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Raumfahrt:Der Sputnik-Schock

Vor 50 Jahren funkte erstmals ein Satellit aus der Erdumlaufbahn - ein Triumph für die Sowjetunion. Ein Zeitzeuge berichtet in SZ Wissen über eine Sonde, die die Welt und sein Leben veränderte.

Als Sputnik 1 am 4. Oktober 1957 auf seiner Trägerrakete abhob, um die Ionosphäre von oben auf zwei Funkfrequenzen zu untersuchen, wusste niemand in der Öffentlichkeit, dass dies nicht der erste Start einer solchen russischen Riesenrakete war. Es war der dritte. Nur wenige Monate zuvor hatte ein amerikanisches Spionageflugzeug bereits eine Trägerrakete gleichen Typs auf der Abschussrampe im kasachischen Baikonur fotografiert.

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Sputnik - zwischen Euphorie und Schock

Die meisten Kommentatoren aber brachte erst der Sputnik-1-Start auf den Gedanken, dass eine solche Rakete, die etwas im Orbit absetzen konnte, auch eine Wasserstoffbombe nach New York tragen könnte, und dass amerikanische Interkontinentalraketentests vergleichsweise schlecht liefen. Ich selbst schrieb damals einen Leitartikel über die Lage für die Florence Morning News.

Die wichtigste Aufgabe bestand zunächst darin, Sputnik auf seiner Umlaufbahn zu verfolgen. Amateure wie Profis begannen, die Funksignale einzufangen und den kleinen weißen Planeten auf seinem Weg am nächtlichen Himmel zu überwachen.

Sputnik überwachen - ein Zeitvertreib

Englische High-School-Schüler bestimmten als erste Sputniks Bahn um die Erde, indem sie Funksignale auswerteten, die die 76 Meter messende Funkschüssel des englischen Jodrell Bank Observatory abgefangen hatte. Das Smithsonian Astrophysical Observatory in Harvard setzte sein weltumspannendes Netz aus Baker-Nunn-Satellitenkameras ein.

Zudem ermutigte das Institut Amateur-Astronomen, nachts im Freien Fernrohre aufzustellen, um Sputnik zu verfolgen. Ich war als Reporter Zeuge dieser nächtlichen Beobachtungen auf einem Feld nahe Charlotte, North Carolina. Immer wenn der weiße Punkt eine bestimmte Linie überquerte, rief ein Hobbyastronom laut, und Station für Station notierten die Helfer die Zeit. So halfen sie, Sputniks Umlaufbahn genauer zu berechnen.

Sputnik und später dessen Nachfolger zu überwachen, war ein beliebter Zeitvertreib und eine todernste Angelegenheit zugleich. Jahr für Jahr sammelte man Daten über die Bewegungen der Satelliten auf ihren Bahnen im Orbit. So verstand man umgekehrt auch die Erde immer besser - ein Grundwissen von militärischer Bedeutung. Kleinste Veränderungen der Erdanziehungskraft beeinflussen den Flug von Interkontinentalraketen und damit deren Treffgenauigkeit. Angetrieben von der Notwendigkeit der Satellitenüberwachung, begannen Wissenschaftler der Johns Hopkins University in Baltimore bald damit, Navigationssatelliten zu konzipieren - und ebneten so den Weg zum heutigen GPS.

Bald nach dem ersten Sputnik kam der wesentlich größere Sputnik 2. An Bord war die Hündin Laika, eine Vorbotin der bemannten Raumfahrt. Als Reporter für den Charlotte Observer in North Carolina durfte ich Herzspezialisten darüber spekulieren lassen, wie lange die Hündin wohl durchhalten würde. Nur dreieinhalb Jahre später, im April 1961 flog mit Juri Gagarin der erste Mensch ins All.

Erdnahe Trabanten

Aber Sputnik bedeutete mehr als die Eroberung des Weltraums. Der Satellit kam nur drei Jahre nach den ersten amerikanischen Wasserstoffbomben-Tests im pazifischen Eniwetok- Atoll. Es waren Bomben, so klein, dass Kampfflieger oder Raketen sie transportieren konnten, und doch schlagkräftig genug, um eine ganze Stadt zu verwüsten. Eine vergleichbare Waffe testeten die Russen im Herbst 1955 über Zentralasien. 1957 waren die Reaktionen daher von düsteren militärischen Vorahnungen geprägt.

Dabei hatte Sputnik unmittelbare, vor allem wissenschaftliche Auswirkungen! Nur vier Monate nach dem Sputnik-Schock brachten die Amerikaner einen Aufklärungssatelliten ins All, der eine fundamentale wissenschaftliche Entdeckung lieferte: Unser Planet ist von einem gewaltigen Gürtel geladener Teilchen umgeben, die durch das Magnetfeld der Erde eingefangen werden. Nach dem leitenden Wissenschaftler der Mission heißt dieser Gürtel heute Van-Allen-Gürtel.

Es war der Beginn einer Ära wissenschaftlicher Forschung, in der die Entdeckungsreisenden ihren Heimatplanet noch nicht verließen. Stattdessen steuerten sie ihre Geräte aus der Distanz - Lichtsekunden, Lichtminuten und inzwischen auch Lichtstunden entfernt. Das Sonnensystem war für die Menschen nun nicht länger eine Anordnung winziger Punkte am Himmel, sondern eine weit ausgedehnte Ansammlung verschiedener Welten, die immer detailreicher beobachtet werden konnten.