bedeckt München 24°

Religion und Technik:Wenn der Rollstuhl koscher fährt

Rabbi Shmuel Veffer, head of Kosher Innovations, with the Kosher Lamp in Toronto, Canada on July 17, 2008.

Rabbi Shmuel Veffer mit koscherer Lampe: Eine Blende verdunkelt sie, kein Schalter muss betätigt werden.

(Foto: Jim Ross /The New York Times/Red)
  • Nach der Halacha, den jüdischen Gesetzen zur Lebensführung, darf am Sabbat nichts erschaffen werden, selbst das Schließen eines Stromkreislaufs ist tabu.
  • Das Zomet-Institut in Israel arbeitet deshalb an Technik, die orthodoxe Juden auch am Ruhetag verwenden dürfen.
  • Zu den Erfindungen der Forscher zählen etwa Sabbat-taugliche Rollstühle, Stifte oder Metalldetektoren.

Der Lärm ist mal wieder unerträglich. Aber Rabbi Binyamin Zimmerman läuft routiniert wie immer von einem Ausstellungsobjekt zum nächsten, vom Treppenlift in einer Glasvitrine zur Plastikhand, die man zu Demonstrationszwecken in einen Fingerabdruckscanner setzen kann - und lässt per Knopfdruck eine plappernde Stimme nach der anderen verstummen. Eben ist eine jüdische Schulklasse durch die kleine Ausstellung gefegt und hat sämtliche Videos an den Stellwänden simultan zum Laufen gebracht. Als wieder Ruhe herrscht, lächelt der Rabbi sanft. Dann schließt er die Tür eines üppig verdrahteten Toraschreins. Statt heiliger Schriftrollen beherbergt dieses Holzfurnier Weltliches: eine ausgeklügelte Diebstahlsicherung.

Das Besondere an diesen Ausstellungsstücken ist, dass sie trotz des strengen Ruhegebots am Sabbat verwendet werden dürfen. Seit 42 Jahren tüftelt man im Zomet-Institut an der Vereinbarkeit jahrtausendalter Gesetze und moderner Technologie. Zomet, das bedeutet auf Hebräisch: "Kreuzung". Wie diese Vereinbarkeit von Religion und modernem Leben in der Realität aussieht, können Gäste in einem Besucherzentrum sehen. Vorausgesetzt man lässt sich nicht davon abschrecken, dass das "Zomet Experience" in Allon Schewut sitzt, einer national-religiösen Siedlung im von Israel besetzten Westjordanland. Es gibt dort Weinberge, aber auch jede Menge Stacheldraht.

"Warst du schon mal an der Klagemauer?", fragt der Rabbi und führt die Schüler in das Klassenzimmer im Keller. Die Schaltkreismodelle an den Wänden erinnern an den Physikunterricht in der Schule. Hinter Stuhlreihen ist ein Wachturm aus Pappe aufgebaut. Weiter vorne steht eine Metalldetektorschleuse, wie sie in Israel omnipräsent sind. Der einzige Unterschied: Die Schleuse ist koscher, also sabbattauglich.

Orthodoxe Juden weigerten sich, am Sabbat durch einen Metalldetektor zu treten

Nach der Halacha, den jüdischen Gesetzen zur Lebensführung, darf am Sabbat nichts erschaffen und auch kein Feuer angezündet werden. Selbst das Schließen eines Stromkreislaufs ist nach heutiger Auslegung tabu. Gläubige Juden müssen deshalb unter der Woche alles für den Ruhetag vorbereiten. Mithilfe von Zeitschaltuhren ist das bezüglich Herd, Licht oder Warmwasserboiler längst kein Problem mehr. Auch die Melkanlagen in religiösen Kibbuzen arbeiten am Sabbat dank vorheriger Programmierung. So wie einige Aufzüge in öffentlichen Gebäuden automatisch auf jeder Etage halten - zum Ärger der Nichtgläubigen.

Kniffliger wird es, wenn die alten Gesetze auf die Ansprüche einer säkularen Hightech-Gesellschaft treffen. Noch dazu in einem Staat, der so sicherheitsorientiert ist wie Israel. Vor nicht allzu langer Zeit weigerten sich zum Beispiel orthodoxe Juden am Sabbat durch einen Metalldetektor zu treten. Selbst wenn es nur eine Gürtelschnalle ist, die den Alarm auslöst, wäre das streng genommen ein Bruch des Sabbats. Das soll sich nun ändern. Die Metalldetektoren des Zomet-Instituts, die inzwischen auch vor der echten Klagemauer stehen, verfügen über einen Spannungsmesser. Das heißt: Wer mit Metall am Körper durch die Schleuse tritt, verändert nur die existierende Spannung. Ein Zeiger schlägt aus. Aber einen Stromkreis schließt das Gerät deswegen nicht.

Rabbi Zimmerman stammt eigentlich aus New Jersey und lehrt an der Yeshiva von Allon Schewut die Tora, wenn er keine Führungen gibt. Wie die anderen Mitarbeiter des Instituts, 16 Ingenieure und Rabbis, fasziniert ihn die Wissenschaft genauso wie die Interpretation der jüdischen Gesetze. Gerade Rabbis müssten sich mit Technologien auseinandersetzen, findet Zimmerman. Um sie richtig anwenden zu können. "Dass die Juden nicht nur überlebten, sondern heute in Israel als Start-up-Nation prosperieren, liegt daran, dass sie immer offen waren für den Fortschritt", sagt der Rabbi. Nach seinem Verständnis ist alles bereits in der Tora angelegt. Es muss nur entdeckt werden.

Neben Rabbis und Schulklassen lauschen vor allem jüdische Reisegruppen und Geschäftsleute seinen Ausführungen. Die fangen bei Edisons Glühbirne, dem Symbol für die Elektrifizierung der modernen Welt, an - und damit gleichermaßen auch bei der Urfrage für die Tüftler vom Zomet-Institut: Wie lässt sich Strom nutzen und trotzdem angemessen Sabbat feiern?