TV-Experiment Vorwärts in die Vergangenheit

Für eine TV-Sendung simulierten zwei Familien das Leben in der Steinzeit. Archäologen, Mediziner und Psychologen haben das Experiment ausgewertet.

Von Annett Zündorf

Die Jungsteinzeit war eine Welt ohne Schrift. Nur Knochen, Steine, Holz- und Lederreste geben Auskunft über das Leben vor 5000 Jahren. Und Ötzi, der einzige komplett erhaltene Mensch jener Zeit.

SWR-Sendung "Steinzeit - Das Experiment": Jenseits der Schönwetterarchäologie

(Foto: Foto: SWR/Schmoll/ddp)

Die Rekonstruktion dieser Welt ist schwierig. Deshalb erproben Archäologen gern in Experimenten, wie die Menschen Feuer schlugen, Häuser bauten oder mit Pfeil und Bogen jagten. Auch der Südwestrundfunk (SWR) hat in seinem Vierteiler "Steinzeit - Das Experiment" mit wissenschaftlicher Hilfe einen Langzeitversuch gestartet.

Im Hinterland des Bodensees errichteten Fachleute vom Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen ein Wohnhaus, ein Vorratshaus und einen unfertigen Neubau. Für die Dorfbewohner, sieben Erwachsene und sechs Kinder, wurden Ziegen und Kühe angeschafft, ein Kornfeld angepflanzt, Nüsse, Trockenfleisch und Getreide als Vorräte bereitgestellt.

Die beiden Familien hatten sich beim SWR beworben, um das naturnahe Leben auszuprobieren. Ende Juli 2006 wechselten sie für zwei Monate in eine Welt, in der ungewohnte Aufgaben warteten: Fische fangen, Korn ernten, Kühe melken, Beeren sammeln. Alles streng abgeschirmt von der Außenwelt; beobachtet nur von den Kameras und einem Forscherteam.

In der rekonstruierten Steinzeitwelt erhielten nicht nur die Archäologen eine Chance, ihre Erkenntnisse im Langzeitexperiment zu erproben. Psychologen, Mediziner und Anthropologen untersuchten, wie gesund das Leben in der Steinzeit war, welchen Schlafrhythmus die Menschen hatten und ob eine Alpenüberquerung mit der Ausrüstung von Ötzi möglich ist.

Es fehlt die Bauroutine der Steinzeitmenschen

Viele Fragen also, und viele unvorhersehbare Probleme. Welchen wissenschaftlichen Wert kann eine solche Sendung wirklich haben? "Es genügt nicht, wenn Archäologen Bodenfunde aus heutiger Sicht klassifizieren und ihre Funktion erklären", sagt Walter Leitner von der Universität Innsbruck. "Erst im Experiment kann man herausfinden, wie die Fundobjekte verwendet wurden."

Der Professor für Ur- und Frühgeschichte hat den SWR beraten und hält das Experiment für "zielführend": "Damit können wissenschaftliche Meinungen, die über Jahrzehnte akzeptiert wurden, widerlegt werden."

Das Dorf selbst wurde nach einer realen Vorlage gebaut. Anfang der 90er-Jahre hatte Urs Leuzinger, Leiter des Museums für Archäologie im Schweizer Kanton Thurgau, die Pfahlbausiedlung Arbon-Bleiche III am Bodensee ausgegraben. "Dort haben wir 100.000 Tierknochen, eine Tonne Gefäßkeramik, Haselnüsse, Samen, Körner aus der Zeit von 3384 bis 3370 Jahre vor Christus gefunden", berichtet er.

Anhand dieser Funde ließ sich berechnen, wie viele Tiere es im Dorf gab, wann sie geschlachtet wurden und welche Mengen an Samen und Früchten vorhanden waren. Die Vorräte des experimentellen Steinzeitdorfs wurden nach diesem Vorbild zusammengestellt.

Auch die Häuser wurden so erbaut, wie sie wohl einst in Arbon-Bleiche III standen. Doch obwohl die Museums-Mitarbeiter den Bau solcher Häuser bereits erprobt hatten, gab es Probleme bei dem Steinzeitexperiment. Der August 2006 war kalt, es regnete zwei Wochen fast ununterbrochen und durch die Dächer der Häuser im Dorf tropfte das Wasser.

Die Hütten im Museum aber hielten dicht. "Dächer sind immer schwierig", erklärt Leuzinger. "Wahrscheinlich haben wir sie einfach nicht dicht genug gedeckt. Es kann auch an der verwendeten Grasart hängen."

Es fehle eben das traditionelle Bauwissen und die Routine, die Steinzeitmenschen hatten; deshalb sei jeder Neubau auch ein neuer Versuch. "Der durchschnittliche Pfahlbauer hat dreimal im Leben an einer neuen Hütte gebaut, weil die alte durchgefault oder kaputt war."

Lehrreiche Missgeschicke

Trotzdem hat sich der Archäologe wohl auch gefreut, dass es in die Häuser regnete, denn oft sind die Sachen am interessantesten, die nicht klappen. So war der Regenschutz ein generelles Problem. Wurden die nach dem Vorbild von Ötzi gefertigten Kleider nass, dauerte es mehrere Stunden, bis sie wieder getrocknet waren.

Spazierten die Dorfbewohner in Pelzlederschuhen über nassen Boden, saugten die Schuhe sich so voll, dass es unmöglich war, damit weiter zu laufen. "Da hat man sich bisher nicht so viele Gedanken gemacht, wir betreiben eher Schönwetterarchäologie", sagt Leuzinger.

Weiterer Anlässe für die Archäologen zum Nachdenken: Der Lehmbackofen brannte durch, ein Kochtopf zersprang im Feuer, Körner einer Getreideart ließen sich nicht wie erwartet entspelzen, also von ihrer Hülle befreien.

Während die 13 Freiwilligen mit den Widrigkeiten ihrer Umgebung kämpften, waren sie selber Versuchsobjekte für Wissenschaftler von der Universität Freiburg. Die Zahnmediziner wollten wissen, was passiert, wenn Menschen zwei Monate ihre Zähne nicht putzen, aber auch keinen industriell gefertigten Zucker essen.

Der Karieserreger begleitet die Menschen seit 100000 Jahren, verursacht aber unterschiedlich starke Schäden. Obwohl die Steinzeitdörfler mit aufgefaserten Holzstückchen ihre Zähne schrubbten, hatten alle Zahnbeläge und Zahnfleischentzündungen, besonders bei den Kindern entwickelte sich Karies.

"Das haben wir auch an Skeletten aus dieser Zeit gefunden, die Ackerbauern hatten viel häufiger Karies als früher lebende Jäger und Sammler", sagt Ursula Wittwer-Backofen, biologische Anthropologin in Freiburg. "Das liegt an der Nahrung, der Getreidebrei enthält viele Kohlehydrate, ist stark klebstoffhaltig und bleibt lange im Mund."