21. Januar 2013 16:39 Fahrradfahren im Winter Wusch! Wach!

Von Alex Rühle

Frühling, Sommer, Herbst und immer: Der Ganzjahresradler fährt selbst im Winter mit dem Bike zur Arbeit. Welch Qual? Ach was - pure Lebensqualität.

Treten, einatmen, treten, ausatmen. Herrlich! Jetzt, in den dunklen Januartagen, fühlt sich die Luft morgens manchmal an wie ein sensitives Kontrastmittel. Oder wie Flüssigeis, das in alle Verästelungen der Lungenkapillaren strömt. Und dann: wusch! Wach! Gut, man könnte das natürlich auch anders erzählen: Och, ist das wieder kalt. Und wie das sticht. Und davor muss ich ja momentan sowieso erst mal den Sattel vom Schnee befreien und mein Fahrradschloss beblasen, auf dass es auch an diesem frühen Morgen aufschmelzen möge. Aber das sanfte Stechen in der Lunge, in den Nasenflügeln, in der Luftröhre, das fühlt sich nun mal gut an. So klar und rein, es gibt nichts Erfrischenderes, eine Art Hirndusche.

Als Ganzjahresradler wird man von Ende November an seltsam angeschaut. So als gehöre man irgendeinem Selbstkasteiungsverein oder einer sonst wie gestrengen Sekte an. Darum erst mal klipp und klar: nein, das Ganze hat wirklich nichts mit Quälerei zu tun, sondern ausschließlich mit Lebensqualität. Die paar Male, die ich im Winter mit dem Bus und der S-Bahn zur Arbeit gefahren bin, fühlte ich mich danach, als hätte ich in einem alten Sockenfach übernachtet. Die abgestandene Luft, die beschlagenen Scheiben, der endlos öde Stammstreckentunnel, und die meisten Leute gucken in der S-Bahn so zerknittert drein, als hätte man ihnen vor der Fahrt eine existenzielle Entlassungsurkunde überreicht. Lächelt doch mal, Leute! Singt ein Lied! Aber nein, schweigend ruckeln sie in Richtung Endstation.

Treten, atmen, treten, erst mal Fahrt aufnehmen in Richtung Roecklplatz, ein paar Nachbarn grüßen, dann die silbrig glitzernde Isar runter, auf dem Radlhighway. Im Februar fallen die Vögel zwar noch als Amseleis von den Bäumen, dafür wird es morgens schon wieder heller. Und das Eiscafé macht auch schon auf, bewundernswert optimistisch, diese Italiener.

Diese fabelhaften Spikereifen

Viele fragen in diesen Wochen, ob das nicht sehr gefährlich sei, durch Schnee und Eis, isses aber nicht wirklich, seit es diese fabelhaften Spikereifen gibt. Wenn kein Schnee liegt, klingt man mit diesen Reifen voller kleiner Alunägel zwar wie ein ultraschweres Mountainbike oder ein ultraleichter Panzer. Wenn aber Schnee liegt, kommt man damit auch ungefähr so sicher voran. Und an diesen Schneetagen fahren auch die Autos viel vorsichtiger als sonst. Wirklich blöd war's während der Schneewochen nur in den Jahren, in denen ich die Kinder noch im Anhänger herumkutschiert habe. Da ist man dann eine lebende Schneefräse. Die Kinder hatten ihren Spaß, wenn der Anhänger an den Eiswänden langschrubbte, meine Tochter sagte einmal morgens begeistert zur Kindergärtnerin: "Wir haben wieder den ganzen Schnee explodiert!"

Treten, atmen, rollen. Isarabwärts fährt sich's ja wie von allein. Die ganze Stadt als Film, und alles in Cinemascope, mit Dolby-Surround-Sound: Kette surrt, Ritzelglitzern, Isarflimmern, die Sonne kommt im März auch wieder am Morgen hinter den Bäumen hoch, und die ersten Vögel kommen zurück: jeden Morgen Open-air. (Nochmal meine Tochter, nochmal auf dem Weg zum Kindergarten, im Kindersitz hinten laut in den Himmel singend, im wunderbaren Monat Mai: "Alle Vögel sind schon da, Amsel, Dose, Fink und Schal.")

Treten, atmen, zuschauen, entspannen, nachdenken. Geht nirgends so gut wie auf dem Rad. Die besten Ideen für Texte, die schönsten Formulierungen, ach Mensch, und ich könnte doch die zwei Absätze vertauschen - fällt mir alles auf dem Rad ein, auf dem Weg zur Arbeit oder dann abends beim Heimradeln. Müsste mal einen Neurologen fragen, wie diese gleichmäßige Kurbelbewegung der Beine mit all dem zerebralen Zeug zusammenhängt, jedenfalls: is' so, da werden anscheinend andere Neuronenareale durchlüftet als im Büro.

Gut. Stimmt. Ist bisher alles sehr subjektiv hier. Wollen Sie lieber wissenschaftliche Studien? Bitte sehr: 60 Prozent aller Radler empfinden beim Fahren Freude. Von den Autofahrern nur ein Drittel. Sagt die Uni Utrecht. Der normale Büromensch legt ohne Freizeitaktivitäten nur noch 400 bis 700 Meter am Tag zu Fuß zurück. Haben amerikanische Wissenschaftler rausgefunden. Norwegische Forscher drückten lauter Leuten, die bis dahin sehr faul gewesen waren, jeweils ein Rad in die Hand und beobachteten dann über einen längeren Zeitraum deren Blutwerte, Arztbesuche, die Fehltage. Siehe da, 30 Minuten Radfahren täglich sparten im Schnitt jährlich 3000 bis 4000 Euro an Gesundheitskosten ein. Und das niederländische Gesundheitsministerium kam zu einem ähnlichen Ergebnis, als es mal die Fehltage von Arbeitnehmern mit den Verkehrsmitteln verglich, mit denen sie jeweils in die Arbeit kommen, wenn sie gerade nicht fehlen. Siehe da, Fahrradfahrer sind am seltensten krank.

Treten, atmen, schalten: Von der Ludwigsbrücke an geht es bergauf, hinterm Gasteig die Preysingstraße hoch, im Frühjahr durch blühende Mandelbäume. Gasteig kommt von "gacher" (steiler) Steig. Die Autos merken das nicht, für mich ist es jeden Morgen die Steigung, die sich einen Kilometer, bis zum Ende der Kirchenstraße zieht. Nur Radfahrer kennen die geologische Beschaffenheit ihrer Stadt: das konstante Gefälle Richtung Norden, Freising, Donau. Der steile Gebsattelberg. Die majestätische Auffahrt am Maximilianeum. Und auch das Wetter kriegt man besser mit als die Anderen. Im April ist die Kirchenstraße manchmal echt gefährlich: unten an der Isar laue zwei Grad, hier oben in der schattigen Kurve ist es spiegelglatt.

Treten, atmen, noch mal schalten, aber jetzt endlich mal richtig rein in die Pedale und wenigstens kurz, für einen Absatz, ganz in die andere Richtung: Im Frühjahr kommt am Wochenende das Rennrad aus dem Keller, die ersten Fahrten in Richtung Berge. Erst mal durchs öde Gestängel des Perlacher Forsts, aber die Lunge breitet schon mal ihre Flügel aus. Immer wieder großartig, wenn sich irgendwo hinterm Speckgürtel plötzlich der Horizont weitet, und dann stehen da die Alpen, majestätisch, stumm, erhaben. Die Stare kommen wieder und bilden auf den Telefonleitungen eine Partitur, die keiner lesen kann. Und Bayerns Seen funkeln vor sich hin.

Mit dem Auto war immer irgendwo Stau

Aber jetzt wieder zurück an die Arbeit: Treten, atmen, Ampel. Ein paar Mal bin ich auch in den Autos von Kollegen mitgefahren. Kann sein, dass es Zufall war, aber eigentlich war immer irgendwo Stau. Im Auto werde ich da sofort nervös. Liegt sicher an mir, ich denke eh immer, dass ich nicht genug in das bisschen Tageszeit hineingestopft bekomme. Das Radfahren aber habe ich noch nie als verlorene Zeit empfunden. Es ist eigentlich immer einwandfreie Quality-Time. Selbst bei Regen. Gerade weil man in dieser Zeit nix anderes machen kann als eben treten, atmen, treten.

Wo wir gerade bei den Autos sind: Ich sag' jetzt nicht, wie sinnlos das alles ist, eine Tonne Blech, um 75 Kilo Fleisch zu bewegen und so weiter. Ich hab' da nur mal eine Frage. Laut Forschungen irgendwelcher obskurer Trendbüros taugt das Auto angeblich nicht mehr als Statussymbol. Wer solcherlei behauptet, ist noch nie durch München geradelt. All die Cayenne- Panzer in ihrer klobigen Hässlichkeit. Wenn das kein Statussymbol ist, was denn dann? Brauchen die Leute solche Dinger etwa für Sommerurlaub in Bagdad und Somalia?

Treten, atmen, reagieren. Radfahren ist wie guter Jazz, viel Improvisation, schlanke Soli, Tempowechsel. Und das Rad ist das einzige Vielspurgerät: Fußweg, Radweg, Straße, wird alles bedient. Darum, bevor's jetzt anfängt mit der Hässlichkeit, dem urbanen Häusergerümpel hinterm Mittleren Ring, noch mal ein scharfer U-Turn und ganz kurz zurück an die Isar. In den Sommer! Das Isarflimmern. Manchmal halte ich spätnachmittags, nach der Arbeit, auf der Ludwigsbrücke und trinke im Strandcafé ein Becks. Oder ich springe unterhalb der Wittelsbacherbrücke in den Fluss und lass mich an der baumbestandenen Insel vorbeitreiben. Dann wieder anziehen, barfuß aufs Rad und lufttrocknen. Mehr Cabrio geht gar nicht. Und dann höflich klingelnd vorbei an diesen Touristengruppen auf ihren Playmobilrädern, schlauchbootdicke weiße Reifen, eierndes Gegurke, amerikanische Guides, die erklären, and here you see the Failedhernhelle, where Edolf Hitler first tried to come to power."

Auf dem Rad interagiert man mit den anderen Spielern um einen herum. Die griechische Gemüsefrau in Haidhausen, bei der ich auf dem Weg oft halte. Die Ente, die sich an der Isar mit einem Bein in einem rostigen Draht verfangen hatte. Die niederländischen Männer abends am Regerplatz, die das Hofbräuhaus suchten: "Wij sin eine Delegation von de niederländisse Bierbrauer." Apropos Delegation: Die im Münchner Rathaus machen doch sicher ab und zu einen Betriebsausflug. Macht den nächstes Mal nach Kopenhagen und guckt euch dort an, was das wirklich heißt: fahrradfreundliche Stadt. Grüne Welle für Radfahrer. Doppelte Radlerspuren, fest installierte Aufpumpstationen. Fairer Platz auf der Straße statt dieser engen Rasierstreifen bei uns.

Treten, einfach weiter, Kinder, wie die Zeit vergeht, der Herbst passt zu Berg am Laim, die farblose Zweckarchitektur, die Ausfallstraßen, die Autos, die hier schneller fahren. Dazu passt noch eine letzte Studie, die unser Auto-, pardon Verkehrsminister Peter Ramsauer selbst in Auftrag gab, die ihm aber nach der Anfertigung nicht wirklich gefiel. Der Bund wurde darin nämlich "aufgefordert, dringend zu überprüfen, ob die innerstädtische Regelhöchstgeschwindigkeit von Tempo 50 in Anbetracht des zunehmenden Radverkehrs noch zeitgemäß ist."

Endlich angekommen

Und noch eine letzte Sache, ich bin ja jetzt auch endlich angekommen, wieder mitten im tiefsten Winter, in Berg am Laim: Die Architekten haben vor den schwarzen Turm, in dem unser Verlag seit einigen Jahren untergebracht ist, noch einen schwarzen Platz gezaubert, der ungefähr 900 Meter lang ist und sich vielleicht für paramilitärische Aufmärsche großer Formationen eignet, aber bestimmt nicht für den morgendlichen Gang ins Büro. Man schrumpft auf jedem der 900 Meter noch ein kleines Stück weiter, der Turm wird immer größer, die Mitarbeiter werden immer kleiner. Vielleicht soll das ja so sein.

Mit dem Fahrrad überliste ich jedenfalls diese elend öde Architektur, fahre hintenrum in die Tiefgarage, tauche zwei Minuten später wie von Zauberhand in der Eingangshalle auf, schwebe mit dem Lift in den 19. Stock und fange an zu schreiben: texten, atmen, texten.