bedeckt München 21°

Rezeptfreies Migränemittel:"Vor allem für den Hersteller attraktiv"

Seit kurzem gibt es das erste Migränemittel ohne Rezept in der Apotheke. Eine Packung Naratriptan ("Formigran") enthält zwei Tabletten, die für eine Migräneattacke ausreichen sollen. Mediziner Michael Kochen sieht diese Schmerzmittelfreigabe skeptisch.

Michael Kochen ist Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin an der Universität Göttingen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin.

Michael Kochen; oh

"Die Sicherheit eines Medikaments steigt mit der Dauer der Marktpräsenz", sagt Michael Kochen.

(Foto: Foto: oh)

SZ: Migränepatienten gehen meist zu ihrem Hausarzt, um sich ein Mittel gegen die unerträglichen Kopfschmerzen verordnen zu lassen. Nun gibt es ein Präparat aus der Wirkstoffgruppe der Triptane, das Betroffene ohne Rezept in der Apotheke erhalten. Finden Sie das gut?

Kochen: Wir müssen davon ausgehen, dass viele Migränepatienten genau wissen, was ihnen hilft. Die meisten leben seit Jahren mit ihrem Problem. Triptane sind oft eine Option. Aber dass nun gerade Naratriptan ohne Rezept erhältlich ist, lässt sich kaum nachvollziehen.

SZ: Warum nicht?

Kochen: Wenn man sich entscheidet, ein Triptan aus der Rezeptpflicht zu entlassen, dann spricht viel mehr für den Wirkstoff Sumatriptan. Diese Substanz ist deutlich länger auf dem Markt als Naratriptan. Und die Sicherheit eines Medikaments steigt in aller Regel mit der Dauer der Marktpräsenz.

SZ: In Großbritannien wird Sumatriptan seit kurzem ohne Rezept verkauft. Sind Sie denn damit einverstanden?

Kochen: Das erscheint mir auf jeden Fall rationaler. Über die Hintergründe kann ich allerdings nur spekulieren. So ist für Sumatriptan vor kurzem der Patentschutz abgelaufen. Das wird der Anbieter des Sumatriptan-Originals, das unter dem Namen Imigran im Handel ist, mit der Rezeptfreigabe gewiss besser verschmerzen. Und Pharmafirmen sind häufig diejenigen, die die Anträge auf Rezeptfreiheit stellen.

SZ: Spielen Sie darauf an, dass Firmen Arzneien, die nicht der Rezeptpflicht unterliegen, im Fernsehen und in Illustrierten bewerben dürfen?

Kochen: Das ist der Punkt. Es ist zu erwarten, dass hier zu Lande jetzt Naratriptan in der Werbung als Migränemittel Nummer eins herausgestellt wird. Und davon dürfte Glaxo Smith Kline als einziger Anbieter profitieren. Glaxo ist zwar auch der Hersteller von Imigran, aber diese Arznei wird inzwischen auch von anderen Firmen hergestellt. Deshalb ist das Mittel für Glaxo nicht so interessant wie Naratriptan.

SZ: Aber gibt es nicht auch medizinische Gründe, die gegen die Freigabe sprechen? Naratriptan scheint nicht nur den Blutdruck zu steigern, sondern auch Herzinfarkte zu provozieren.

Kochen: Das ist in der Tat ein großes Problem. Triptane sind gefäßaktive Substanzen. Menschen mit Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen dürfen sie nicht verwenden. Daher kann ich nicht ganz nachvollziehen, warum man gerade Triptane aus der Rezeptpflicht entlässt, auch wenn sie im Großen und Ganzen gut verträglich sind.

SZ: Warum können Migränepatienten nicht andere rezeptfreie Schmerzmittel nehmen, etwa Paracetamol?

Kochen: Das können viele durchaus. Allerdings leiden viele Migränepatienten nicht nur an dem einseitigen Kopfschmerz, sondern auch an Übelkeit. Als gutes Therapieschema gilt, Magen und Darm erst einmal mit Metoclopramid-Tropfen zu beruhigen und 15 bis 20Minuten später das Schmerzmittel zu schlucken. Welches Präparat ihnen am besten hilft, finden die Patienten oft selbst heraus. Neben Paracetamol und Acetylsalicylsäure kann das auch Ibuprofen oder Diclofenac sein. Erst wenn das alles nicht wirkt - auch Alternativen nicht wie Entspannungsverfahren oder Akupunktur -, sollte ein Triptan probiert werden.

SZ: Besteht nicht die Gefahr, dass Patienten Naratriptan bei Kopfschmerzen nehmen, die gar nichts mit Migräne zu tun haben?

Kochen: Im Prinzip schon, daher sollte man bei ungewöhnlichen Kopfschmerzen zunächst zum Arzt gehen. Die meisten Betroffenen wissen allerdings, dass einseitige Schmerzen, attackenartiges Auftreten, Übelkeit und zum Beispiel Geruchsüberempfindlichkeit typische Anzeichen von Migräne sind.

SZ: Für wiederholt Migränekranke ist es also ein Vorteil, wenn sie kein Rezept vom Arzt brauchen?

Kochen: Nicht unbedingt. Es ist damit zu rechnen, dass sich mit der Freigabe von Naratriptan der Kreis der Patienten, die ein Triptan bevorzugen, erweitern wird. Dadurch würden andere bewährte Behandlungsmöglichkeiten vielleicht vernachlässigt. Aber immerhin gibt es noch Gegenregulative: Zehn Euro für zwei Tabletten, das ist viel Geld. Andere Migränemittel werden dagegen von den Krankenkassen erstattet - auch ein Naratriptan, das in größeren Packungen mit bis zu zwölf Tabletten als Naramig von Schwarz Pharma angeboten wird.