Primaten Selber Affe

Vor einem amerikanischen Gericht geht es erneut um die Frage, ob Schimpansen als Personen anzusehen sind. Die Entscheidung könnten die Grenze zwischen Mensch und Tier verschieben.

Von Hanno Charisius

Leo und Hercules wissen es nicht, aber sie sind gerade dabei, in die Geschichte einzugehen. Leo und Hercules sind zwei Schimpansen, die an der Stony Brooks University im US-Bundesstaat New York für Forschungszwecke gehalten werden. Mit ihrer Hilfe wollen die Wissenschaftler dort unter anderem herausfinden, wie sich der aufrechte Gang entwickelt hat. Das ist interessante Forschung - aber wahrscheinlich nichts, was die Welt verändern wird.

Berühmt wurden die beiden Schimpansen durch ihre Anwälte. Seit Dezember 2013 versuchen Steven Wise und seine Kollegen, die beiden Schimpansen zu befreien. Die Gruppe fordert, dass die Tiere nicht mehr als Dinge betrachtet werden, die man besitzen kann, sondern als "nichtmenschliche Personen" mit gewissen Rechten. Ihr Ziel ist es nicht, die Schimpansen in New York freizusetzen, sondern in das Tierheim "Save the Chimps" in Florida zu bringen, wo sie den Rest ihres Lebens in einer Umgebung verbringen können, die ihrem natürlichen Lebensraum zumindest recht ähnlich ist.

Mehrere Gerichte haben es bereits abgelehnt, sich überhaupt mit dem Fall zu beschäftigen. Doch Ende April hat Richterin Barbara Jaffe vom Obersten Gericht in New York entschieden, dass sie sich die Argumente anhören möchte, bevor sie eine Entscheidung darüber trifft, ob die Affen vielleicht doch noch ein Gerichtsverfahren bekommen. Am Mittwoch dieser Woche fand die erste Anhörung vor etwa 50 Zuhöern statt. Richterin Jaffe bedankte sich nach dem Schlagabtausch für die "extrem interessanten und gut argumentierten" Vorträge. Wie es weitergeht, wird sie voraussichtlich im Juni entscheiden

Tierrechtler fordern eine Haftprüfung für Schimpansen, das Ziel: die Freiheit

Für Wise und seine Mitstreiter war es bereits ein Riesenerfolg, nicht gleich wieder abgewiesen worden zu sein. Aber es ist auch nur der erste von vielen Schritten, die notwendig sind für die Anwälte, um ihre Klienten irgendwann freizubekommen.

In dem Fall von Leo und Hercules geht es um weit mehr als zwei Schimpansen und die juristischen Spitzfindigkeiten eines Anwaltskollektivs. Sollte ein Gericht tatsächlich entscheiden, dass im Namen von Tieren Prozesse geführt werden dürfen, wären diese Tiere vor dem Gesetz als Personen anzusehen. Dann könnten sie - mit der Hilfe von Menschen - vor Gericht für ihre Freiheit streiten. Das würde manche Forscher vor große Probleme stellen und könnte das Selbstbewusstsein des Menschen ankratzen. Dann wäre die vom Menschen gezogenen Grenze zwischen ihm und den anderen Tieren plötzlich aufgehoben.

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich der Anwalt und Rechtswissenschaftler Steve Wise für die Rechte von Tieren ein. Anfangs kämpfte er noch für Haustiere und das Stallvieh. Er klagte gegen Misshandlung von Katzen und Hunden, er kämpfte für die bessere Unterbringung von Delfinen. Er gab den ersten Kurs über Tierrechte an der Havard Law School. Und er begann, sich mit der Gefangenschaft von Schimpansen und anderen Menschenaffen zu beschäftigen. Irgendwann kam er zu der Einsicht, dass diese Tiere dem Menschen so ähnlich seien, dass eine Gefangenschaft Sklaverei gleich komme. Irgendwann stieß er auf den Schimpansen Tommy, von seinem Besitzer in einen mit alten Zeitungen ausgekleideten Käfig gesperrt, seine einzige Unterhaltung war ein laufender Fernseher. Wise notierte später über sein Erlebnis: "Es besteht kein Zweifel, dass Tommy nur aus einem einzigen Grund unter solchen Umständen gefangen gehalten werden kann: Er ist ein Schimpanse."

Am 2. Dezember 2013 betrat Wise morgens mit drei Kollegen das Gerichtsgebäude Fulton County im Bundesstaat New York. Sie überbrachten eine Klage: Das Gericht solle anerkennen, dass der damals 26-jährige Schimpanse Tommy, eine Person sei und keine Sache und deshalb mit Rechten ausgestattet, die bislang Menschen vorbehalten waren.

Am folgenden Tag lieferte Wise ein ähnliches Schreiben in Niagara Falls ab. Dieses Mal ging es um den ebenfalls 26-jährigen Kiko, der in einigen Fernsehsendungen mitgespielt hat und inzwischen von einem Ehepaar in einem Käfig gehalten wird. Noch einmal zwei Tage später reichte Wise Klage vor einem Gericht auf Long Island ein. Darin forderten er und einige andere Vertreter der von Wise gegründeten Tierrechtsorganisation Nonhuman rights Project (NHRP) Freiheit für Hercules und Leo.

Wise und seine Mitstreiter hatten gezielt nach Tieren in Bezirken gesucht, von deren Richtern bekannt war, dass sie tierfreundlich sind. Die Gruppe analysierte dazu die Rechtslage in allen 50 Bundesstaaten. Jahrelang arbeiteten die Tierrechtler Strategien aus, mit denen sie den Tieren zu einem Prozess verhelfen konnten. Im Dezember 2013 legten sie los.

Sie fordern eine Art Haftprüfung für die vier Schimpansen. Sie wollen für ihre Mandanten ein Habeas-Corpus-Verfahren in Gang setzen, das üblicherweise zum Ziel hat, einen unrechtmäßig Gefangenen wieder freizusetzen. Dazu muss der Gefangene vor Gericht gebracht werden, das über diese Frage zu entscheiden hat. Es ist ein raffiniertes Vorgehen, denn sobald ein Gericht entscheidet, den Fall auch nur anzunehmen, wäre der Affe bereits als Person anerkannt. Ein historisches Ziel wäre erreicht.

Die Strategie baut auf einen Präzedenzfall aus dem Jahr 1772 auf, in dem ein britischer Richter in einem sogenannten Habeas-Corpus-Verfahren entschied, Sklaverei sei nicht mit dem Gesetz vereinbar. Der Sklave, um den es ging, hatte den Gerichtssaal nach den damaligen Maßstäben als Sache betreten und als Person wieder verlassen. Das will Wise auch für die Schimpansen erreichen.

Die drei Gerichte, denen Wise und seine Kollegen die Fälle 2013 vorlegten, waren nicht bereit, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Das Gericht, dem der Fall Tommy vorgelegt worden war, nahm nur die Klage auf bessere Haltungsbedingungen an. Es erklärte jedoch, dass es Schimpansen nicht als Personen anerkennen werde, die auf Habeas Corpus klagen können. Ähnliches kam vom Richter, der sich mit Hercules und Leo befassen sollte: Das Verfahren sei nicht anwendbar, da die Tiere eben keine Personen seien. Der dritte Richter, der den Fall Kiko beurteilen sollte, sagte offen, dass er nicht der erste sein wolle, der diesen einschneidenden Schritt macht.

Doch die Tierrechtler gingen in Berufung - und erlitten im Dezember 2014 die nächste schwere Niederlage. Das Gericht lehnte den Antrag für Tommy ab mit der Begründung: "Anders als Menschen können Schimpansen keine rechtlichen Verpflichtungen eingehen, Verantwortung übernehmen oder juristisch zur Verantwortung gezogen werden für ihre Taten." Aus diesem Grund sei es unangemessen, sie mit Rechten auszustatten, die Menschen zugestanden werden.

Ende April dann endlich die Nachricht, ein Gericht würde den historischen Schritt wagen, und ein Habeas-Corpus-Verfahren für einen Schimpansen durchführen. Richterin Barbara Jaffe vom obersten Gericht im Bundesstaat New York hatte den Antrag nicht gleich abgelehnt, sondern angeordnet, dass die Stony Brooks Universität begründen solle, warum die Schimpansen Hercules und Leo weiter in Gefangenschaft gehalten werden sollten. In ihrer Order stand auch, dass es um ein Habeas-Corpus-Verfahren gehen solle. Viele Kommentatoren werteten das bereits als Durchbruch für die Tierrechtler. Auch NHRP schickte eine euphorische Pressemitteilung in die Welt hinaus, zum ersten Mal in der Geschichte habe ein Richter Schimpansen als Rechtspersonen anerkannt. Sie sollten sich täuschen.

Bereits nach ein paar Stunden hatte Jaffe offenbar erkannt, wie ihre Entscheidung wahrgenommen wurde. Sie strich die Worte "Habeas Corpus" aus ihrer Order und machte damit deutlich, dass es lediglich eine Formalie sei, die Kontrahenten vor Gericht vortragen zu lassen. Die Order besage lediglich, dass die beiden Parteien vor Gericht ihre Argumente vorbringen dürfen, stellte ein Sprecher des Gerichts klar.

Es ist nicht das erste Mal, dass um die Freiheit eines Affen vor Gericht gestritten wird. 2007 hatten österreichische Tierschützer einen Antrag eingebracht, den Schimpansen Hiasl als Person anzuerkennen. Unterstützt wurde der Antrag von Juristen, Anthropologen und Primatologen. Das Verfahren ging durch alle Instanzen und endete im April 2010 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, das den Fall aus formalen Gründen ablehnte. Immerhin sind Versuche an Menschenaffen inzwischen in Österreich und anderen Ländern wie Neuseeland und den Niederlanden verboten.

Sie benutzen Zeichensprache, nutzen Werkzeuge und staunen über Wasserfälle

Einen echten Durchbruch konnten Tierrechtler allerdings im vergangenen Dezember feiern, nachdem ein argentinisches Gericht der 30-jährigen Orang-Utan-Dame Sandra in einem Habeas-Corpus-Verfahren zuerkannt hatte, auch als nichtmenschliches Tier Subjekt von Rechten zu sein. Sandra soll aus einem Zoo in Buenos Aires entlassen und eventuell auch in das Tierheim in Florida gebracht werden, in dem bereits 250 Menschenaffen verteilt auf mehreren Inseln leben.

In den Prozessen um Hiasl und Sandra führten deren Anwälte als wichtigstes Argument die große Ähnlichkeit zwischen Menschenaffen und Menschen an. Und auch Steve Wise und seine Kollegen vom NHRP argumentieren so. Sie haben Hunderte Seiten von Expertisen und Gutachten zusammengetragen und an ihre Klageschriften geheftet, einschließlich mehrerer eidesstattlicher Erklärungen von führenden Primatologen, Psychologen, Verhaltensforschern und Hirnforschern. All diese Experten argumentieren nicht juristisch, sonder rein wissenschaftlich.

Schaut man sich die Gehirne der beiden Menschenaffen an, erkennt man sehr ähnliche Strukturen, die beiden enorme kognitive Leistungen ermöglichen, etwa Kommunikation untereinander. Die Experimentalpsychologin Mary Lee Jensvold schreibt in ihrem Testimonial darüber, wie sie Schimpansen Zeichensprache beigebracht hat und über die erstaunlichen kommunikativen Fähigkeiten der Menschenaffen. Sie können verschiedene Perspektiven einnehmen und sich auf Ereignisse in der Vergangenheit oder der Zukunft beziehen. Jensvold beschreibt auch, wie sich diese Fähigkeiten sowohl beim Menschen als auch bei Schimpansen in gleicher Weise im Kindesalter entwickeln. Dass Schimpansen neben Sprachverständnis auch mathematische Fähigkeiten zeigen, bestärkt die Forscher in der Annahme, dass die Menschenaffen ihre Handlungen konzeptuell planen können und nicht nur instinkthaft reagieren.

Schimpansen können auch Werkzeuge benutzen und entwickeln, Eigenschaften die früher ausschließlich dem Menschen zugeschrieben wurden. Und sie geben erlerntes Wissen an andere Gruppenmitglieder weiter - eine Form von Kultur. Die berühmte Primatologin Jane Goodall berichtet außerdem, dass sie einmal Schimpansen in Tansania beobachtet hat, die beim Anblick eines ihnen bis dahin unbekannten Wasserfalls erst staunten und dann in rhythmische Bewegungen übergingen, was Goodall als eine sehr frühe Form des religiösen Erlebens interpretiert.

Es wäre ein Dammbruch. Danach könnten auch Ratten und Gänse Ansprüche anmelden

Die Fähigkeit zum sozialen Lernen setzt wiederum voraus, dass die Schimpansen ein Selbstbewusstsein haben, was auch für eine Reihe von anderen Tieren wie etwa Delfine gilt. Schimpansen erkennen sich selbst im Spiegel und sogar auf Fotos, die sie als Kinder zeigen. All diese Erkenntnisse zusammengefasst bedeuten nach Auffassung der Anwälte, dass es haltlos ist, zwischen Menschen und Menschenaffen zu unterscheiden, weil es keine klaren Kriterien dafür gebe - weder biologische, noch mentale oder soziale. Die Forschung zeigt auch, dass man nicht Mensch sein muss, um eine Person sein zu können.

Die Vertreter der Tiere sagen nicht, dass Schimpansen und Menschen gleich sind, sie pochen aber darauf, dass die Ähnlichkeit groß genug sei, um sie mit eigenen Rechten auszustatten. Menschenrechte für Menschenaffen, wie es andere Tierrechtler durchaus tun, fordern sie hingegen nicht. Natürlich sollen sie nicht wählen dürfen oder in die Schule gehen. Aber sie sollen nicht mehr gegen ihren Willen gefangen gehalten werden.

Kommen Wise und seine Mitstreiter mit einem ihrer Habeas-Corpus-Anträge durch, werden sie weitermachen. Weitere Schimpansen, Bonobos, Gorillas, Orang- Utans, Wale und Elefanten sollen dann befreit werden, "alle Tiere, die zu komplexen und autonomen kognitiven Leistungen in der Lage sind", sagt Wise. Danach ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis Anwälte auch für weitere Zootiere vor Gericht ziehen werden. Womöglich kommen anschließend die Haustiere und dann das Vieh aus der Landwirtschaft. Intelligenz und Persönlichkeit, Eigenschaften, die einmal als exklusiv menschlich galten, finden sich schließlich überall im Tierreich, sogar bei Gänsen oder Ratten. Die Tierrechtsorganisation Great Ape Projekt sieht die Verhandlungen über die nächsten Verwandten des Menschen denn auch als Türöffner für weitere Initiativen.

Genau das befürchtet Christopher Coulston von der Generalstaatsanwaltschaft, der die Stony Brook Universität am Mittwoch bei der Anhörung vertrat. Hercules und Leo als Personen anzuerkennen, käme einem Dammbruch gleich, warnte er vor Gericht. Danach könnten alle möglichen Tiere Rechte bekommen.

Diese Vorstellung bereitet auch Wissenschaftlern Unbehagen, die in der biomedizinischen Forschung arbeiten. Für sie sind Versuche an Tieren unverzichtbar. Und auch die Entwicklung von Medikamenten funktioniert ohne Tierversuche nicht. Tiere als Personen anzusehen, könnte ganze Forschungsgebiete zerstören und die Entwicklung neuer Therapien sehr stark bremsen. Solche praktischen Erwägungen dürften die Entscheidung der Richterin allerdings kaum beeinflussen.

Coulston brachte auch das Argument, dass Tiere nicht rechtsfähig sein könnten, da man sie nicht für ihre Taten zur Verantwortung ziehen könne. Schließlich bekräftigte er, es sei unangemessen, dass sich ein Gericht mit dieser Frage beschäftige, das sei Sache der Gesetzgeber. Und er betonte noch einmal, dass bislang kein Gericht Tieren Rechte zugesprochen habe, als wolle er der Richterin bewusst machen, welche Verantwortung auf ihr lastet. Wise erwiderte, dass dieses Argument auch immer von Anwälten gebraucht wurde, die Richter überzeugen wollten, zuerst Sklaven keine Rechte zu geben und später den Ureinwohnern Amerikas.

Jaffe hat nach den Berichten verschiedener Gerichtsreporter sich nicht anmerken lassen, wie sie entscheiden wird. In der zwei Stunden lang dauernden Anhörung diskutierte sie mit den beiden Anwälten auch über die historischen Details verschiedener Habeas-Corpus-Verfahren und betonte, dass Richter im Verlauf der Jahrhunderte das Konzept immer wieder neu interpretiert haben, um es den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.

Egal wie sie im Juni entscheiden wird, Wise kündigte bereits an, weiterzumachen: "Wir werden es wieder versuchen, und wieder und wieder."