Zweifelhafte Therapie Gebräu aus Göttingen

Erst als Krebsheiler bejubelt, stehen Ärzte nun im Verdacht, fragwürdige Studien zu produzieren und Patienten zu gefährden.

Von Holger Wormer und Hubert Rehm

(SZ vom 03.07.2001) - Ein wahres Wundermittel gegen Krebs sollte es sein, was die Ärzte Alexander Kugler und Gernot Stuhler entwickelt hatten: eine Impfung gegen aggressive Tumoren, die Nierenzellkarzinome. Die Therapie habe sich bei rund 40 Prozent seiner Patienten als wirksam erwiesen, jubelte Kugler letzten Sommer in der Zeit - und berichtete von Metastasen, die "einfach verschwunden" seien: "Der erste Beweis, dass eine Impfung funktionieren kann", so der Arzt von der Universität Göttingen.

In der Fachzeitschrift Nature Medicine (Bd.6, S.332 u.252, 2000), die die ersten sensationellen Erfolge von Kugler und seinem Tübinger Kollegen Stuhler veröffentlichte, stellte Harvard-Mediziner Donald Kufe die Wunderspritze kurzerhand in eine Reihe mit Impfungen gegen Pocken und Polio.

"Eine bahnbrechende Forschungsarbeit"

Dem Jubel aus Harvard wollte man in Deutschland nicht nachstehen: "Eine bahnbrechende Forschungsarbeit", befanden die Juroren des von der Firma Abbott gestifteten Ernst-Wiethoff-Preises, eines der höchstdotierten deutschen Medizinpreise. Sie sprachen Stuhler und Kugler die mit 50000 Mark verbundene Auszeichnung zu, die ihnen vor zwei Monaten im Wiesbadener Landtag überreicht wurde. In einer Ansprache hoffte die hessische Sozialministerin Marlis Mosiek-Urbahn noch, mit dem Preis junge Forscher zu motivieren, "es den Preisträgern gleich zu tun".

Seltsame Missverständnisse

Einige Experten meinen indes, dass es den Preisträgern lieber niemand gleich tun sollte. Denn unbemerkt vom öffentlichen Jubel stehen die Ärzte mit der "bahnbrechenden Arbeit" unter schwerem Verdacht, wie aus Unterlagen hervorgeht, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Die Vorwürfe: grobe Fehler in der Nature Medicine-Arbeit, ein falsches Bild in einer Habilitationsschrift, Verletzung der wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht, Gefährdung von Patienten.

Dabei ist Kuglers und Stuhlers Versuch zunächst einleuchtend: Sie wollen das Immunsystem gegen Tumoren mobil machen. Im Normalfall sind diese fast unsichtbar für die Körperpolizei. Das wollten die Ärzte ändern, indem sie im Labor Tumorzellen der Patienten per Elektroschock mit so genannten dendritischen Zellen von Blutspendern verschmolzen. Wird die Mixtur Patienten gespritzt, so die Idee, sollte der Körper der neuen immunologischen Beschilderung folgen und die Tumoren attackieren.

Zweifel an der Sensations-Impfung

Nach Kuglers und Stuhlers Angaben hat das funktioniert: Mal bei 5, mal bei 6 von mal 33, mal 31Patienten sollen die Tumoren verschwunden sein; bei anderen seien sie geschrumpft oder gestoppt worden. Nach so viel Erfolg wollte man das Verfahren in Göttingen versuchsweise bei rund 200 Patienten anwenden. Zu diesem Zweck schloss die Klinik einen Vertrag mit der Firma Fresenius, um die Impfstoffe in größerem Stil herzustellen.

Zweifel an der Sensations-Impfung tauchten spätestens Anfang des Jahres auf. Ein im Januar einberufenes "Ombudsgremium" der Universität, kommt in einem Zwischenbericht vom 23.Mai 2001 zu dem Schluss, "dass zumindest im Ablauf der Beurteilung der Patienten und der Verbesserung der klinisch sichtbaren Symptomatik der wissenschaftlich notwendigen Sorgfalt nicht genüge geleistet wurde". Im Klartext: Es ist unsicher, ob alle berichteten Heilungserfolge der Realität entsprechen. "Die Beurteilung von unterschiedlichsten Organen und Verläufen" sei "eigentlich nur durch Röntgenfachleute möglich", so die Kommission.

Gleichzeitig befasste sich das Gremium mit einer weiteren Frage: Eine in der Habilitations-Arbeit von Kugler und in einer (inzwischen zurückgezogenen) Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Critical Reviews in Immunology verwendete Abbildung stammt nicht, wie suggeriert wird, von den Autoren. Stuhler hatte sie von der Internetseite einer Firma namens Molecular Probes heruntergeladen.

Das gaben die Autoren zu - und lieferten gleich eine komplizierte Erklärung mit, wonach es sich um ein Missverständnis gehandelt haben soll. Eine "schwer nachzuvollziehende Aneinanderkettung von Missverständnissen und Verletzungen der Sorgfaltspflicht", heißt es dazu im Zwischenbericht. Als "vorläufige Maßnahme" empfiehlt das Ombudsgremium, die Abbildungen ebenso zurückziehen wie Kuglers Habilitationsschrift. Einen Beweis für "wissentlich wissenschaftliches Fehlverhalten" mochte das Gremium "bisher" dennoch nicht erkennen.

"Den wissenschaftlichen Standards nicht entsprechend"

Das könnte sich ändern. Denn ebenfalls im Mai erhielt Manfred Droese, Medizin-Dekan der Universität Göttingen, einen Brief. Ulrich Zimmermann, Inhaber des Lehrstuhls für Biotechnologie an der Universität Würzburg, schlug Alarm: "Die Arbeit dieser Autoren muss - zurückhaltend formuliert - als kritiklos, den wissenschaftlichen Standards nicht entsprechend eingestuft werden. Die Akkumulation von experimentellen Fehlern und Fehlinterpretationen ist für einen Fachmann wie auch für einen Studenten der Biotechnologie erschreckend", wettert der Experte, der als Erfinder der Elektro-Zellfusionsmethode gilt.

Die Nature Medicine-Arbeit sei in seinem Studentenseminar "zerrissen" worden. Über stolze Interviews der Autoren ist er "irritiert, da doch davon ausgegangen werden muss, dass das Verfahren aus Nature Medicine nicht funktionieren kann."

Diese Erfahrung hat man wohl auch bei der Firma Fresenius gemacht. Eine von ihr bezahlte Arbeitsgruppe an der Universität Göttingen versuchte jedenfalls vergeblich, die Impfstoffherstellung zu reproduzieren. Das erhärtet Zimmermanns Verdacht, dass in Kuglers und Stuhlers Experiment keine Tumorzellen mit fremden Zellen zu den geplanten Vakzinen verschmolzen wurden.

Ohnehin gelten die Verfahren, mit denen die Ärzte in ihrer Veröffentlichung eine erfolgreiche Fusion nachweisen wollten, nicht als ausreichend. Dazu hätten sie genau jene Technik anwenden müssen, die auf der Abbildung dokumentiert war, die Stuhler aus dem Internet besorgt hatte.

Noch ein Brief

Anscheinend wurde in Göttingen mit toten Zellen geimpft, obwohl der Theorie nach nur lebende Zellen die gewünschte Wirkung entfalten. Schlimmer noch: Zimmermann befürchtet, dass der Impfstoff toxische Produkte enthalten könnte, "die möglicherweise für einen Patienten erhebliche Nebenfolgen haben könnten." Vorsichtshalber "sollten umgehend alle klinischen Studien eingestellt werden. Sie sind aus meiner Sicht nicht zu verantworten", schreibt Zimmermann. Er hält sie für "ethisch nicht vertretbar, wenn nicht vorher in umfangreichen Tierversuchen hinreichend geklärt wird, welches der Agenzien des ,Göttinger Gebräus', das mich an mittelalterliche Mixturen erinnert, wirklich wirksam ist."

Das Göttinger Ombudsgremium prüft nun auch diese Vorwürfe. Kenner der dortigen Klinikumsszene haben indes ihre Zweifel, ob tatsächlich alle Kommissionsmitglieder völlige Aufklärung im Sinn haben. Immerhin ist der Vorsitzende des Gremiums zugleich Vorsitzender der Ethikkommission der Fakultät, die die Studien an Patienten bewilligt hatte.

Alle klinischen Daten geprüft

Gernot Stuhler kann Zimmermanns Aufregung indes nicht nachvollziehen. Dieser habe ihnen selbst schon erfolgreiche Zellfusionen attestiert. Ähnlich äußert sich Kuglers Göttinger Chef und Seniorautor der Nature Medicine-Veröffentlichung, Rolf-Hermann Ringert. Dem Göttinger Tageblatt, das am 19.Mai schon von einigen der Vorwürfe berichtet hatte, versicherte er, er habe alle klinischen Daten zusammen mit seinem Kollegen Gerhard Müller geprüft und sie seien "absolut korrekt". Müller ist ebenfalls Ko-Autor der Veröffentlichung.

Auf Anfrage bestätigt Ringert zudem, auch in seinem Labor sei nach Stuhlers Methode erfolgreich fusioniert worden. Dies könne er mit Abbildungen belegen, wenngleich diese nicht schön seien.

Vor kurzem wurde auch Peter Hans Hofschneider, Professor am Max- Planck-Institut für Biochemie bei München, über die Vorfälle informiert. Seit dem Fall Brach/Herrmann/Mertelsmann, dem größten Fälschungsskandal der deutschen Wissenschaft, ist Hofschneider unter jungen Forschern als Vertrauensperson bekannt. Nachdem er einige Vorwürfe mit Fachleuten geprüft hat, schildern er und zwei weitere Wissenschaftler in einem Brief an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihre Befürchtungen: "Sollte dies zutreffen, könnte sich ein Skandal anbahnen, der in seiner klinischen Bedeutung die Herrmann/Brach-Verfehlung bei weitem übertreffen würde." Gegenüber der SZ warnt auch Hofschneider, "ins Blinde hinein weiter Patienten zu behandeln."

Wie es in Göttingen heißt, werden derzeit keine neuen Patienten mehr in die Studien aufgenommen, wohl aber bisherige weiterbehandelt. Bei der DFG hat man "erste Schritte" zur Prüfung der Vorwürfe eingeleitet. Eines haben die DFG-Experten bereits ermittelt: Mitautor der zweifelhaften Arbeit in Nature Medicine und Chef des involvierten Tübinger Arztes Gernot Stuhler ist just jener Mediziner, den die DFG vor wenigen Wochen wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens mit einer milden Strafe bedacht hat (SZ, 12.6.2001): Lothar Kanz von der Universität Tübingen.