Zauberei und Psyche:Die Illusion der Wahrnehmung

Lesezeit: 5 min

Wie hat er das wieder gemacht? Neurowissenschaftler versuchen zu ergründen, wie Zauberer und Trickkünstler Schwächen der Psyche und der Sinne ausnutzen.

Hubertus Breuer

Wo war der Ball nur hingeraten? Der in Amerika bekannte Raymond Teller, stummer Part des Zauberer-Duos "Penn & Teller", hatte auf der Bühne einen weißen Ball mehrmals in die Luft geworfen und wieder aufgefangen.

Zauberei und Psyche: "Die Zauberei passiert im Kopf des Zuschauers."

"Die Zauberei passiert im Kopf des Zuschauers."

(Foto: Foto: dpa)

Auf und ab, auf und ab flog er auf seiner vertikalen Bahn, immer wieder, bis er plötzlich verschwand. Mitten in der Luft, schwupps, war er weg. Ein Taschenspielertrick, gewiss, doch wie ist das möglich?

Das erstaunte Publikum war erlesen. Wahrnehmungspsychologen, Neurowissenschaftler und Illusionisten hatten sich im Sommer vergangenen Jahres in Las Vegas während der Jahresversammlung der Association for the Scientific Study of Consciousness getroffen, um eine ungewöhnliche Seelenverwandtschaft zu vertiefen: die zwischen Zauberern, den Meistern der Illusionen, und Kognitionswissenschaftlern und Hirnforschern, die selbst regelmäßig Tricks in ihren Experimenten nutzen.

Ihr Material ist stets die Psyche: "Die Zauberei passiert im Kopf des Zuschauers", sagt der amerikanische Kartenkünstler Jamy Ian Swiss über die Grundlage aller Magie.

"Wir sollten einige Methoden der Zauberer im Labor untersuchen"

Das vorläufige Ergebnis des ungewöhnlichen Zwiegesprächs dokumentieren zwei Aufsätze in den Fachjournalen Nature Neuroscience und Current Biology. Darin können Zauberkünstler im Detail erfahren, welche psychologischen Prinzipien sie anwenden, um ihr Publikum hinters Licht zu führen.

Einige der beteiligten Forscher vermuten sogar, unter den gezielten Vortäuschungen falscher Tatsachen den einen oder anderen kuriosen Effekt gefunden zu haben, der eine nähere Betrachtung wert sei. "Wir sollten einige Methoden der Zauberer mit bildgebenden Verfahren im Labor untersuchen", sagt Susana Martinez-Conde vom Barrow Neurological Institute in Phoenix, Arizona. "Da können wir sicher noch viel lernen."

Fingerfertigkeit, schnelle Handgriffe und Requisiten mit doppeltem Boden, Falltüren und andere Geheimvorrichtungen spielen eine große Rolle für die Bühnenmagie. Doch vor allem geht es um geschickte Manipulation - die Erzeugung visueller Illusionen, die subtile Steuerung der Aufmerksamkeit -, und immer darum, das Denken skeptischer Betrachter gezielt in die Irre zu führen.

So verschwand der von Teller geworfene Ball natürlich nicht in der Luft. Er deutete seinen letzten Wurf nur an. Den Ball verbarg er in der Hand, dennoch verfolgte er das imaginäre Objekt mit Kopf- und Augenbewegung. Experimente des Psychologen Gustav Kuhn an der britischen Durham University zeigten, dass Probanden dennoch meist glauben, sie würden den Ball im Flug sehen.

Doch ihre Augen belegen, dass sie ihren Blick ebenso auf das Gesicht des Zauberers richten. Weil der so tut, als würde er etwas beobachten, ist auch der Zuschauer geneigt, das zu glauben. Beachtet der Magier den Ball nicht besonders, fällt so gut wie niemand auf die Nummer herein.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB