Serie: 200 Jahre Darwin (1) Der zaghafte Revolutionär

Die Biologen waren und sind so begeistert, weil die Evolutionstheorie den Schlüssel zum Verständnis der enormen biologischen Vielfalt auf der Erde enthält.

Sie zeigt auf, warum Giraffe und Maus gleich viele Halswirbel haben, warum der Aids-Erreger ein so erfolgreicher Organismus ist, warum sich der Knochenbau von Delfinflosse und Fledermausflügel ähnelt, warum sich Fische in isolierten Seen in zwei Arten aufspalten und sich Bienen und Blumen zum beiderseitigen Nutzen einander anpassen. "Wir können verstehen, warum die Natur verschwenderisch in der Vielfalt, aber knausrig in der Neuerung ist", schrieb Darwin über seine Erkenntnisse.

In den Kern des Gedankengebäudes hat der Naturforscher die "natürliche Auswahl" gestellt. Die ganze Tier- und Pflanzenwelt ist einem ständigen Kampf um das Dasein ausgesetzt, wie Darwin auf seiner Reise mit der Beagle und nach Lektüre eines berühmten Essays des Ökonomen Thomas Malthus erkannte. Die meisten Lebewesen haben so viel Nachwuchs, dass nicht alle genug Futter finden oder Räubern entkommen.

Nur gut an die Umstände angepasste Individuen schaffen es, Sprösslinge zu zeugen, die ihrerseits große Lebenschancen haben. Evolutionärer Erfolg bedeutet, Enkel zu haben.

Nun zeigt der Nachwuchs von Lebewesen oft zufällige, kleine Abweichungen von Körperbau oder Verhalten ihrer Eltern. Viele dieser Variationen bedeuten einen Nachteil, ihre Träger sterben früher oder haben weniger Nachwuchs.

In einigen Fällen aber ist die Veränderung ein Vorteil. Tiere wehren sich besser gegen Feinde oder sind attraktiver für Sexualpartner, Pflanzen wachsen in anderen Regionen. Sie können das neue Merkmal an mehr Nachkommen weitergeben als unveränderte Artgenossen.

Darwin listet 34 Vorgänger auf

Die Natur selbst wählt also im Laufe der Zeit zwischen den Varianten aus. Über tausende von Generationen können sich Spezies so aufspalten und stark verändern. Arten, die aufeinander angewiesen sind, entwickeln sich parallel oder gehen beide zugrunde. Krankheitserreger lernen, die Abwehr ihrer Wirte zu unterlaufen. Einmal bewährte Prinzipien wie den Knochenbau einer Extremität gibt die Evolution nicht auf, sondern passt sie neuen Erfordernissen an.

Die Frage, wie die Vielfalt der Natur zu erklären sei, bewegte zu Darwins Zeit viele Forscher. Er selbst listet 34 Vorgänger auf, die an eine "Modifikation der Arten" glaubten. Darunter der Franzose Jean-Baptiste de Lamarck: Seiner These von 1809 zufolge geben Tiere Eigenschaften weiter, die sie während ihres Lebens erworben haben.

Die Giraffe reckt ihren Hals nach Blättern und bekommt darum Kälber mit verlängertem Hals. Darwin erklärt es anders. Die Nachkommen, die zufällig einen längeren Hals haben, sind erfolgreicher. Die anderen sterben aus. Er lehnt das Zielhafte ab, das Lamarck postulierte: Seine Evolution ist blind, ziellos und verschwenderisch.

Den Grundgedanken seiner Theorie hatte Darwin Ende der 1830er-, Anfang der 1840er-Jahre gefasst. Das berühmteste Beispiel dafür sind die heute Darwin-Finken genannten Vögel, die der Naturforscher im September 1835 auf Galapagos vorfand. Entgegen der populären Legende bescherten sie ihm dort keinen Heureka-Moment.