Tiefsee-Forschung Liveaufnahmen vom Meeresungeheuer

Viele Mythen ranken sich um die Giganten der Tiefsee, doch lebend wurde noch kein Riesenkrake fotografiert. Japanischen Wissenschaftlern ist dies nun erstmals gelungen - in tausend Metern Tiefe.

Von Frederic Huwendiek

Trotz intensiver Forschung ist auch heute nur ein kleiner Bruchteil der Lebewesen der Tiefsee bekannt und erforscht - zu unzulänglich sind bislang die technischen Möglichkeiten, um größere Erkundungsfahrten durch diese neue Welt durchzuführen.

Und die Ausmaße der Tiefsee sind gewaltig: Mehr als 70 Prozent der Erde sind mit Wasser bedeckt, 80 Prozent der Weltmeere sind tiefer als tausend Meter. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte der Erdoberfläche zur Tiefsee zu rechnen ist - eine eigene, bislang unbekannte Welt tut sich den Forschern auf.

Riesenkalamare, Seeschlangen, Meeressaurier: Viele Mythen ranken sich um die Tiefen der Meere. Erzählungen von Riesenkraken, die mit ihren gewaltigen Fangarmen ganze Schiffe unter Wasser ziehen können, tat man lange als "Seemannsgarn" ab.

Japanische Wissenschaftlern ist die Sensation gelungen

So lange, bis man Exemplare dieser 'Fabelwesen' zu Gesicht bekam. Nur tote Tiere zwar, die an Strände gespült wurden oder sich in Fischernetzen verfangen haben - aber der Beweis war erbracht: Es gibt diese Tiere wirklich. Bislang war es nicht gelungen die mysteriösen Kreaturen in ihrer natürlichen Umgebung zu filmen oder zu fotografieren - die Dunkelheit der Tiefsee bewahrte dieses Geheimnis für sich.

Jetzt hat es ein japanisches Wissenschaftlerteam geschafft, einen dieser Giganten der Tiefsee auf Bild festzuhalten: Wie Tsunemi Kubodera und Kyoichi Mori in der Donnerstagsausgabe der britischen Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences berichten, fotografierten sie das über acht Meter lange Exemplar tausend Kilometer südlich von Tokio mit einer ferngesteuerten Kamera, nahe der Ogasawara-Inselgruppe.

In einer Tiefe von tausend Metern griff sich das Tier den an einem Seil befestigten Köder - während die Kamera alle 30 Sekungen Bilder von dem Riesenkalmar schoss. Der Tiefsee-Gigant versuchte sich dann vom Köder loszureißen und verlor möglicherweise dabei einen seiner Fangarme - jedenfalls zogen die Forscher einen seiner etwa sechs Meter langen Tentakel mit an die Oberfläche.

Sie folgten einer Gruppe von Pottwalen, als sie das Tier entdeckten

Die japanischen Forscher entdeckten den Riesenkalmar, als sie einer Gruppe von Pottwalen folgten. Riesenkraken gehören zur bevorzugten Nahrung der bis zu 18 Meter langen Zahnwale. Große Narben in der Haut dieser Wale, die die Saugnäpfe der Großkalmare hinterlassen haben, künden von Kämpfen gigantischen Ausmaßes in den dunklen Weiten der Meere.

Kubodera und Mori, die für das Nationale Wissenschafts-Museum in Tokio arbeiten, hatten an speziellen Schwimmvorrichtungen je ein langes Seil befestigt und an dieses eine ferngesteuerte Kamera und einen Scheinwerfer montiert. Am Ende des Seils befanden sich mit einem Köder versehene Haken - zerstampfte Garnelen dienten dabei als Lockmittel. Die Forscher brachten mehrere dieser Konstruktionen in der Umgebung der Ogasawara-Inseln in Position.

Er umklammerte den Köder "wie einen Ball"

Am 30. September letzten Jahres attackierte dann ein Riesenkalmar einen der Köder- ungefähr 300 Meter über dem Meeresgrund. Während des Angriffs habe der Kalmar mit zwei seiner acht Tentakeln den aus Tintenfischen bestehenden Köder "wie einen Ball" umschlungen - ähnlich wie ein Python seine Beute, berichten die Forscher.

Über vier Stunden dauerte der Befreiungskampf des Tieres. Nach vier Stunden und 13 Minuten konnte sich der Riese befreien, einen seiner Tentakeln der Wissenschaft überlassend.