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Kapitel 4: Die letzte Generation:Das verbotene Experiment

Wenn sich die älteren Frauen in Kfar Qasim zum Kaffeeklatsch treffen, dann ist häufig Meyad Sarsour dabei. Auch Meyad ist taub, aber sie ist erst 30 Jahre alt, viel jünger als die anderen. Meyad hat die israelische Gebärdensprache gelernt. Aber sie hat auch die Sprache von Kfar Qasim gelernt. Wenn Linguisten nach Kfar Qasim kommen, ist Meyad das Bindeglied: Sie kann Salhas Sprache übersetzen. "Ihre Sprache ist sehr simpel. Es gibt keine Grammatik und keine komplizierten Sätze", sagt sie. Die älteren Leute verstehen Salha, aber viele der jüngeren Menschen in Kfar Qasim hätten dabei Probleme, sagt Meyad.

Meyads Hände tanzen schneller und eleganter, wenn sie sich unterhält. In der israelischen Gebärdensprache sei es einfacher über Gefühle zu sprechen oder komplexe Sätze zu bilden, sagt sie. Außerdem könne sie sich damit mit mehr Menschen verständigen, zum Beispiel an der Universität.

Meyad gehört zur letzten Generation der Dorfgebärdensprache. Wer heute taub geboren wird in Kfar Qasim lernt meist nur noch die israelische Gebärdensprache. Und viele junge Menschen ziehen weg. So wie Meyad. Sie hat einen Deutschen getroffen, die beiden wollen demnächst heiraten und dann nach Berlin ziehen.

Mit den Dorfgebärdensprachen gehen nicht nur faszinierende Studienobjekte für Linguisten verloren. Es verschwinden auch einzigartige Gemeinden, die für viele taube Menschen auf der ganzen Welt eine Art Utopie sind. Das liege vor allem daran, dass in diesen Gemeinen auch hörende Menschen die Gebärdensprache beherrschen, sagt Annelies Kusters vom Max-Planck-Institut für die Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen. "Sie stellen sich vor, dass sie dort Gebärdensprache nutzen können, wenn sie fürs Abendessen einkaufen gehen, wenn sie mit Verwandten sprechen, mit Nachbarn, bei der Arbeit. Sie stellen sich vor, dass die hörenden Menschen dort verstehen, dass taube Menschen genauso intelligent sind wie sie." Kusters kann nachvollziehen, wie verlockend das klingt. Sie ist selbst taub.

Doch die Realität sei weniger rosig, sagt Kusters. Sie hat eine Dorfgebärdensprache in Adamorobe in Ghana untersucht. 1975 wurde im Dorf ein Gesetz erlassen, dass es tauben Menschen verbietet, einen anderen tauben Menschen zu heiraten. Das habe die Zahl der Gehörlosen deutlich reduziert, sagt Kusters. "Aber es hat zu vielen unglücklichen Ehen und Scheidungen geführt. Als ich in Adamarobe war, haben die Gehörlosen jeden Tag über dieses Gesetz geklagt."

In Kfar Qasim gibt es solche Regeln nicht. "Hauptsache man hat eine Verbindung zueinander", sagt Meyad. Die alten Frauen unterhalten sich über Meyads Pläne und plötzlich machen sie alle den Hitlergruß. Es ist das Zeichen für Deutschland in der Gebärdensprache von Kfar Qasim.

Es ist eine der Eigenheiten der Gebärdensprache, dass sie, um verständlich zu sein, häufig das Offensichtliche, das Klischeehafte betont. In der israelischen Zeichensprache war das Zeichen für Deutschland lange ein Hakenkreuz, geformt von zwei angewinkelten Zeigefingern. Heute ist es ein gereckter Zeigefinger, der an die Stirn gehalten wird: Die preußische Pickelhaube. Der Hitlergruß sei in vielen Gebärdensprachen das Zeichen für Deutschland, sagt Kusters. "Das ist eine Sache, wo Gebärdensprachen sich von gesprochener Sprache unterscheiden: Es ist schwierig, politisch korrekt zu sein, wenn man Namen zeigen muss."

Das gilt nicht nur für Namen von Ländern sondern auch von Personen: Das Zeichen für Angela Merkel war in der deutschen Gebärdensprache lange ihr Topfschnitt, dann die nach unten gezogenen Mundwinkel, heute sind es die Hände, die zur Raute geformt sind. Als Guido Westerwelle noch häufig in den Nachrichten auftrat, waren die Narben in seinem Gesicht sein Name. "Man beschreibt, was man sieht", sagt Kusters. "Vielleicht sind taube Menschen deswegen ein bisschen direkter."

Sprachen prägen einen, sagt auch Meyad. Sie habe zwar die israelische Gebärdensprache gelernt. "Aber ich mag es, auch die Zeichensprache hier zu lernen, weil es viele besondere Zeichen gibt", sagt sie. Zum Beispiel viele Zeichen für verschiedene Lebensmittel. "Heute gibt es das nicht mehr. Wir buchstabieren das." Auch wenn sie Kfar Qasim bald verlassen werde, trage sie doch etwas von der Sprache in sich, sagt sie.

Der Autor Kai Kupferschmidt ist Stipendiat der Masterclass "Zukunft des Wissenschaftsjournalismus" der Robert Bosch Stiftung und des Reporter-Forums.

© SZ.de/woja/mahu
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