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Psychosomatik:Der menschliche Faktor

Soll Heilung gelingen, müssen Beziehungen und Lebensumstände Kranker in die Versorgung einbezogen werden. Die ökonomisch und technisch dominierte Medizin vernachlässigt die Bindungen des Menschen.

Das Makler-Motto "Lage, Lage, Lage" ist nicht nur auf dem Wohnungsmarkt wichtig, sondern auch in Fragen der Gesundheit von entscheidender Bedeutung. Hören Notärzte die Adresse, zu der sie gerufen werden, hat das bereits Einfluss auf die Prognose der Patienten. Für Kranke in prekärer Wohnlage sind die Aussichten beispielsweise deutlich schlechter. Das kann daran liegen, dass sie von vornherein ein ungünstigeres Risikoprofil und daher nur mäßige Genesungschancen haben. Es kann aber auch sein, dass sie schlechter versorgt werden, weil Ärzte und Pflegende Vorbehalte gegen Patienten aus Problemvierteln hegen.

Die "Lage" bezieht sich aus psychosomatischer Sicht allerdings auf viel mehr als nur den Wohnort. "Kranksein im Kontext" lautete denn auch der Titel der Jahrestagung, den die Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin (AIM) am vergangenen Wochenende im Glottertal ausgerichtet hat. "Der individuelle Rahmen der Patienten wird im klinischen Alltag oft ignoriert oder gar negiert", sagt Werner Geigges, Sprecher der AIM und Chefarzt der psychosomatisch-internistischen Reha-Klinik Glotterbad. "Persönliche und berufliche Lebenswelten spielen im Verständnis von Krankheit immer weniger eine Rolle."

Dabei wirken sich beständig verschiedene Regelkreise auf die Funktion der Zellen, Organe und des gesamten Organismus aus, die selbst wiederum von äußeren Einflüssen moduliert werden: So ist in der genetischen Blaupause im Erbgut nicht etwa von Geburt an festgelegt, welche Merkmale sich später körperlich ausprägen, sondern - Stichwort Epigenetik - Erfahrungen, Ernährung und andere Umweltbedingungen aktivieren, verstärken oder hemmen die Entfaltung des in der DNA codierten Programms ein Leben lang. Ähnlich verhält es sich mit neurobiologischen Netzwerken, deren Verknüpfungen sich abhängig von prägenden Erlebnissen neu bilden. Aber auch der Hormonstoffwechsel, das Abwehrsystem und andere reziproke Regelkreise durchlaufen dauernd Veränderungen und Neuentwürfe. "Durch die stete Wechselwirkung entsteht aus einer neutralen Umwelt eine persönliche Umgebung", sagt Angela von Arnim, psychosomatische Ärztin in Berlin. "Heilsame Erfahrungen unterstützen die Gesundung. Belastungen können hingegen regelrecht verkörpert werden und Symptome hervorrufen."

Äußerlich ist dem Kind nichts anzumerken, tatsächlich ist es innerlich erstarrt

Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich, wie hilfreich es wäre, zu spüren, was man braucht, was einem zusetzt und was gut tut. "Mit sich selbst in Verbindung zu stehen und das vordergründig Unbemerkte im Körper wahrzunehmen, haben viele Menschen verlernt", sagt von Arnim. Möglichst viele Körperfunktionen zu erfassen, die Anzahl der Schritte, die Herzfrequenz oder die Schlaftiefe digital zu dokumentieren, verspreche hingegen keine Abhilfe.

"Alles wird gemessen, aber nichts mehr gespürt", so von Arnim. Zudem stelle sich bei Anhängern des "Quantified Self" nicht unbedingt Zufriedenheit ein, sondern das Streben nach Selbstoptimierung gehe häufig mit einem erhöhten Tonus des Sympathikus einher: In der Folge stehe der Körper ständig unter Strom, sei empfänglicher für Schmerzen und chronische Entzündungen, sodass Infarkt, Schlaganfall und andere Leiden drohen.

Karl Heinz Brisch, Leiter der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital der Uni München, zeigte denn auch, wie wichtig es ist, Menschen stabil Sicherheit zu vermitteln. Für kleine Kinder gilt dies besonders. "Die primäre Bindungsperson sollte ein sicherer emotionaler Hafen sein, wobei es nicht unbedingt die biologische Mutter oder der Vater sein muss", so der Kinderarzt. "Für eine verlässliche Beziehung sind keine genetischen Blutsbande nötig."

Anhand verschiedener Videos zeigte Brisch eindrucksvoll, was passiert, wenn sich Kleinkinder nur unsicher oder gar nicht gebunden fühlen: "Das Bindungsbedürfnis ist wie ein Rauchmelder - durch Angst wird er aktiviert, durch Nähe heruntergeregelt." Fühlen sich Kinder nah und sicher geborgen, steigt ihr Bedürfnis, ihre Umgebung zu erkunden und Neues zu probieren. Das fördert die kognitive Entwicklung und stärkt nebenbei den Organismus. Im Vergleich dazu bleiben ambivalent oder unsicher gebundene Kinder in ihrer körperlich wie geistigen Entwicklung zurück. Sie verharren und verkümmern, statt neugierig auf Unbekanntes zuzugehen.

In Filmaufnahmen zeigt sich das daran, wie Kleinkinder mit traumatischen Erfahrungen reagieren, wenn die Mutter den Raum verlässt. Auf den ersten Blick sieht es aus, als ob ihnen die angedeutete Verlusterfahrung nicht viel ausmacht, doch der Schein trügt. Tatsächlich erstarren die Kinder äußerlich wie innerlich. Als "emotional freezing" bezeichnen Bindungsexperten dieses Verhalten, eine Art Totstellreflex, der von Angst und Anspannung geprägt ist und das Kind in seiner Entwicklung beeinträchtigt. Eltern, die selbst emotionale Instabilität erfahren haben, geben ein Trauma auf diese Weise über Generationen weiter, wenn der Teufelskreis nicht therapeutisch durchbrochen wird.

Ähnlich komplex ist die Beziehung am anderen Ende der Lebensspanne, im Alter. Die häusliche Pflege gerät oft aus der Balance. "Sieht der Pflegehaushalt wie ein Sanitätshaus aus, steht die Pflege zu sehr im Mittelpunkt. Wird allerdings auf dem Sofa gepflegt und der Putzeimer zugleich als Wascheimer benutzt, ist das ebenfalls entwürdigend", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Adelheid von Spee von der Universität Bielefeld. "Wie ich einen Angehörigen pflege, ist ja kein Schulfach, das lernt man nicht - Pflege wird oft tabuisiert und findet im Verborgenen statt."

Von wegen abgeschoben ins Heim: Die richtige Beziehungsarbeit beginnt dann erst

Zudem sei es nicht einfach, die Bedürfnisse älterer Menschen richtig zu deuten, wenn ihre Kräfte weiter nachlassen und sie krank werden. Es erfordert viel Einfühlungsvermögen zu erkennen, dass ein "Nein" bei alten Menschen oft lediglich ein "Noch nicht" bedeutet. Denn schließlich ist ein "Ja" häufig gleichbedeutend damit, künftig dauerhaft auf Hilfe angewiesen zu sein und sich einen Verlust an Autonomie und Selbstwert einzugestehen.

Mit dem Übergang in eine Pflegeeinrichtung wird den Angehörigen oft vorgeworfen, sie hätten Oma oder Opa "ins Heim abgeschoben". "Dabei muss die Beziehungsarbeit dann oft erst richtig intensiviert werden", sagt von Spee. "Man muss sich positionieren und entscheiden. Ein pflegender Angehöriger zu sein, heißt nicht zwangsläufig, die körpernahe Pflege zu übernehmen, sondern auch, regelmäßig Verantwortung zu tragen."

In vielen Vorträgen und Fallskizzen war im Glottertal zu spüren, wie oft die sozialen und emotionalen Lebensumstände der Kranken von der Standardmedizin vernachlässigt werden. Abhilfe ist nicht unbedingt in Sicht. "Der scheinbar objektive wissenschaftliche Rahmen dominiert, ökonomische Ziele bilden den maßgeblichen Kontext, in dem heute Heilung stattfinden soll", beklagt Werner Geigges.