Übertriebene Diabetes-Gefahr:Gesunde zu Zuckerkranken

Die Therapiegrundlagen von Diabetikern und solchen, die es werden könnten, sind in jüngster Zeit erschüttert worden. Vergangenes Jahr verunsicherte eine Untersuchung im New England Journal of Medicine Ärzte wie Patienten, weil Diabetiker unter Therapie mit der Substanzgruppe der Glitazone vermehrt Herzinfarkte bekamen (Bd.356, S.2457, 2007).

In einer anderen Studie erlitten mehr Frauen Knochenbrüche, wenn sie Medikamente aus dieser Gruppe einnahmen.

Noch überraschender war der vorzeitige Abbruch der Accord-Studie im Februar diesen Jahres. Die britische Studie hatte gezeigt, dass eine starke Senkung des Blutzuckers zu mehr Todesfällen unter den Diabetikern führte (British Medical Journal, Bd.336, S.458, 2008).

"Diese Ergebnisse widersprechen dem ärztlichen Grundverständnis, dass eine möglichst strenge Blutzuckerkontrolle Spätkomplikationen des Diabetes vermeiden und so die Prognose der Patienten verbessern kann", sagt Martin Reincke, Chef der Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Man muss sich in der Diabetes-Behandlung vom glukozentrischen Weltbild lösen", fordert der Mediziner daher. "Nur auf den Blutzucker zu starren, bringt nichts."

Zudem ist auch die tägliche Selbstkontrolle des Blutzuckers bei der großen Gruppe der Diabetiker unergiebig, die sich noch kein Insulin spritzen müssen, wie eine Studie im April gezeigt hat. "Man sollte nur dann etwas messen, wenn man es auch ändern kann", sagt Reincke.

Diabetes-Experte Sawicki fordert, unbewiesene oder womöglich sogar schädliche Empfehlungen aus den Vorschlägen zur Diabetes-Behandlung zu streichen. "Man sollte nicht anfangen, die Fenster zu putzen, wenn das Haus brennt", sagt der Kölner Mediziner. "Leider wissen wir nicht genau, was wir der erhöhten Gefährdung der Diabetiker entgegensetzen können. Auf jeden Fall ist es bewiesenermaßen sinnvoll, ihren Blutdruck auf Werte von unter 140 zu 90 zu senken, um ihr Risiko für einen Infarkt und Schlaganfall zu verringern."

Zu pharmafreundlich?

Die Akteure hinter dem Nationalen Aktionsplan sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, zu pharmafreundlich und nicht auf der Grundlage wissenschaftlich fundierter Medizin zu argumentieren. Sie würden "immer größere Leistungsausweitungen" für Medikamentengruppen propagieren. "Vielleicht können die Interessenkonflikte vieler Vertreter der DDG diese Situation erklären", sagt Günther Egidi.

Sawicki fordert, den Nutzen für die Patienten zu beachten. "Die ursprünglich geplanten Aktionen bei leicht erhöhten Werten wären manchmal verfrüht, manchmal schädlich", kritisiert Sawicki. "Das ist wie das Öllämpchen im Auto, das rot leuchtet - es bringt nichts, es rauszuschrauben, wenn Öl fehlt."

Ebenso unsinnig sei ein Bonus für erbrachte Leistungen. Als dieses System des Pay-for-Performance zur Blutdrucksenkung in Großbritannien eingeführt wurde, "hatten wie von Zauberhand plötzlich alle Patienten normale Blutdruckwerte", erinnert sich Allgemeinmediziner Egidi. "Oder die Ärzte wollten manche Kranken nicht mehr behandeln, weil ihnen die schlechten Blutwerte das Honorar vermiest hätten."

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