Vulkan vor dem Ausbruch:Aschewolken aus dem Felsendom

Am Vulkan Santa Maria in Guatemala beobachten Geologen, wie die Gefahr eines gewaltigen Ausbruchs stetig wächst. Sollte es zur befürchteten Katastrophe kommen, wären 300.000 Menschen betroffen.

Angelika Jung-Hüttl

"Die Landschaft sieht so friedlich aus", sagt Gustavo Chigna, "doch das täuscht - hier könnte sich ein verheerender Ausbruch ereignen, so wie am Mount St. Helens in Washington 1980."

Vulkan vor dem Ausbruch: In jeder Stunde stößt der Vulkan Santa Maria Gas und Asche aus - man könnte fast die Uhr danach stellen.

In jeder Stunde stößt der Vulkan Santa Maria Gas und Asche aus - man könnte fast die Uhr danach stellen.

(Foto: Foto: Bernhard Edmaier)

Nachdenklich blickt der Wissenschaftler über die Kaffeeplantagen und den dichten tropischen Urwald hinauf zum Vulkan Santa Maria, dessen Silhouette in der Morgensonne leuchtet.

Mit einer Höhe von 3772 Metern überragt der imposante Kegel die dicht besiedelte Ebene an der Pazifikküste Guatemalas. Sollte es hier zu einer Vulkankatastrophe kommen, wären 300.000 Menschen betroffen. Wichtige Landesstraßen und Brücken und ein Geothermalkraftwerk könnten beschädigt oder zerstört werden.

Gustavo Chigna arbeitet für das Insivumeh, das nationale Institut für Seismologie, Vulkanologie, Meteorologie und Hydrologie in Guatemala-Stadt. Er erinnert an die Katastrophe am Mount St. Helens, um die mögliche Gewalt einer Vulkanexplosion zu verdeutlichen.

Die Energie von 27.000 Hiroshima-Bomben

Während des Hauptausbruchs am 18. Mai 1980, der neun Stunden dauerte, wurde Berechnungen zufolge die Energie von 27.000 Hiroshima-Bomben freigesetzt. Voraussetzung dafür, dass sich eine solch ungeheure Sprengkraft überhaupt entwickeln konnte, war ein Bergrutsch im Gipfelbereich des Vulkans. Er war die Initialzündung. Als hätte man den Deckel von einem Dampfkessel genommen, kam es zur Explosion.

Etwas Ähnliches könnte sich am Santa Maria wiederholen, befürchtet Chigna. Er und sein Team überwachen den Vulkan, den gefährlichsten in Mittelamerika. Lange galt er als erloschen, bis er 1902 erstmals in historischer Zeit ausbrach - nach vielen Jahrhunderten, vielleicht sogar Jahrtausenden der Ruhe. Die Aschewolken stiegen 30 Kilometer hoch und verdunkelten tagelang den Himmel. Glutlawinen wälzten sich kilometerweit über die Küstenebene und brannten Dörfer und Felder nieder.

"Wie viele Menschen damals ihr Leben verloren, ist nicht genau bekannt", sagt Chigna. Einige Tausend sollen es gewesen sein. Mindestens nochmal so viele Opfer forderte gleich danach eine Malaria-Epidemie. Alle Vögel in der Region waren in den giftigen Gasen und Aschewolken umgekommen, und so konnten sich die Mosquitos, welche die Krankheit übertragen, ungehindert vermehren.

Die Spuren dieses Ausbruchs, der zu den schlimmsten im vergangenen Jahrhundert zählt, sind noch heute deutlich zu sehen. Die Explosionen haben eine große Wunde in die Flanke des Berges gerissen. Der Gipfel wirkt wie senkrecht durchgeschnitten. Darunter öffnet sich ein weiter, schüsselförmiger Krater - als hätte man ein Stück aus dem Abhang des Vulkans herausgeschält.

Der Krater reicht hinab bis zu den Wäldern und Plantagen auf den 1000 Meter tiefer gelegenen Hängen. Dort liegt das aktive Zentrum des Santa Maria - ein etwa 200 Meter hoher Hügel aus grauem Schutt. Er klebt an der geschundenen Flanke des riesigen Feuerberges wie eine überdimensionale Seepocke an einem steilen Küstenfelsen.

Die Menschen nennen ihn Santiaguito, abgeleitet vom Namen des heiligen Jakob. Es ist ein niedlicher Name für dieses Hunderte Grad Celsius heiße Gebilde, das mehrmals am Tag Gaswolken und Asche ausstößt und dessen Gipfel wie ein Kohlehaufen glüht.

Wie Zahnpasta aus der Tube

Heiße Schutthügel wie der Santiaguito sind ein typisches Phänomen an hochexplosiven Feuerbergen überall auf der Erde. Die Vulkanologen sprechen von einem vulkanischen Dom. Auch im Krater des Mount St. Helens ist nach dem verheerenden Ausbruch 1980 ein solcher Dom herangewachsen.

Diese Gebilde entstehen, wenn sich nach einem verheerenden Ausbruch ganz langsam sehr zähe Lava aus einem Vulkanschlot heraus schiebt wie Zahnpasta aus der Tube. Meterhohe Felssäulen hoher Temperatur türmen sich auf, die immer wieder zusammenbrechen. So wächst mit der Zeit ein kuppelförmiger Schutthügel heran.

Aschewolken aus dem Felsendom

1922, also zwanzig Jahre nach dem ersten verheerenden Ausbruch, begann in der aufgebrochenen Flanke des Santa Maria der Santiaguito heranzuwachsen. "Dome sind sehr instabil", erläutert Chigna, "sie können plötzlich zusammenbrechen." So wie der Santiaguito im Jahr 1929, als die zweite Katastrophe passierte.

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(Foto: SZ-Grafik)

Was damals der Auslöser war, weiß niemand genau. Doch als hätte jemand den Pfropfen aus einer Sektflasche gezogen, kam es zur Explosion. Glühende Stein- und Staublawinen wälzten sich zehn Kilometer weit Richtung Pazifikküste und töteten mehrere hundert Menschen.

Gustavo Chigna nützt die klare Morgenluft, um von einer etwa zwei Kilometer entfernten Anhöhe aus die Eruptionen des Santiaguito zu beobachten und die Gase in den Ausbruchswolken zu analysieren. "Entscheidend ist der Gehalt an Schwefeldioxid im Gas", erklärt der Wissenschaftler, "wenn der steigt, ist Vorsicht geboten." Das könnte bedeuten, dass Magma aus dem Erdinnern drängt und ein größerer Ausbruch bevorsteht."

Gasmessungen allein genügen jedoch nicht für die Vorhersage eines Domkollapses. Parallel dazu beobachten Chigna und seine Kollegen vom Insivumeh immer auch die Signale, welche die sechs seismischen Stationen rund um den Vulkan ständig registrieren und in das Institut im 200 Kilometer entfernten Guatemala-Stadt funken. Nehmen auch die Erschütterungen zu, verstärkt sich der Verdacht auf einen größeren Ausbruch.

Glutlawinen und Aschewolken sind nicht die einzige Gefahr für die Menschen am Fuß des Santa Maria. In der Regenzeit bedrohen sogenannte Lahare, also Schlammströme, vor allem die Dörfer und Felder entlang der Flüsse, die vom Vulkan zum Pazifik strömen.

"Ab einer Regenmenge von 40 Millimeter in zwei Stunden sind wir in Alarmbereitschaft", sagt Chigna. Das viele Wasser kann den lockeren Schutt, den der Santiaguito ständig produziert, leicht mit sich reißen. Die graue, mit großen Felstrümmern beladene Brühe schießt mit Geschwindigkeiten bis zu 100 Kilometern pro Stunde durch die Flusstäler.

Die Toten von El Palmar

Wenn während eines starken Regengusses auch noch die Erdbebenmessgeräte ausschlagen, ist die Gefahr besonders groß. Die Wissenschaftler an Chignas Institut benachrichtigen dann Conred, die nationale Koordinationsstelle bei Naturkatastrophen, die per Radio die Bevölkerung informiert und gegebenenfalls evakuiert.

Am meisten hat das Dorf El Palmar unter den Gefahren zu leiden. Es liegt etwa zehn Kilometer vom Santiaguito entfernt, genau in dessen Falllinie am Ufer des Flusses Nima, der direkt am Fuß des heißen Hügels entspringt. Schon die Glutlawinen vom Domkollaps im Jahr 1929 nahmen ihren Weg durch das Flusstal. El Palmar hatte die meisten Toten zu beklagen.

Aschewolken aus dem Felsendom

1984 kam dann der erste große Schlammstrom. Der Lahar begrub ein Drittel des Dorfes unter sich. Die nächste Katastrophe geschah 1997. Diesmal hatte der Schlammstrom noch so viel Kraft, dass er das Flusstal um 15 Meter vertiefen konnte, wobei er viele Häuser und einen Teil der Kirche mit sich riss. Die Ruine hängt noch heute am Abgrund über dem Fluss. Beide Male konnten die Menschen rechtzeitig evakuiert werden.

"Diese Katastrophen sind jedoch klein im Vergleich zu dem, was passieren könnte", sagt Gustavo Chigna und deutet auf die brüchige, übersteile Felswand unterhalb des Gipfels am Santa Maria. "Sollte sie zum Beispiel aufgrund eines stärkeren Erdbebens kollabieren, könnte dies einen gewaltigen Bergsturz auslösen", sagt der Wissenschaftler. Dann würden Felslawinen auf den Santiaguito niedergehen; ihre Gewalt könnte ihn teilweise oder sogar völlig zerstören.

Diese Sorge haben auch die Geowissenschaftler von der Technischen Universität des US-Staats Michigan, die den Vulkan untersucht und eine Risikokarte erstellt haben. Wie 1980 am Mount St. Helens würde durch den Kollaps des Doms das aufdrängende Magma plötzlich entlastet, und könnte schlagartig explodieren.

Aschenwolken und Glutlawinen und möglicherweise auch noch Schlammströme könnten das Land bis zum Pazifik im Südwesten und bis Mexiko im Nordwesten verwüsten. Quetzaltenango, die zweitgrößte Stadt Guatemalas im Norden des Vulkans, hätte unter schwerem Ascheregen zu leiden.

"Wir müssen auf den schlimmsten Fall gefasst sein"

"Ich will keine Panik schüren, aber wir müssen auf den schlimmsten Fall gefasst sein", sagt Gustavo Chigna und richtet die lange Linse seines Gasmessgerätes wie ein Kanonenrohr in den Himmel über dem Santiaguito. Plötzlich schießt eine helle Wolke aus dessen Gipfel, bauscht sich auf, steigt hundert Meter hoch in die Luft. Glühende Felsen lösen sich und poltern die Abhänge des Domes hinunter.

Dieses Schauspiel liefert der kleine Abkömmling des großen Vulkans Santa Maria derzeit etwa einmal pro Stunde. Die Zeiger des Spektrometers schlagen aus. Ein Schreibgerät zeichnet eine Linie auf einen durchlaufenden Papierstreifen. Ob der Schwefeldioxidgehalt in der Gaswolke auf gefährliche Werte angestiegen ist und Gefahr droht, kann Chigna erst sagen, wenn er später im Büro das Diagramm ausgewertet und mit früheren Analysen vergleichen hat. Die Wissenschaftler müssen dann ihre Beobachtungen intensivieren, um rechtzeitig warnen zu können.

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