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Serie: 200 Jahre Darwin (1):Der zaghafte Revolutionär

Mehr aus Pflichtgefühl erlegte er zwei Dutzend der Tiere, beschriftete sie schlampig und vergaß sie dann. Zurück in London überließ er sie einem Freund, der ihn darauf hinwies, was er da mitgebracht habe: 13 verwandte Arten, aber mit fein abgestuften Schnäbeln, die damit Nüsse knackten, Insekten aus Ästen zogen oder Parasiten von der Haut der Galapagos-Echsen pickten.

In seinem Reisebericht "Die Fahrt der Beagle" verknüpft Darwin1844 neue Erkenntnis und ursprüngliches Erlebnis: "Wenn man die Diversität in einer kleinen, eng verwandten Gruppe von Vögeln sieht, könnte man sich vorstellen, dass aus einem anfänglichen Mangel an Vögeln auf diesem Archipel eine Spezies herausgegriffen und für verschiedene Zwecke modifiziert worden ist." Mehr schreibt oder veröffentlicht Darwin dazu vorerst nicht. Ein 35-Seiten-Essay von 1842 verschwindet genauso in der Schublade wie ein Manuskript von 230 Seiten zwei Jahre später.

Darwin zögert, will noch mehr Belege und Beispiele sammeln und fürchtet die Reaktion der frommen viktorianischen Zeitgenossen. An seiner tiefgläubigen Ehefrau Emma Wedgwood kann er die Reaktion ahnen, obwohl er selbst seine Theorie nicht als Kampfansage an die Religion versteht.

Derart befangen braucht Darwin einen Anstoß, um sein Buch zu schreiben. Diesen versetzt ihm ein Brief, den er im Sommer 1858 von der indonesischen Insel Ternate erhält. Ein jüngerer Naturforscher namens Alfred Russel Wallace hat seine eigene Evolutionstheorie aufgeschrieben und schickt sie an Darwin zur Beurteilung.

Ein moralischer Konflikt

Darwin gerät in einen moralischen Konflikt, will nun gar nichts mehr publizieren, damit niemand denken möge, er habe Wallace übervorteilt. Einflussreiche Freunde arrangieren jedoch binnen Wochen einen Termin im Forscherclub Linnean Society und verlesen Auszüge aus Darwins Manuskript von 1844 sowie aus dem Schreiben von Wallace. Die gemeinsame Veröffentlichung rettet Darwin um Haaresbreite den Vortritt; der Naturforscher macht sich nun mit Eifer daran, die "Entstehung der Arten" zu schreiben.

Als das Buch erscheint, ist es eine Sensation - es allein ist der Grund, warum die Geschichte Darwin so viel höher achtet als Wallace. Vielen Kollegen öffnet Darwin die Augen. Andere verreißen das Werk, auch viele Theologen. Besonders die Ausdehnung der Theorie auf den Menschen schockiert Zeitgenossen; plötzlich haben sie Verwandte bei den Affen. Darwin wird in Karikaturen als Schimpanse mit weißem Rauschebart gezeigt. Doch in Großbritannien legt sich der Protest bald; 1865 ist Evolution Prüfungswissen an der Universität Cambridge.

In den USA aber formt sich die Bewegung des Kreationismus, die den puristischen Schöpfungsglauben bewahren will. Sie stempelt Darwins Lehre zum Darwinismus und setzt ihn mit Atheismus gleich. Es sind die Kirchenleute, die die Evolutionstheorie als unvereinbar mit Gottesglauben darstellen, nicht Wissenschaftler. Bis heute hat diese fundamentale Opposition gegen Darwin tiefe Wurzeln in der amerikanischen Bevölkerung. In Umfragen äußern fast zwei Drittel Zweifel oder Ablehnung gegen die Lehre von der Veränderung der Arten.

Dazu hat sicherlich beigetragen, dass einige Nachfolger Darwins der Evolutionslehre martialische Untertöne gaben. Er selbst machte sich 1869 den vom Philosophen Herbert Spencer geprägten Begriff vom "Überleben des Stärksten" (eigentlich: "survival of the fittest") zu eigen. Darauf stützten sich die sogenannten Sozialdarwinisten, um eine Ellbogengesellschaft ohne Mitgefühl für die Schwächsten zu propagieren. Für Menschen, die den Glauben als Auftrag zur Nächstenliebe verstehen, verstärkte das die Abneigung gegen Darwins Lehre.