Legebatterien:Eine Legehenne für jeden Deutschen

Lesezeit: 3 min

Käfighaltung hat keine Zukunft, aber frei laufende Hühner bringen Umweltprobleme.

Wolfgang Roth

(SZ vom 22.4.2000) - Ein tiefblauer Himmel wölbt sich über der malerischen Landschaft Oberschwabens; drüben auf dem Moränenhügel steht die Kapelle von Volkertshaus, mit der die Stadt Bad Waldshut und der Landkreis Ravensburg in ihren Kurprospekten werben. Ein kalter Wind bläst über die Anhöhen; eher frostig sind auch die Mienen der Leute, die sich auf einer abschüssigen Wiese zu einem Ortstermin versammelt haben. Die Causa: Neubau eines Freiland-Legehennenstalles in Oberurbach. Die Teilnehmer: Horst Fallenbeck und Andreas Becker als Antragsteller; Vertreter von Stadt und Landkreis, der Fachbehörden und der örtlichen Bürgerinitiative, die das Projekt bekämpft.

Gestank und Milben und Bakterien

Gegen das Bauvorhaben gibt es viele Bedenken: Die Denkmalschützerin ist nicht zum Einlenken bereit, weil die Sicht zu der landschaftsprägenden Kapelle ein wenig verstellt wird. Und gegen einen 74 Meter langen Stall für 7000 Hennen macht die Bevölkerung des Weilers mobil, die nicht nur den Wertverlust ihrer Grundstücke befürchtet. Die Anrainer ängstigen sich auch vor Milben und Bakterien, vor Gestank und Lastwagenverkehr, vor der Verseuchung von Boden und Dorfbach.

An der exponierten Lage könnte vielleicht auch ein neuer Kuhstall scheitern, aber ein Legehennen-Betrieb, das wird schnell deutlich, schürt ganz andere Emotionen. Der 28-jährige Fallenbeck und der 23-jährige Becker haben dafür wenig Verständnis. Es ist nämlich nicht ihr erster Anlauf. Ursprünglich hatten sie einen anderen Standort im Auge, aber auch dort kam Widerstand von den Nachbarn. "Man hat fast das Gefühl, wir wollten ein Atomkraftwerk bauen", resümierte Fallenbeck damals. Letztlich scheiterte die Sache dann daran, dass auf dem Gelände plötzlich ein wertvolles Biotop entdeckt wurde. Nun also Oberurbach, ein neuer Versuch. Aber wieder wiegen die Einwände der Fachbehörden schwer.

Freilaufhaltung statt Käfig

Der Fall in Oberschwaben ist ein Beispiel dafür, mit welchen Schwierigkeiten Unternehmen in Zukunft zu kämpfen haben, wenn sie die Käfighaltung durch Boden- und Freilaufhaltung ersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat die herkömmlichen Legehennenbatterien als Verstoß gegen den Tierschutz gebrandmarkt. 90 Prozent der Eier, die in Deutschland produziert werden, stammen aus solchen Betrieben. Auch die einschlägige EU-Richtlinie räumt den Hühnern vom Jahr 2003 an etwas mehr Raum ein; 2012 ist dann europaweit endgültig Schluss mit dieser Form der Tierhaltung.

Ausweichen nach Tschechien

Neue Käfigbatterien werden in Deutschland schon jetzt nicht mehr gebaut werden, weshalb findige Investoren in die Tschechische Republik ausweichen, wo eine Anlage mit über einer Million Legehennen geplant ist. Das Problem: Importierte Eier werden, wenn sie in Deutschland verpackt werden, als deutsche Eier deklariert.

Was ist die Alternative? Man kann Legehennen in Volieren halten, was den Vorteil hat, dass mehr Vögel Platz finden, weil sie sich auf einige Etagen verteilen; dieses System ist in der Schweiz verbreitet, wo die Käfighaltung generell verboten ist. Bodenhaltung bedeutet: Ställe mit höchstens sieben Hennen pro Quadratmeter. Freilandhaltung ist Bodenhaltung im Stall plus eine Auslauffläche von zehn Quadratmetern pro Tier. Es handelt sich dabei, im Unterschied zu den Kriterien für die Käfighaltung, nicht um Tierschutz-, sondern um Handelsnormen, mit denen die Erzeuger für ihre Produkte werben können.

230 Eier pro Person pro Jahr

Fallenbeck und Becker halten in der Gegend schon 4000 Legehennen in einem umgebauten Viehstall. Wer sich dort einen Weg bahnt, verbannt schnell das idyllische Bild von den um einen Bauernhof herum pickenden, "glücklichen" Hühnern. Andererseits ist auch klar, dass der Bedarf der Bevölkerung ohne Massentierhaltung nicht gedeckt werden kann; die Deutschen verzehren, Verarbeitungsprodukte mitgerechnet, pro Kopf und Jahr 230 Eier. Jeder Deutsche hält sich sozusagen eine Hochleistungs-Legehenne.

Die Hühnerhalter in Oberschwaben haben eine Sanitäter-Ausbildung, sind also Seiteneinsteiger in diesem Geschäft, und die örtlichen Bauern halten eher auf Distanz zu ihnen. Dass Fallenbeck und Becker wegen der Legebatterien im nahen Kloster Reute zu einer Demonstration gegen die dortigen Franziskaner-Mönche aufgerufen hatten, brachte ihnen nicht nur Sympathien, sondern auch Polizeischutz ein. Allerdings haben sie die Lokalpresse für ihr Projekt erwärmen können. Wer gegen Käfighaltung ist, kann nicht die Alternativen bekämpfen, so lautete der Grundtenor in den Kommentaren.

Tierschutz contra Umweltschutz

Nur zeigt sich in Oberschwaben auch die Kehrseite einer weniger tierquälerischen Haltung: Frei laufende Hühner hinterlassen große Mengen von Phosphor und Stickstoff im Boden. Die Antragsteller müssen dafür sorgen und mit einem aufwändigen Gutachten nachweisen, dass keine Nährstoffe in den angrenzenden Bach geschwemmt werden. Die Kosten für die Freilaufhaltung lassen sich mit den üblichen Großhandelspreisen nicht decken. Fallenbeck und Becker haben Glück: Eine regionale Ladenkette zahlt ihnen 30 Pfennig pro Ei und verlangt von ihren Kunden nur 40 Pfennig - eine vergleichsweise niedrige Handelsspanne. Das wird nicht überall so sein. Dagegen ist an diesem Fall abzusehen, dass der Zugewinn an Tierschutz neuartige Konflikte mit dem Umweltschutz bringen wird.

Zur SZ-Startseite