Publikationswesen Wissen soll für alle sein

Den freien Zugang zu wissenschaftlicher Information fordern Universitäten und Forschungseinrichtungen.

(Foto: Alex Holyoake/Unsplash)

Organisationen aus elf europäischen Ländern wollen Forschung künftig nur noch fördern, wenn die Ergebnisse offen im Netz stehen. Gelingt Open Access nun der Durchbruch?

Von Jan Schwenkenbecher

Die Daten der Welt liegen bei Google und Facebook, aber das Wissen der Welt, das liegt woanders. Ein großer Teil davon ist in der Hand einiger weniger Wissenschaftsverlage, steht in ihren Fachmagazinen und Journalen, eingesperrt hinter Paywalls. Wer zahlt, darf lesen. Schon seit Jahren fordern Universitäten und Forschungseinrichtungen, dieses Modell zu ändern und wissenschaftliche Artikel im Internet frei zugänglich zu machen. Man nennt das Open Access. Mit der Zeit wurde der Ruf immer lauter, nun wurde er erhört. Vergangene Woche beschlossen elf nationale Forschungsförderer aus Europa vom Jahr 2020 an nur noch solchen Projekten Geld zu geben, deren Ergebnisse kostenlos einsehbar im Netz veröffentlicht werden.

Die jetzt unter dem Namen "cOAlition S" aktiv gewordenen Forschungsförderer sind Vereine und Organisationen, die jährlich mit insgesamt 7,6 Milliarden Euro Wissenschaft fördern. Das Geld kommt in der Regel vom Staat. Forscher können bei ihnen Zuschüsse beantragen, mit denen etwa eine Stelle, benötigte Geräte oder auch Reisen zu Konferenzen bezahlt werden. Auch der Europäische Forschungsrat schloss sich der Initiative an. "Publikations-Paywalls enthalten einem großen Teil der wissenschaftlichen Community und der ganzen Gesellschaft einen substanziellen Anteil von Forschungsergebnissen vor", sagt Marc Schiltz, Präsident der Forschungsförderer-Vereinigung Science Europe, die "cOAlition S" gründete. "Keine Wissenschaft sollte hinter Paywalls verschlossen bleiben."

Beim Open-Access-Modell bezahlen nicht die Leser, sondern die Schreiber - also die Forscher. Gegen eine Veröffentlichungsgebühr von etwa 1000 bis 2000 Euro wird die Arbeit von Editoren geprüft und von Herausgebern veröffentlicht. Dann kann sie jeder kostenlos im Internet einsehen. Die Unterzeichner der "cOAlition S" werden den Forschern diese Gebühren bezahlen, es soll einen Maximalbetrag geben, damit die Verlage nicht zu hohe Preise verlangen. Außerdem sollen Kriterien erarbeitet werden, bei welchen Magazinen die Forscher veröffentlichen dürfen, um zu verhindern, dass sie ihre Arbeiten bei unseriösen Journalen publizieren. Beim herkömmlichen Modell deckten die Journals ihre Kosten über Abonnements, die Universitätsbibliotheken oder Forschungseinrichtungen bei ihnen abschlossen, um so Wissenschaftlern und Studenten den Zugang zur neuesten und wichtigsten Literatur zu gewähren.

Die größten Fachverlage haben Gewinnmargen von 30 bis 40 Prozent

Über die Jahrzehnte geriet das System jedoch in Schieflage, und die Bezahlschranken, einst unumgängliches Mittel zur Kostendeckung, sind heute Hebel zu Profit. Die Preise der Verlage, die mit jeder Einrichtung einzeln ausgehandelt werden, sind nicht öffentlich, von Abonnenten fordern sie Verschwiegenheit. Doch die größten unter ihnen haben Gewinnmargen von 30 bis 40 Prozent, Marktführer Elsevier machte 2017 bei einem Umsatz von rund 2,8 Milliarden Euro eine Milliarde Gewinn. Sie können das, weil sie über die Jahre ihre Verhandlungsmacht enorm ausgebaut haben und mittlerweile einen Großteil des Marktes kontrollieren. Mitte der 1970erJahre wurden, je nach Fach, fünf bis zehn Prozent aller Artikel in Journalen der sechs größten Wissenschaftsverlage veröffentlicht. 2013 waren es mehr als 50 Prozent. Diese Konzentration ermöglicht ihnen, die Preise anzuheben. 2016 erschien etwa ein Drittel aller Veröffentlichungen bei Elsevier, Springer Nature oder Wiley, allerdings zahlen Bibliotheken meist mehr als 50, eher sogar mehr als 60 Prozent ihrer Ausgaben allein an diese drei Verlage. Renommierte Forschungseinrichtungen müssen ihren Forschern eben Zugang zu renommierten Magazinen bieten.

Doch die Zeit, aus der das Abo-Modell stammt - als Forschung noch in Form gedruckter Hefte in die Bibliotheken des Landes geschickt wurde -, ist vorbei, seit es das Internet gibt. Man kann am Bildschirm lesen, klickt auf einzelne Artikel, statt ganze Hefte auszuleihen, niemand braucht noch Papier. Bereits vor 15 Jahren, im Oktober 2003, formulierten deshalb 19 Organisationen die "Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen". Man hielt fest, das Internet habe die praktischen und ökonomischen Realitäten der Verteilung von Wissen und kulturellem Erbe fundamental verändert, Open Access im Internet müsse gefördert und ausgebaut werden. Heute haben mehr als 600 Universitäten, Forschungszentren und Fördereinrichtungen unterschrieben.

Aus zwei Lagern baut sich seither Druck auf die Verlage auf: von den Forschern und den Förderern. Erstere, Unibibliotheken und andere Abonnenten, machen seit zwei Jahren Ernst. Angefangen im Herbst 2016 haben sich in Deutschland mittlerweile mehr als 200 Institutionen im "Projekt Deal" zusammengeschlossen. Sie lassen ihre Abos auslaufen und bauen so Druck auf, um mit den Verlagen eine nationale Open-Access-Lösung auszuhandeln. Mit Springer Nature und Wiley wurden für 2018 Übergangslösungen vereinbart, eine finale Einigung gibt es nicht. Mit Elsevier sind die Fronten so verhärtet, dass Anfang Juli die Gespräche gar unterbrochen wurden und der Verlag zwei Wochen später den Zugang zu aktuellen Artikeln sperrte.

Im zweiten Lager, den Fördereinrichtungen, haben die meisten europäischen Förderer mittlerweile eigene Richtlinien erlassen, in denen sie sich zu Open Access bekennen und Forschern nahelegen, in solchen Journalen zu publizieren. Selbst der EU-Wettbewerbsrat beschloss 2016, man wolle darauf zuarbeiten, dass von 2020 an alle öffentlich geförderte Forschung Open Access publiziert werde. Doch weil heute immer noch nur ein Fünftel aller Veröffentlichungen Open Access sind, gibt es nun die "cOAlition S".

In Deutschland wurde das durchweg positiv aufgenommen. Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, nannte die Initiative einen "wichtigen Baustein" auf dem Weg zu einem Open-Access-Modell. Ralf Schimmer, stellvertretender Leiter der Max Planck Digital Library, sagte: "Wir begrüßen das Projekt cOAlition S sehr." Und Hans-Christian Pape, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, sagte, die Stiftung unterstütze Open Access finanziell und ideell. Allerdings, so Pape, widerspreche es den Grundsätzen der Stiftung, Forschern vorzuschreiben, wo und wie sie veröffentlichen sollen.

Die DFG, der mit Abstand größte Förderer Deutschlands, ist nicht dabei

Das sieht auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) so. Die elf beteiligten Einrichtungen stammen aus Frankreich, Großbritannien, Schweden, Norwegen oder den Niederlanden. Die DFG, der mit Abstand größte Förderer Deutschlands, ist nicht dabei. "Um sich der 'cOAlition S' anzuschließen", sagt DFG-Präsident Peter Strohschneider, "müsste die DFG eine Verpflichtung zur Open-Access-Publikation einführen. Das ist gegenwärtig nicht geplant." Ein Vorbehalt sei, dass Open Access nicht in allen Fächern etabliert sei. Etwa für Kunstwissenschaftler könnte das zum Problem werden, dort sind Open-Access-Magazine weniger verbreitet als in der Medizin oder Psychologie. Zudem sollten Forscher ihren Publikationsort frei wählen können. Viele Top-Journale wie Science oder Nature haben noch das herkömmliche Abo-Modell, dort könnten Veröffentlichungen nicht gefördert werden.

Dennoch unterstützt auch die DFG die wesentlichen Ziele der Initiative und begrüßt das koordinierte Zusammenwirken "zur Realisierung eines Open-Access-Ansatzes". Künftig wolle man alle geförderten Forscher dazu auffordern, in Open-Access-Publikationen zu veröffentlichen.