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Verhaltensgenetik:Wagen oder zagen

Spanish big wave surfer Axi Muniain drops in on a large wave at Praia do Norte in Nazare

Wäre es nicht so riskant, würde das Surfen auf Riesenwellen wahrscheinlich nur halb so viel Spaß machen.

(Foto: Rafael Marchante/Reuters)

Ob ein Mensch gerne das Risiko sucht oder lieber vorsichtig agiert, wird auch vom Erbgut gesteuert. Wie groß der Einfluss der Gene aber ausfällt, lässt Forscher allerdings noch rätseln.

Von Katrin Blawat

Aktien oder Sparbuch? Eine Rucksackreise an den Amazonas oder doch lieber Wandern in der Eifel? Anders gefragt: Risiko oder Sicherheit? Für welche dieser beiden grundsätzlichen Optionen sich jemand entscheidet, ist zum großen Teil eine Frage seiner Persönlichkeit. Die formt sich durch Erfahrungen, durch das Umfeld - und durch den Einfluss des Erbguts. Details dazu fördern Wissenschaftler allerdings erst ganz allmählich zutage, die sogenannte Verhaltensgenetik ist noch eine recht junge Disziplin.

Zu ihr trägt nun eine Forschergruppe um Erstautor Richard Karlsson Linnér von der Universität Amsterdam mit der bislang umfangreichsten Studie bei, die es je zu den genetischen Grundlagen der individuellen Risikobereitschaft gegeben hat (Nature Genetics). Anhand von Erbgutdaten und Auskünften in Fragebögen von mehr als einer Million Menschen haben die Forscher 124 genetische Varianten im Genom identifiziert, die mit darüber entscheiden, ob eine Person riskante Situationen eher sucht oder scheut.

Bei den Funden handelt es sich nicht um 124 verschiedene Gene, sondern um Unterschiede in jeweils einem Baustein der DNA, sogenannten SNPs (single-nucleotide polymorphisms). An diesen Punkten unterscheiden sich die Genome zweier Individuen normalerweise. Die Forscher glichen diese SNPs aus den zahlreichen Genomen mit den Angaben der Probanden ab, als wie risikobereit sie sich selbst einschätzten. Daraus ließen sich - wenn auch mit Unsicherheiten behaftete - Zusammenhänge herstellen zwischen Varianten der SNPs und der Lust am Abenteuer.

Derartige "Genomweiten-Assoziationsstudien" sind erst seit wenigen Jahren möglich sowie bezahlbar und haben der Verhaltensgenetik den Startschuss gegeben. Die Ergebnisse sind bislang vor allem für Studienzwecke interessant - nicht aber, um daraus Rückschlüsse auf den Alltag und das Leben eines einzelnen Menschen zu ziehen. Daher betonen Wissenschaftler immer wieder, wo die Aussagekraft ihrer Analysen endet. Zum Beispiel sagen sie nichts über kausale Zusammenhänge aus. Niemand weiß, ob eine bestimmte Genvariante wirklich kausal zu einer Verhaltensweise beiträgt, zu welchem Anteil auch immer. Vielleicht ist sie auch selbst nur die Folge einer anderen, noch unentdeckten DNA-Änderung, nach der in der jeweiligen Studie gar nicht gesucht wurde.

Die Zahl der beteiligten Genvarianten beläuft sich "auf Tausende, wenn nicht Millionen"

Auch in anderer Hinsicht bergen Studien wie die aktuelle viel Potenzial für Missverständnisse. So kann, selbst wenn die Forscher die identifizierten Genvarianten mittels einer Datenbank zum Teil bestimmten Genen zugeordnet haben, keine Rede davon sein, dass nun ein oder auch mehrere "Risiko-Gene" bekannt seien. Um Fehlinterpretationen vorzubeugen, betonen die Autoren, dass keine der ermittelten genetischen Varianten für sich allein beeinflusse, wie risikobereit ein Mensch ist. Selbst die wichtigste Variante erkläre nur 0,02 Prozent des unterschiedlichen Verhaltens, das Menschen in Bezug auf Abenteuer versus Sicherheit zeigen, sagt Co-Autor Jonathan Beauchamp von der University of Toronto. Wenn er und seine Kollegen die 124 identifizierten Genvarianten zusammenrechnen, kommen sie auf einen Einfluss von lediglich 1,6 Prozent.

Überraschend ist das nicht, bestätigt es doch, was als ziemlich sicher gilt: Die Zahl der beteiligten Genvarianten beläuft sich wohl "auf Tausende, wenn nicht Millionen", wie Beauchamp sagt. Angesichts dessen sind die nun ermittelten 124 Varianten lediglich ein Trippelschritt - wenn auch ein wissenschaftlich bedeutsamer.

Eines ist dennoch bereits klar: Selbst wenn eines Tages alle beteiligten Genvarianten bekannt sein sollten, ließe sich trotzdem nicht anhand einer Erbgutanalyse vorhersagen, ob jemand sein Geld in windige Aktien stecken, wie viele Strafzettel er für zu schnelles Fahren bekommen oder wie oft er sich an einem Bungee-Seil in die Tiefe stürzen wird. Denn stärker als die Erbanlagen prägt die Umwelt über verschiedene Mechanismen die Risikobereitschaft eines Menschen, direkt wie indirekt. Möglicherweise wirkt sich die Umgebung zudem unterschiedlich stark auf verschiedene Risiko-Aspekte aus, wie die Autoren spekulieren. Das könnte etwa dazu führen, dass jemand zwar gerne viel zu schnell fährt und abenteuerliche Hobbys hat, in finanzieller Hinsicht aber eher zurückhaltend agiert.

Doch ein derartiges Verhaltensmuster muss nicht in Stein gemeißelt sein. Wie Claudia Sahm von der US-Notenbank in einer zehnjährigen Studie mit 12 000 Amerikanern ermittelt hat, ändern vor allem zwei Faktoren die Risikobereitschaft eines Menschen: Das Alter lässt die meisten vorsichtiger werden, während eine brummende Wirtschaftslage - nicht die individuelle, sondern die eines ganzen Landes - Bedenken in vielerlei Hinsicht verblassen lässt.

© SZ vom 15.01.2019
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