Religion und Wissenschaft Der "liebe Gott" als blutrünstiges Ungeheuer

Richard Dawkins und Christopher Hitchens - ein biologistischer Hassprediger und ein liberaler Skeptiker greifen in ihren Büchern die Religion an.

Von Friedrich Wilhelm Graf

So uralt die Religion, so altehrwürdig ist ihre Kritik. Schon im antiken Religionsdiskurs wurden viele der Argumente vertreten, die auch die neuzeitliche Ablehnung religiösen Glaubens tragen. Ein Schöpfergott habe den Menschen als sein vornehmstes Geschöpf geschaffen, bekennen fromme Juden, Christen und Muslime.

Autoritäre Götter stimulieren kritische Reflexion.

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Nein, der eine Gott oder die vielen Götter seien bloße Phantasiegebilde des menschlichen Geistes, entstanden aus Furcht, existentieller Verzweiflung und der Hoffnung auf ewiges Leben - so die Kritiker. Erstaunlich früh formulierten Glaubensverächter bereits Priesterbetrugsthesen: Machtgeile und geldgierige Priester hätten die Religion erfunden, um das leichtgläubige Volk in Abhängigkeit halten und ausbeuten zu können.

Gerade die reichen Überlieferungen europäischer Religionskritik durchzieht die Annahme, dass religiöser Glaube ein falsches, illusionäres, letztlich unglückliches Bewusstsein repräsentiere.

In den Glaubensgeschichten der Moderne gewann dieses Argument nicht zuletzt durch Heilige Kriege gegen Andersgläubige, konfessionellen Hader und brutale Verfolgung von Minderheiten an Plausibilität. Je glaubenserregter die Zeiten, desto höher der Bedarf an kritischer Unterscheidung der frommen Geister - Gott ist nicht gleich Gott.

Autoritäre Götter bewirken hohen Leidensdruck und stimulieren kritische Reflexion. Andere bedienen Allmachtsphantasien und wecken zugleich den Wunsch, ihre behauptete Allwissenheit in Frage zu stellen. Nicht selten hat Religionskritik selbst Glaubenseffekte erzeugt und als Katalysator spiritueller Erneuerung gedient.

Richard Dawkins' "God delusion" und Christopher Hitchens' "God is not great" haben in englischsprachigen Medien großes Aufsehen erregt. Dies lässt sich ohne größere intellektuelle Anstrengung erklären.

Vulgärer Hardcore-Glaube feiert auf globalisierten Religionsmärkten derzeit deutlich größere Erfolge als Glaubensweisen, die auf den Grundton von Demut, Besonnenheit und Respekt vor anderen gestimmt sind. Streng bindende Kampfgötter beherrschen die Szene, vielerorts wird missionarisch aufgerüstet.

Religionskritik kann davon leicht profitieren. Sie muss nur die Gewaltgötter in ihrer grausamen Härte vorstellen und in einem zweiten Gedankenschritt den Nachweis führen, dass Gewaltfixierung, Unterdrückung und aggressive Intoleranz das wahre Wesen Gottes konstituieren. Genau darum geht es Dawkins wie Hitchens: Vom aktuellen Gottesterror traumatisiert, wollen sie zeigen, dass auch der beste "liebe Gott" nur ein blutrünstiges Ungeheuer ist.

Dabei begeben sich die beiden Autoren allerdings auf ganz unterschiedliche Denkwege. Der Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe Dawkins, der in Oxford einen Lehrstuhl für "Public Understanding of Science" innehat und 1976 durch "Das egoistische Gen" weltberühmt wurde, inszeniert sich pathetisch als Provokateur, der die Fiktionen der Gottvergifteten mit dem Vorschlaghammer zerstört.

Evolutionstheorie als alles erklärender Deutungsschlüssel

Interesse weckt sein langweiliger Text nur wegen des Anspruchs, mit der Darwinschen Evolutionstheorie über einen alles erklärenden Deutungsschlüssel zu verfügen. In Begriffen der Evolutionstheorie will er nicht nur Natur und Naturgeschichte erschließen, sondern endlich auch die Geheimnisse aller Kultur und speziell der Religionsgeschichte aufdecken.

Dawkins appelliert an die Atheisten aller Länder, sich zu einer Massenbewegung zu sammeln. In den eitlen Posen des alldeutenden Großaufklärers erinnert er an seinen Fachkollegen Ernst Haeckel, den "Welträtsel"-Löser, der sich von den Monisten einst zum "Gegenpapst" ausrufen ließ.

Hitchens, ein aus Südwestengland stammender, nun in New York lebender Publizist, argumentiert demgegenüber kulturanalytisch, mit Blick auf die destruktiven Folgen religiösen Glaubens für ein friedliches Zusammenleben der Menschen. Er ist skeptisch, ironisch, auch selbstkritisch, schreibt brillant und betont, epistemologisch reflektiert, die Grenzen naturwissenschaftlicher Begriffsbildung.

Dawkins hingegen prahlt mit seiner philosophischen Unbildung und verkündet die Erlösungsbotschaft, durch ein weltweites "coming out" aller Atheisten ließe sich jegliche Religion endgültig abschaffen. Sein ungleich gebildeterer Mitstreiter hält die Hoffnung auf eine Welt ohne Religion nur für naiven Irrglauben. Mit mildem Spott geht der "protestantische Atheist" zu doktrinärer Rechthaberei auf Distanz. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass Dawkins' Glaubenskritik von antijüdischen Begleittönen nicht frei ist.