Tricks:Magie im Kopf

Lesezeit: 5 min

Mehr als komplizierte Technik nutzen Zauberkünstler die Wirrungen der menschlichen Wahrnehmung.

Susanne Schäfer

Ihren wichtigsten Trick haben Zauberkünstler längst verraten: Die Täuschung passiert im Kopf. So steht es ganz offen in Lehrbüchern für angehende Magier, und so sagt es auch Thomas Fraps. Für den Münchner Zauberer ist diese Regel der Schlüssel zur perfekten Illusion. "Zuhause beim Üben vor dem Spiegel findet keine Zauberei statt", sagt Fraps. "Erst in den Köpfen der Zuschauer entwickeln banale Handgriffe ihren magischen Effekt." Obwohl die Bedeutung von Illusionen bekannt ist, suchen Zuschauer vorhersagbar nach Karten in Ärmeln und doppelten Böden - die Erklärungen für das Unerklärliche vermuten sie auf der Bühne, nicht aber bei sich selbst.

Copperfield

Auch die Tricks von David Copperfield lassen sich erklären

(Foto: Foto: AP)

Zum Beispiel der Trick mit der Münze: Der Zauberer zeigt in seiner Hand eine Münze, lässt sie verschwinden und unter dem Salzstreuer auf dem Tisch wieder erscheinen, gleich darauf hält er sie wieder in der Hand. Die Zuschauer rätseln, wie die Münze sich von allein hin und zurück bewegen konnte. Tatsächlich ist das, was sie wahrgenommen haben, nicht passiert. Der Zauberer nutzt aus, dass das menschliche Hirn die Lücken zwischen einzelnen Reizen selbst füllt.

Das Publikum mit den eigenen Waffen schlagen

Ein Versuch zeigt, wie Bewegungen allein in der Vorstellung entstehen: Auf einer Leinwand leuchten zwei Punkte abwechselnd auf, beim Betrachter entsteht aber der Eindruck, dass sich ein Lichtpunkt hin und her bewegt. In der Gestaltpsychologie heißt dieser Mechanismus "Phi-Phänomen". "Für das Gehirn gibt es gar keine glatte Bewegung, es muss immer mit Momentaufnahmen auskommen", sagt der Psychologe Karl Gegenfurtner, der sich an der Universität Gießen mit visueller Wahrnehmung beschäftigt. Die Neuronen feuern einmal, wenn ein Objekt sich an Stelle A befindet, und noch einmal, wenn das Objekt sich an Stelle B befindet. Und wenn der Abstand zwischen A und B übereinstimmt mit der Zeit, die das Objekt für den Weg von A nach B bräuchte, entsteht ein bewegtes Bild. Fernsehen, Kino und Computeranimationen funktionieren nach diesem Prinzip: Sie zeigen einzelne Bilder, erst im Kopf entsteht daraus eine Bewegung.

Das Gehirn füllt die Lücken auf - auch wenn sich auf der Leinwand gar nicht ein Punkt hin und her bewegt, sondern zwei Punkte immer an denselben Stellen aufleuchten. Mit diesem Mechanismus der visuellen Wahrnehmung überlistet der Zauberer sein Publikum: Er zeigt abwechselnd eine Münze in seiner Hand und eine andere unter dem Salzstreuer, und das Publikum sieht eine einzige Münze hin und her wandern. "Der Zuschauer täuscht sich selbst, indem er die Bewegung ergänzt", sagt Thomas Fraps.

Wie ein Magier sein Publikum mit den eigenen Waffen schlägt, erklärt Fraps in einer Aufsatzsammlung zur Theorie des Zauberns, die seine Künstlergruppe "Die Fertigen Finger" unter dem Titel "Das Buch" herausgegeben hat. Fraps hat Physik studiert und sich mit visueller Wahrnehmung beschäftigt, als er zusammen mit Neurologen des Uniklinikums Großhadern ein Gerät entwickelte, das die Bewegungen der Augen misst. Das Fachmagazin Nature fand diese Verbindung von Zauberei und Wissenschaft so eindrucksvoll, dass es ein Porträt des Magiers veröffentlichte (Bd. 434, S. 820, 2005).

Das Publikum gezielt ablenken

Eine andere Strategie der Zauberkünstler ist, die Aufmerksamkeit des Publikums gezielt abzulenken. Bei einem Trick kündigt Fraps an, er werde eine Münze den Tisch durchdringen lassen. Tatsächlich schmilzt dann aber ein Glas durch die Tischplatte, die Münze bleibt oben liegen. "Dieser Trick funktioniert nur, weil ich den Zuschauern sage, dass sie auf die Münze achten sollen." Wissenschaftlich bestätigt wird dieser Effekt durch das mittlerweile aus dem Internet bekannte Experiment mit dem Gorilla.

Der amerikanische Psychologe Daniel Simons zeigt dabei ein Video mit Studenten, die vor einigen Aufzugtüren einen Basketball hin und her werfen. Dem Betrachter des Videos wird die Aufgabe gegeben zu zählen, wie oft die Spieler mit den weißen Trikots einander den Ball zuwerfen.

Tatsächlich sind die meisten Probanden mit dieser Aufgabe derart beschäftigt, dass sie nicht bemerken, wie ein Schauspieler mit Gorillakostüm durch die Szene läuft und sich dabei noch scherzhaft auf die Brust trommelt.

Eine Tatsache, die jeden Probanden zutiefst erstaunt, wenn er das Video ein zweites Mal anschaut und den Auftritt des Affen wahrnimmt. Simons nennt das Phänomen "inattentional blindness" - wer sich auf eine Sache konzentriert, blendet alles andere aus. (Das Video finden Sie HIER unter dem Namen "opaque gorilla")

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