegas angekündigt.

Bei den Anzeigen im Fahrzeug wird sich in den nächsten Jahren viel tun. Continental hat auf der CES ein neues Head-up-Display (HUD) vorgestellt, das Warn- und Navigationsinformationen nicht auf die Frontscheibe projiziert. Stattdessen kommt eine transparente Anzeigefläche zum Einsatz, die fast auf Augenhöhe über der Instrumententafel steht. Mit dem platzsparenden System lassen sich künftig auch Kompaktautos ausstatten. Die eigentliche Neuerung wollte Continental auf der Messe nur ausgewählten Autoherstellern vorführen: Bis 2016 wird eine neue HUD-Generation erstmals im neuen BMW Siebener kommen. Das System kann die Informationen in gut zwei Metern Entfernung vom Fahrer über der Motorhaube schweben lassen. Zusätzlich wird die Umwelt vor dem Fahrzeug zielgenau mit Informationen belegt: Richtungspfeile für das Abbiegen erscheinen aufgrund der sogenannten Augmented Reality gut sieben Meter vor dem Fahrzeug exakt auf der Abbiegespur. Der Fahrer kann sich so noch besser von dem Head-up-Display führen lassen. Schöne neue Autowelt.