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Treibhaus Erde:Erfolgloser Vorstoß der Klimawandel-Zweifler

Es sollte ein politischer Großangriff auf jene Wissenschaftler werden, die einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und menschlicher Aktitivät sehen. Doch die Anhörung im US-Repräsentantenhaus war für die Kritiker kein Erfolg.

Christopher Schrader

Das politische Instrumentarium beherrscht Joe Barton virtuos. Eine öffentlichkeitswirksame Anhörung vor dem Ausschuss für Energie und Handel im US-Repräsentantenhaus, den der Republikaner leitet, wollte er als Mittel zum Zweck nutzen:

Eisbären im hohen Norden Kanadas

Eisbären im hohen Norden Kanadas. Ist der Mensch schuld, dass das Eis schmilzt?

(Foto: Foto: dpa)

Es sollten offenbar Zweifel an der Überzeugung vieler Politiker und Bürger genährt werden, wonach die Menschheit mit ihrem Verhalten den Klimawandel anheizt - eine wissenschaftlich kaum noch umstrittene These.

Als Beweismittel, an dessen Glaubwürdigkeit er rütteln will, hat sich der republikanische Politiker eine berühmt gewordenes Diagramm ausgesucht. Es geht um die "Hockeyschläger-Kurve", mit der Klimaforscher die globale Erwärmung verdeutlichen: Sie stammt aus dem Jahr 1998 und zeigt eine Rekonstruktion der Temperaturen der vergangenen Jahrhunderte.

Sie fielen unter starken Schwankungen etwa ab dem Jahr 1000 in der Tendenz langsam ab, um dann im 20. Jahrhundert stark anzusteigen, was grafisch an die Form eines Hockeyschlägers erinnert. Nach Bartons Anhörung zur Entstehung dieser Kurve schien in der vergangenen Woche die Saat des Zweifels aufzugehen.

So berichtete Spiegel-Online unter dem Titel "Rüpeleien unter Klimaforschern" über angeblich zweifelhafte Methoden des Hauptautors der Hockeyschläger-Kurve, Michael Mann von der Pennsylvania State University. Die Internet-Seite der Tagesschau berichtete, allerdings ohne Bartons Hearing zu nennen, über "Zweifel am Klimawandel".

In Großbritannien warnte eine Studie eines Think Tanks, Berichte über Veränderung des Klimas wirkten "widersprüchlich und chaotisch" auf die Bevölkerung: "Anscheinend ist die allgemeine Botschaft für Laien, dass in Wirklichkeit niemand weiß, was los ist."

Hockeyschläger-Kurve nicht grundsätzlich widerlegt

Hans von Storch, deutscher Klimaforscher am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, der zu Bartons Hearing geladen war, macht nach einem Besuch in Washington eine "Krise der Glaubwürdigkeit der Klimaforschungs-Studien" aus.

Er erwartet, dass eine ähnlich kritische Einstellung gegenüber Umweltforschung auch in Deutschland aufkommt.

Doch in Bartons Anhörung wurde die Hockeyschläger-Kurve nicht grundsätzlich widerlegt. Das Diagramm hatte gewaltigen Symbolwert bekommen, weil es im jüngsten Bericht des Weltklimarates IPCC von 2001 in der "Zusammenfassung für Politiker" abgedruckt wurde.

"Es war sicherlich ein Fehler, die Kurve allein so prominent zu platzieren", sagt Stefan Rahmstorf von Potsdam-Institut für Klimafolgen-Forschung. "Hinten, im zugehörigen Kapitel, gab es schon damals mehrere ähnliche Rekonstruktionen des Klimas."

Der Blick in die Historie der Erdatmosphäre ist eine komplizierte Angelegenheit. Weil Temperaturmessungen mit Thermometern erst seit 150 Jahren existieren, haben Mann und viele Kollegen weltweit Baumringe, Korallen, Eisbohrkerne, Gletscher und Sedimente vermessen. Daraus eine Kurve wie den Hockeyschläger zu destillieren, erfordert komplexe statistische Analysen und eine individuelle Gewichtung der Daten.

Weil jede Arbeitsgruppe hier anders vorgeht, unterscheiden sich die produzierten Kurven im Detail. Schon im Jahr 2004 war Kritik speziell an Manns Methode aufgekommen; zwei kanadische Forscher hatten eine Richtigstellung im Wissenschaftsmagazin Nature erzwungen, und Mann räumte Fehler in der Behandlung und Zuordnung einzelner Daten ein. Das war den Kritikern jedoch nicht genug, sie erklärten die statistischen Methoden Manns für grundsätzlich falsch.

Auf dieser Basis hat Barton eine Kommission gebeten, zu prüfen, ob Mann mit dem Datenmaterial korrekt umging. Die dreiköpfige Gruppe wurde geleitet von Edward Wegman, einem Statistik-Professor von der George-Mason-Universität in Virginia. Parallel dazu hatte der Wissenschafts-Ausschuss des US-Parlaments das National Research Council (NRC) beauftragt, Manns Studie zu untersuchen.

Zwei Studien - zwei Interpretationen

Beide Studien wurden in Bartons Anhörung besprochen; beide kommen zum Ergebnis, dass manche Folgerungen Manns nicht zu halten seien. Er hatte zum Beispiel behauptet, dass die 90er-Jahre wohl die wärmste Dekade und 1998 das wärmste Jahr im vergangenen Jahrtausend waren.

Darüber hinaus kamen die Studien jedoch zu komplett unterschiedlichen Ergebnissen. Wegman erklärte die 43 verschiedenen Ko-Autoren, mit denen Mann in den vergangenen Jahren publiziert hat, ohne weitere Belege zu einer "Clique". Der Klüngel reiche bis in den Weltklimarat der Vereinten Nationen. Das NRC dagegen hat Manns Hauptaussage bestätigt: Die Erwärmung im 20. Jahrhundert ist in der jüngeren Geschichte beispiellos.

Fachlich ist Manns Kurve weit gehend von der Kritik freigesprochen. Weitere Wissenschaftler haben die Wirkung der statistischen Methoden untersucht und festgestellt, dass sie kaum Einfluss auf das Ergebnis besitzt.

Der aktuelle Entwurf zum IPCC-Bericht von 2007, der der SZ vorliegt, zeigt neben Manns Kurve zehn weitere Rekonstruktionen, die einen ähnlichen Verlauf nehmen.

Auch Hans von Storch, der im Jahr 2004 methodische Kritik an Manns Arbeit geäußert hatte, sagt: "Der schnelle Temperaturanstieg am Ende der Kurven ist ein deutliches Zeichen, dass der Mensch am Klimawandel beteiligt ist."

Die Zweifel, die Joe Barton gern säen möchte, rütteln nicht an dem grundsätzlichen Zusammenhang von Treibhausgasen und Klimawandel.

© SZ vom 4.8.2006
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