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Leben mit einem fremden Organ:Mit dem Herzen eines Fischers

Spenderorgane retten Leben. Doch nach einer Transplantation muss nicht nur der Körper des Empfängers mit dem neuen Organ zurechtkommen, sondern auch seine Seele.

Nikolas Westerhoff

Am 21. Dezember 1976 um 6 Uhr 55 schlägt das Herz von Denise Darvall ein letztes Mal - im Körper des Gemüsehändlers Louis Washkansky. Das Herz lebte in zwei Körpern, 25 Jahre in einem, 18 Tage in dem andern.

Transplantation

Viele Menschen haben das Gefühl, dass bei einer Transplantation auch ein Stück vom Wesen des Spenders übertragen wird.

(Foto: Foto: dpa)

Ein Ereignis, das Marie Luise Kaschnitz literarisierte: "Weiterlebend mein Herz in einem anderen Körper / wird was empfinden, meine rechte Hand, angesetzt einem fremden Gelenk, wird wen liebkosen, nach welcher Waffe greifen / meine verpflanzten Augen / was stürzt auf euch ein?"

Mittlerweile werden in Deutschland jährlich etwa 400 Herzen transplantiert. Der Austausch von Organen ist medizinische Routine geworden. Allein im Jahr 2006 wechselten hierzulande 253 Lungen, 971 Lebern und 2776 Nieren den Besitzer. Seit der ersten Nierentransplantation 1963 haben Ärzte an deutschen Zentren 54.000 Nieren neu verpflanzt. Medizinisch gesehen verlaufen die meisten Transplantationen zufriedenstellend.

Ein Problem für die Psyche

Heutzutage ist es möglich, mit einem gespendeten Organ 20 Jahre zu leben. "Die psychische Einverleibung gestaltet sich jedoch schwierig", sagt Oliver Decker, Psychotherapeut am Transplantationszentrum der Universitätsklinik Leipzig.

Der Psyche falle es schwer, den Eingriff zu verarbeiten, so Decker. "Durch eine Transplantation wird die Grenze zwischen Eigenem und Fremdem aufgelöst. Dadurch ist die Identität bedroht."

"Ganz zuerst empfand ich Ekel bei dem Gedanken an eine Transplantation. Das war so abstoßend, dass ich nun mit dem Fleisch eines anderen leben sollte", sagt Monika Wiese, die eine neue Leber bekommen hat.

"Operierte Personen nehmen das neue Organ zunächst als fremd wahr", sagt die Ethnologin Vera Kalitzkus von der Universität Witten-Herdecke, die 40 narrative Interviews mit Angehörigen von Organspendern und Transplantierten geführt hat: "Eine Frau sagte: Ich beobachte, wie die Leber hin und her schwappt.

Das fühlt sich an wie bei einer Schwangerschaft. Und eine Nierentransplantierte meinte: Ich habe die Niere als Fremdkörper empfunden, rein anatomisch. Ich war sehr dünn und auf einmal war das etwas Festes."

Vor der Transplantation beschreiben Patienten das Spenderorgan positiv. Kurz danach bezeichnen sie es als listig, aufrecht und klug. Herztransplantierte sind geradezu euphorisch, sie haben das Gefühl, einen neuen Motor eingebaut bekommen zu haben. Im Lauf der Zeit macht sich jedoch Ernüchterung breit.

Das neue Organ wird ambivalent beurteilt. Erst Monate nach der Transplantation charakterisieren Patienten das Transplantat so wie ihren gesamten Körper, also weder besser noch schlechter.

Beschreibt ein Patient seinen Körper und das neue Organ mit denselben Adjektiven, nimmt er die Differenz zwischen fremd und eigen nicht mehr wahr. Diese semantische Annäherung wird von Psychologen so gedeutet, dass die neue Leber oder Niere erfolgreich in das Körperschema integriert werden konnte. "Dieser Prozess gelingt meist - aber er benötigt viel Zeit und verläuft niemals ohne Rückschläge", sagt Psychologe Decker.

Während Patienten zunächst glauben, durch das neue Organ wieder voll leistungsfähig zu sein, rücken danach körperliche Probleme ins Bewusstsein. Damit einhergehende psychische Krisen werden häufig geleugnet.

Vergleiche mit einem reparierten Auto

Einige Patienten berichten, eher zu weinen, belastende Filme nicht mehr verkraften zu können oder ein großes Harmoniebedürfnis zu haben. "Transplantierte entwickeln einen klinischen Blick auf sich selbst", sagt Kalitzkus. "Sie bezeichnen ihr neues Organ als Ersatzteil oder vergleichen es mit einem reparierten Auto."

Oliver Decker hat Tagebuchaufzeichnungen von zwei nierentransplantierten Patienten ausgewertet. Dabei stellte er fest, dass beide Patienten einen medizinisch-instrumentellen Blick auf sich entwickelten.

Ein Patient schreibt 27 Tage nach der Transplantation: "Ansonsten arbeitet die Niere tadellos und lässt mich nachts 3-4 Mal aufstehen und zur Toilette gehen." Zehn Tage später stellt er im Duktus eines Arztes fest: "Positive Einstellung spielt eine große Rolle bei der Heilung." Am 48. Tag heißt es: "Nun muss ich allein den Stand meiner Gesundheit voranbringen." Am 57. Tag schreibt er lapidar: "Die Niere arbeitet gut."

Mit dem Herzen eines Fischers

Viele Patienten nehmen die Perspektive distanzierter Selbstbeobachtung ein und phantasieren zudem ihr Organ aus. Die Phantasien gehen ins Mystisch-Abergläubische. "Neulich sagte ein Patient zu mir: Ich glaube, mein Organ stammt von einem Fischer aus dem Mittelmeerraum. Er hatte beobachtet, dass er seit der Transplantation Heißhunger auf Oliven verspürt", erzählt Decker. "Die moderne Medizin fordert eine Rationalität ein, der sich die Psyche nicht vollends zu unterwerfen vermag", sagt Kalitzkus.

Transplantationspatienten bekommen lediglich ein neues Organ eingepflanzt - und doch haben sie das Gefühl, als sei ihnen mehr übertragen worden. "Manche Patienten fühlen sich für den Tod des Spenders verantwortlich", sagt Decker. "Sie leiden darunter, auf seine Kosten weiterzuleben. Dieses Gefühl ist irrational, aber es ist bei einigen Patienten da."

Verlust der Männlichkeit

Decker zufolge werden Organphantasien häufig ex negativo formuliert: "Ein Patient sagte: Mir doch egal, ob das Organ von einem Mädchen stammt!" Dahinter verberge sich die Sorge des Mannes, ein weibliches Organ in sich zu tragen. "Viele transplantierte Männer befürchten, Teile ihrer Männlichkeit zu verlieren, also zu verweiblichen."

Diese Problemkonstellation ist typisch, sind es doch meist Frauen, die Organe spenden und Männer, die Organe annehmen. Weltweit stammen zwei Drittel aller Lebendorganspenden von Frauen. Einzige Ausnahme ist Iran. Dort stammen 80 Prozent der Lebendspenden von Männern - sie werden ein Jahr lang finanziell dafür entschädigt.

In Deutschland waren 2006 18,8 Prozent aller Nierentransplantationen Lebendspenden. Frauen können sich eher als Männer vorstellen, Unbekannten Organe zu spenden. Im Gegensatz zu Männern sind sie eher der Meinung, dass es für eine Spende keinen Obolus geben muss. In Umfragen zur Transplantation stellen sie sich altruistisch dar - und sind es auch. "Studien der Bioethikerin Nikola Biller-Andorno haben gezeigt, dass jenes klassische Muster gilt, wonach die Frau selbstlos gibt und der Mann selbstverständlich nimmt", sagt Kalitzkus.

Nach Ansicht des Kardiologen und Psychologen Paul Pearsall von der Universität Hawaii glauben einige Transplantierte an ein "Zell-Gedächtnis". Sie vermuten, dass durch die Transplantation psychische Eigenschaften des Spenders auf sie übergehen.

Identifikation mit dem Spender

Pearsall berichtet von einem 18-jährigen herztransplantierten Mädchen, das ihren Spender für "einen Geliebten aus einer anderen Zeit" hielt. Und er schildert den Fall eines Herzpatienten, der nach der Transplantation zu spüren glaubte, wie sich der weibliche Körper anfühlt. "Solche Reaktionen sind die Ausnahme", sagt Kalitzkus. "In der Studie von Pearsall sind es 17 von 73 Personen. Nach Angaben der Psychologin Brigitta Bunzel berichten sechs Prozent der Herztransplantierten über Persönlichkeitsveränderungen."

Laut Pearsall geht die Identifikation mit dem Spender sehr weit: Sie führt mitunter zu einer Anpassung an imaginierte Vorlieben - teils aus Dankbarkeit, teils aus Schuldgefühl. Manche Organempfänger versuchen sogar, sich so zu ernähren, wie es der Spender getan haben könnte. Andere richten ihre Wohnung neu ein - nach dem mutmaßlichen Geschmack des Organspenders. Paradox daran: Die transplantierten Patienten fühlen sich in einen Spender ein, den sie nie kennengelernt haben.

Der Magdeburger Psychiater und Philosoph Georg Northoff interviewte vor einigen Jahren Parkinson-Patienten, denen Stammzellen von Föten ins Gehirn eingeschleust worden waren. Diese Patienten, so Northoff, wollten einen persönlichen Zugang zu ihrem Implantat aufbauen: "Ein deutscher Patient, dem Zellen eines Schweden eingepflanzt wurden, meinte zu mir: Jetzt werde ich bestimmt bald Schwedisch sprechen."

"Eine Art Prothesengott"

"Der Mensch", so Sigmund Freud, "ist eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen." Als der Begründer der Psychoanalyse diese Zeilen 1930 schrieb, war noch keine Niere verpflanzt, kein Herz ausgetauscht worden. Erst 1933 gelang es dem Chirurgen Yu Yu Vornoy, die Niere eines Toten auf einen Lebenden zu übertragen.

Noch immer tut sich der prothetisierte Mensch schwer, neue Organe als Teil der eigenen Identität anzunehmen. Doch so mühsam die psychische Einverleibung ist, sie gelingt heute besser als vor 30 Jahren. Das liegt an Fortschritten der Transplantationsmedizin; aber auch an einem gewandelten Körperverständnis. Galt der Körper in den 70er-Jahren als Ort des Natürlichen, so wird er heute als chirurgisches Gestaltungsprojekt begriffen.

"Der Körper muss geformt werden, um gut zu sein", sagt Psychoanalytiker Decker. Deshalb sei es leichter geworden, Eingriffe zu akzeptieren. Diese Auffassung teilt Ethnologin Kalitzkus. Sie gibt aber zu bedenken, dass Transplantationen zwei Schicksale existenziell miteinander verknüpfen. "Diese Verbundenheit wird immer starke Emotionen auslösen, selbst wenn Transplantationen eines Tages völlig komplikationslos ablaufen sollten."

© SZ vom 24.10.2007
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