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Zivile Kriegsopfer im Irak:Streit um die Zahl der Toten

Die Bilanz der zivilen Kriegsopfer im Irak ist brisant. Kein Wunder, dass um die unterschiedlichen Zahlen zweier Studien in schrillen Tönen gestritten wird.

Die Wörter "Autobombe" und "Irak" haben sich in den Fernseh- und Zeitungsnachrichten längst fest verbunden. "Bei der Explosion einer Autobombe sind in Bagdad elf Menschen gestorben, mehr als 60 wurden von Splittern und Trümmern verletzt", heißt es dann. Oder knapper: 20 Tote, 33 Verletzte.

Gewalt ist für viele Zivilisten im Irak eine alltägliche Erfahrung.

(Foto: Foto: Reuters)

Oder dramatischer: Neun Iraker haben bei einem Anschlag das Leben verloren, 30 kämpfen in Krankenhäusern noch darum. Kaum jemand kann noch den Überblick behalten, wie viele Zivilisten als Folge von Krieg und Bürgerkrieg im Irak gestorben sind. Auch nicht die Helfer vor Ort: "Wir zählen das nicht, wir haben andere Aufgaben", sagt Dorothea Krimitsas vom Internationalen Roten Kreuz.

Doch die Bilanz ist brisant und hochpolitisch. Kein Wunder also, dass um die wenigen Versuche, die Zahl der Opfer zu bestimmen, in schrillen Tönen gestritten wird. Die Debatte wird in diesen Tagen durch zwei neue Veröffentlichungen angeheizt.

Zum einen hat die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) eine Studie veröffentlicht, wonach allein zwischen der Invasion im März 2003 und Ende Juni 2006 etwa 151.000 Iraker durch Gewalteinwirkung gestorben sind. Und in diese Phase fallen noch nicht einmal die blutigsten Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen der Sunniten und Shiiten.

Zum anderen behauptet das amerikanisches Magazin National Journal in einem langen Artikel, es gebe gravierende methodische Mängel und andere Ungereimtheiten in einer früheren Studie: Deren Autoren hatten für den gleichen Zeitraum 601.000 zivile Gewaltopfer und weitere 54.000 Todesfälle durch indirekte Kriegsfolgen errechnet und damit großes Echo in der Weltpresse gefunden.

"Es war ein Wendepunkt für die Einstellung zum Krieg", sagte der Meinungsforscher John Zogby im TV-Sender CNN. "Die Studie wurde nicht hinterfragt, weil sie der Presse erzählte, was die hören wollte", grollt nun das Wall Street Journal in einem Kommentar. In der Debatte geht es auch um den Ruf der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet, die diese erste Studie veröffentlicht hatte.

Viele Gewaltopfer nicht erfasst

Wer sich für Todesfälle im Irak interessiert, kann nicht in ein wohlgeführtes Amt gehen und die im Archiv verwahrten Totenscheine auswerten. Die öffentliche Verwaltung funktioniert nicht einmal im Ansatz, viele Gewaltopfer werden von keiner Behörde erfasst. Darum haben die beiden Forscherteams ihre Daten mit Hilfe einer Tür-zu-Tür-Befragung erhoben. Und ein Teil des Streits handelt davon, wie man so etwas in einem Land wie dem Irak repräsentativ macht.

Die erste Gruppe, die aus drei Amerikanern von der angesehenen Johns Hopkins School of Public Health in Baltimore und einem irakischen Arzt besteht, hat aus allen Provinzen des Landes 50 Regionen nach dem Zufallsprinzip herausgesucht. Dort wollten die Forscher jeweils 40 Haushalte in einer zufällig gewählten Nebenstraße befragen, ob Familienmitglieder zwischen Januar 2002 und Juni 2006 gestorben sind.

Tatsächlich haben die beiden beauftragten Teams aus lokalen Mitarbeitern im Irak nur 47 Nachbarschaften und 1849 Haushalte besucht, in denen ihnen von 547 Todesfällen seit der Invasion der Amerikaner berichtet wurde. Davon hätten 300 eine gewaltsame Ursache gehabt, erfuhren die Befrager. Jeder der erfassten 12.801 Menschen stand dann für etwa 2000 Iraker, sodass sich die Zahl von gut 600.000 Gewaltopfern ergab ( The Lancet, 11. Oktober 2006).

Bei der WHO-Studie sind die Forscher ähnlich vorgegangen, allerdings mit mehr Aufwand: Sie haben mit 200 Teams in 971 Nachbarschaften 9345 Haushalte nach Gesundheit, Krankheit und Tod befragt. In diesen Familien, in denen 61.136 Menschen lebten, waren seit der Invasion 260 Menschen an Verletzungen gestorben. Daraus kalkulierte das Team um Mohamed Ali von der WHO in Genf mit einigen Korrekturfaktoren seine Schätzung von 151.000 Gewaltopfern ( New England Journal of Medicine, online).

Jeder kann sich nach seiner Überzeugung bedienen

Diese Zahl beträgt ein Viertel der im Lancet veröffentlichten Hochrechnung, liegt aber dreimal so hoch wie die Bilanz der britischen Menschenrechtsgruppe Iraq Body Count (IBC), die für den Zeitraum bis Mitte 2006 genau 47.668 zivile Tote gezählt hat.

Die Organisation, die der amerikanischen Politik kritisch gegenübersteht, wertet systematisch Medienberichte aus. Ihre Zahlen liegen also mit Sicherheit zu niedrig, weil die Presse nicht das ganze Land im Auge hat und nicht über jeden Anschlag berichtet.