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Wissenschaft und Ethik:Erkenntnis verpflichtet

Seit der amerikanische Präsident Donald Trump ständig seine eigenen Fakten schafft, ist die akademische Welt aufgewacht und fordert sich selbst zum Reden auf.

saul

SZ-Grafik

as vor wenigen Monaten gekürte Unwort des Jahres 2017 heißt "Alternative Fakten", ein Begriff, der von Kellyanne Conway als Beraterin von US-Präsident Donald Trump geprägt worden ist. Damit widersprach sie den Fotodokumenten, die belegten, dass bei der Amtseinführung des US-Präsidenten im Januar 2017 entgegen seiner Behauptung doch nicht die größte Menschenansammlung aller Zeiten zusammengeströmt war. Der Begriff "Alternative Fakten" steht somit für eine sich verstärkende Tendenz, mittels Verschleierung und Irreführung Falschbehauptungen als Mittel der öffentlichen Debatte einzusetzen. Die Fakten werden übergangen und durch eine gefühlte Wahrheit ersetzt, mit der vorgefasste Meinungen vertreten werden.

40 Prozent der Amerikaner glauben, es habe keine Evolution gegeben

Einer postfaktischen Argumentationsweise bediente sich kürzlich auch der Republikaner Mo Brooks, Mitglied im US-Repräsentantenhaus für den Bundesstaat Alabama, als er das Ansteigen des Meeresspiegels mit dem Geröll erklärte, das durch Flüsse ins Meer gespült wird, oder den von Klippen herabstürzenden Felsbrocken. Hiervon ließ er sich auch nicht angesichts der in einer Anhörung vorgetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse abbringen. Schon 2012 hatte Donald Trump auf Twitter verkündet, dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen sei, die damit das Ziel verfolgten, die amerikanische Wirtschaft zu schädigen. Bedrückend ist nicht minder die Akzeptanz des Kreationismus, der sich auf die biblische Schöpfungsgeschichte beruft und die Evolutionstheorie negiert: Laut einer Meinungsumfrage aus dem Jahr 2005 glauben über 40 Prozent der US-Amerikaner daran, dass "die Lebewesen seit Anbeginn der Zeit in ihrer heutigen Form existieren". Alles eine Frage der Überzeugung, scheint es.

Gegen diesen postfaktischen Relativismus und eine politisch und ideologisch motivierte Einschränkung der wissenschaftlichen Forschung wendet sich der 2017, am Welttag der Erde, ins Leben gerufene "March for Science". Die Menschheit sei auf unverfälschte wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundvoraussetzung angewiesen, um die brennenden globalen und die Menschheit in ihrer Existenz bedrohenden Herausforderungen bewältigen zu können, so die Argumentation der Initiatoren. Auf der deutschen Website erklärt die Initiative, sie wolle sich dagegen stemmen, dass Wissenschaft für eigene Zwecke als Angriff gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung vereinnahmt werde, und sie nimmt sich auch selbst in die Pflicht: "Gleichzeitig muss selbstverständlich auch die Wissenschaft selbst kritisch auf eigene Versäumnisse blicken. Es liegt auch in der Verantwortung der Wissenschaft selbst, sich das Vertrauen der Gesellschaft zu erwerben und zu erhalten. Das gegenwärtige Wissenschaftssystem bietet beispielsweise keine Anreize für Wissenschaftler, ihre Forschung nach außen zu kommunizieren. Vertrauen entsteht jedoch nur durch Kommunikation."

Dabei gab es immer wieder Beispiele für eine erfolgreiche Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse. So entdeckten Anfang der 70er-Jahre die Chemiker Frank Sherwood Rowland und Mario J. Molina den Zusammenhang zwischen dem sich an den Polen der Erde dramatisch vergrößernden Ozonloch und der Freisetzung von FCKW. Letztendlich mündete diese Erkenntnis in das Verbot von FCKW. Der 1988 gegründete Weltklimarat trägt wiederum in mehrjährigem Abstand die weltweiten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Klimaveränderung zusammen, bildet damit den aktuellen Stand des Wissens ab und bietet so die Grundlage für ein wissenschaftlich abgesichertes Handeln in der Klimapolitik.

Auf die Wissenschaft zu hören, das forderte auch der Heidelberger Appell 1992. Geschrieben wurde er vor dem Hintergrund der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, bei der die UN-Klimarahmenkonvention unterzeichnet wurde. Der Appell beklagte das Aufkommen einer irrationalen Ideologie, die sich dem wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt entgegenstelle. So würde sich die Politik zu sehr von "pseudowissenschaftlichen Argumenten oder falschen und irrelevanten Daten" leiten lassen.

108 Preise

Seit 1901 wurde der Nobelpreis in Physiologie oder Medizin 108 Mal verliehen. In 39 Fällen gab es nur einen Preisträger, 32 Mal wurde die Auszeichnung von zwei Personen geteilt, 37 Mal von drei Wissenschaftlern. Neunmal - vor allem zu Kriegszeiten - gab es keinen Preisträger: 1915, 1916, 1917, 1918, 1921, 1925, 1940, 1941, 1942. Die Regularien besagen, dass, sollte kein würdiger Laureat gefunden werden, das Preisgeld bis zum folgenden Jahr aufgehoben wird. Findet sich wiederum kein passender Laureat, geht das Geld an die Nobelstiftung.

Kam 1992 darin noch die Sorge vor einem klimapolitischen Aktionismus zum Ausdruck, liest sich das Dokument in Zeiten "alternativer Fakten" anders - wenn wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst verzerrt oder bagatellisiert werden.

Die Klimaveränderung rief die Wissenschaftler auch ein knappes Vierteljahrhundert nach Rio erneut auf den Plan. Die Mainauer Erklärung 2015, die von über 70 Nobelpreisträgern unterzeichnet wurde, brachte nicht nur die tief empfundene Sorge vor den Folgen des Klimawandels zum Ausdruck, sondern auch die herausragende Bedeutung der durch den Weltklimarat zusammengetragenen Ergebnisse. Es geht aber nicht nur um wissenschaftliche Erkenntnisse, die im gesellschaftlichen Bewusstsein und im politischen Handeln Verankerung finden müssen, sondern nicht minder um die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft.

Exemplarisch für das immer wieder gezeigte Engagement der Wissenschaft steht allerdings eine Erklärung, die schon länger zurückliegt: das Russell-Einstein-Manifest des Jahres 1955. Unter dem Eindruck der ersten Versuche mit Wasserstoffbomben warnten der Mathematiker, Philosoph und Pazifist Bertrand Russell und Physiker Albert Einstein vor der nuklearen Vernichtung der Menschheit. Nur mit der Rückbesinnung auf die Prinzipien der Menschlichkeit und die bewusste Entscheidung gegen bewaffnete Konflikte könne der Fortbestand gesichert werden.

Das gleiche Anliegen vertrat die im selben Jahr von über 50 Nobelpreisträgern unterzeichnete Mainauer Deklaration. Mit der Göttinger Erklärung von 1957 wandten sich wiederum 18 Atomphysiker, unter ihnen Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker, gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen. Gerade die Atomphysiker fühlten sich verpflichtet, die Stimme öffentlich zu erheben: "Unsere Tätigkeit belädt uns mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit."

Es waren vor allem Physiker, die in der Folge des Russell-Einstein-Manifests die Pugwash-Konferenz gründeten, darunter Joseph Rotblat, Victor Frederick Weisskopf und Leó Szilárd, die im Manhattan-Projekt an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet hatten. Benannt wurde die Konferenz nach dem Ort des ersten Treffens in der ostkanadischen Provinz Nova Scotia. Auf Einladung des Industriellen Cyrus Eaton trafen sich dort 22 Wissenschaftler, um über die Blockgrenzen des Kalten Krieges hinweg in informellem Rahmen über die Probleme der Welt zu reden. Sie suchten hier und da bei weiteren Treffen an verschiedenen Orten nach Wegen, um den drohenden nuklearen Untergang zu vermeiden. In Zeiten der unversöhnlichen Konfrontation wurden sie in Ost und West kritisch beäugt. Atomphysiker wie Hans-Peter Dürr, der bei Edward Teller, dem "Vater der Wasserstoffbombe", promoviert hatte und Leiter des Max-Planck-Instituts für Physik war, hatten es auch in den eigenen Reihen nicht leicht. Dürr wurde vorgehalten, sein eigenes Forschungsgebiet zu diskreditieren. 1987 wurde er mit dem "Right Livelihood Award", auch als Alternativer Nobelpreis bezeichnet, ausgezeichnet. Auch die kritisch beäugte Pugwash-Konferenz wurde 1995, 50 Jahre nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, für ihre Verdienste um die atomare Abrüstung mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

In den ausgehenden 60er-Jahren entstanden angesichts eines wachsenden Krisenbewusstseins und globaler Herausforderungen wie dem Welternährungsproblem, dem wachsenden Nord-Süd-Gefälle, der Umweltzerstörung oder der schwindenden Energieressourcen weitere Ansätze, bevorstehenden Krisen mit wissenschaftlicher Rationalität zu begegnen. Hierzu gehörte 1968 die Gründung des Club of Rome. Carl Friedrich von Weizsäcker gründete 1970 wiederum in Starnberg das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, um die Auswirkungen der technologischen Entwicklung zu erfassen und gesamtgesellschaftliche, ethisch begründete Perspektiven zu bieten.

Bei allem Erkenntnisdrang gehört zur Beherrschung der Technik ein ethisches Handeln. Dafür setzten sich im Kalten Krieg Atomphysiker ein. Heutzutage betrifft das neue Forschungsgebiete wie die Gentechnik, die gentechnische Veränderung von Lebewesen und letztlich auch menschlichen Erbguts im Sinne der Eugenik. Dazu gehört aber auch die künstliche Intelligenz, die der Politik angesichts dramatischer Entwicklungen vielleicht einmal Entscheidungen abnehmen und sie so aus der Verantwortung entlassen könnte.

Führende Wissenschaftler wie der kürzlich verstorbene Physiker Stephen Hawking warnen aber eindringlich: "Die Entwicklung von vollständiger künstlicher Intelligenz könnte das Ende der menschlichen Rasse bedeuten." Ähnlich besorgt über die Risiken der Entwicklung künstlicher Intelligenz äußern sich auch Visionäre wie Bill Gates oder der Tesla-Gründer Elon Musk, die die technologische Entwicklung vorangetrieben haben. Die Wissenschaft müsse durch Kooperation und Verantwortungsgefühl sicherstellen, dass die Menschheit niemals die Kontrolle über die künstliche Intelligenz verliere.

Angesichts von Untergangsszenarien werden Projekte entwickelt, mit deren Hilfe ein unabhängiges, sich selbst erhaltendes Ökosystem errichtet werden kann, um der menschlichen Spezies außerhalb der Erde das Überleben zu sichern. Als Antwort auf die apokalyptischen Visionen hat die Wissenschaft aber die Verpflichtung, für die Lebensfähigkeit auf unserem Planeten einzutreten. So stellte die Pugwash-Konferenz bereits im Jahr 1958 fest, dass der eigentliche Zweck der Naturwissenschaft darin bestünde, "das menschliche Wissen zu vermehren und bei der Bändigung der Naturkräfte zum Wohl aller zu helfen". Ethische Prinzipien sind mehr denn je eine der zentralen Säulen zur Bewahrung der Menschlichkeit und zur Sicherung des Fortbestandes der Menschheit.