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Kapitel 2:Das verbotene Experiment

Am Anfang war das Schaf. So erzählt es zumindest der Philosoph Johann Gottfried Herder. 1769 lobte die königlich-preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin eine Preisfrage aus: "Sind Menschen, ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen, imstande, Sprache zu erfinden und wenn ja, mit welchen Mitteln sind sie dazu gekommen?"

Herders preisgekrönte Antwort ist ein Szenario: Der Ur-Mensch steht einem Schaf gegenüber, "weiß, sanft, wollicht". Er sucht ein Merkmal, um das Schaf zu beschreiben: "Ha! Du bist das Blökende", denkt er - und ahmt das Blöken nach. Damit hat der Ur-Mensch laut Herder das erste Wort erdacht: "Seine Seele hat gleichsam in ihrem Inwendigen geblökt, da sie diesen Schall zum Erinnerungszeichen wählte, und wiedergeblökt, da sie ihn daran erkannte - die Sprache ist erfunden!"

Herders Idee der Imitation von Tierlauten wird auch abschätzig Bow-Wow-Theorie genannt. Es ist nur eine Theorie von vielen zum Ursprung der Sprache. Andere Forscher vermuten, die Sprache sei aus Ausrufen wie "Oh" oder "Aua" entstanden, aus dem Singsang von Müttern, die ihre Kinder beruhigten, oder gar aus Gesten.

Die reine Sprache

"All diese Theorien haben eines gemeinsam: Sie sind pure Spekulation", sagt Wendy Sandler. Sie ist Linguistin an der Universität Haifa. Ihr Spezialgebiet sind Gebärdensprachen. Sie hat als erste die Sprache in Kfar Qasim beschrieben. Und sie erforscht seit vielen Jahren eine Dorfgebärdensprache in Al-Sayyid, einem Ort im Norden der Negevwüste.

Sandler glaubt, dass Sprachen wie diese der Schlüssel zum Rätsel der Sprachentstehung sind. Gesprochene Sprachen sind Tausende Jahre alt und aus anderen Sprachen hervorgegangen. Aber die Gebärdensprache in Al-Sayyid ist weniger als 100 Jahre alt. "Wenn man eine neue Sprache so früh erwischt wie diese, dann ist sie gewissermaßen noch ganz rein", sagt Sandler. Das mindeste, was man daraus lernen könne, sei, welche Zutaten am Anfang einer Sprache notwendig seien. Eine Art Minimalsprache. "Das ist dann wenigstens eine Basis für Spekulationen über den Ursprung der Sprache", sagt Sandler.

In Al-Sayyid könnte "Schaf" tatsächlich eines der ersten Worte gewesen sein. Das Blöken spielt hier allerdings keine Rolle. Das Wort für Schaf ist eine wackelnde Hand die drei mittleren Finger gekrümmt, Daumen und kleiner Finger ausgestreckt. Es ist der Schwanz des Schafes der vor den Schäfern hin- und herwackelt.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot erzählt, der Pharao Psammetich I. habe zwei Neugeborene ausgewählt und sie in einem abgeschiedenen Haus aufwachsen lassen, versorgt nur von einem Hirten, der den Auftrag hatte, auf keinen Fall mit ihnen zu sprechen. So wollte der Pharao herausfinden, welche Sprache die ursprüngliche gewesen sei. Es war das erste psychologische Experiment der Geschichte - und so grausam, dass Forscher es das "verbotene Experiment" nennen. Es sei undenkbar, so ein Experiment jemals zu wiederholen, sagt Sandler. Aber die Natur kennt keine Verbote. Die Tauben in Al-Sayyid seien das verbotene Experiment, sagt Sandler.

Das Experiment des Pharao endete nach zwei Jahren. Dann streckten die Kleinkinder ihre Hände aus und sagten "becos", das phrygische Wort für "Brot", schreibt Herodot. Die Phryger, nicht die Ägypter, waren die älteste Kultur, folgerte der Pharao. Seine Neugier war befriedigt. Doch für Sandler beginnt mit den ersten Worten erst die Forschung. In Al-Sayyid lasse sich beobachten, wie eine Sprache Schritt für Schritt komplexer werde, sagt sie. "Wir können dort bei der Entwicklung einer neuen Sprache zuschauen."

Die Grammatik des Körpers

Sandler hat in Al-Sayyid die Gebärden von einigen jungen und alten Menschen untersucht und verglichen. Schon in der zweiten Generation benutzten die Menschen nicht mehr nur die Hände, sagt sie. "Da kommen Bewegungen des Kopfes hinzu. Die zeigen zum Beispiel an, wenn mehrere Wörter zusammengehören." In der dritten Generation spielt dann auch der Gesichtsausdruck eine Rolle. Zur Gestik tritt die Mimik. Wie der Tonfall bei gesprochener Sprache zeigt er an, ob etwas als Aussage oder als Frage gemeint ist oder verbindet Haupt- und Nebensätze. Und in der jüngsten Generation wechselt der ganze Oberkörper seine Position, um zum Beispiel verschiedene Charaktere in einer Erzählung zu unterscheiden. "Nach und nach wird der ganze Körper in die Sprache eingebunden", sagt Sandler. Sie nennt es "die Grammatik des Körpers".

Noch etwas anderes haben die Forscher in Al-Sayyid entdeckt: Die Gebärden, die als ganzheitliche Symbole begonnen haben, zerbrechen langsam in bedeutungslose Einheiten, so wie Wörter aus bedeutungslosen Lauten bestehen.

Das Zeichen für Ei zum Beispiel besteht in Al-Sayyid aus zwei Teilen: ein pickender Zeigefinger, die Handfläche nach unten (das Huhn), dann dreht sich die Handfläche nach oben und Daumen, Zeige- und Mittelfinger halten ein imaginäres Ei.

In einer Familie hat sich das Zeichen aber verändert, abgeschliffen. Statt des pickenden Huhns beginnt die Geste dort bereits mit den drei Fingern, die ein gedachtes Ei halten, nur auf dem Kopf.

Drei Finger, obwohl der Schnabel eines Huhns nicht dreizackig ist. Die ganzheitlichen Zeichen würden so in sinnlose Einheiten zerlegt, so wie "Huhn" im Deutschen aus drei sinnlosen Lauten besteht: H - U - N.

Sandler sieht darin eine nächste Stufe der Entwicklung. "Die Sprache kristallisiert", sagt sie. Das Zeichen löst sich gewissermaßen von dem, was es repräsentiert und seine Einzelteile können dann benutzt werden, um auch andere Wörter zu formen.

"Was die ungeheure Vielfalt der Sprache ausmacht, ist die Möglichkeit, sinnlose Teile, Laute, zu kombinieren", sagt Sandler. So wie die Laute in Huhn in Kombination mit anderen Lauten Holz, U-Bahn oder Neonröhre ergeben können. Die Entwicklung der Gebärde von "Ei" in Al-Sayyid deute daraufhin, dass auch dort sinnlose Zeichen entstehen könnten, die dann beliebig zusammengesetzt werden, sagt sie. "Damit hatte ich nicht gerechnet. Die meisten Forscher glauben, dass Wörter und diese sinnlosen Einheiten gleichzeitig auftauchen." Das überraschendste für sie sei aber gewesen, dass am Anfang der Sprache weder diese Einheiten noch Grammatik vorhanden gewesen sei, sagt Sandler.

Zu sehen ist das in einem Video. Es ist unscharf und überbelichtet, aber für die Forscher hat es enormen Wert. Es ist die einzige existierende Aufnahme der "ersten Generation". In dem Video sitzt ein Mann mit Anzug und Kopftuch auf dem Boden und erzählt die Geschichte einer Stammesfehde, die sich lange vor seiner Zeit zugetragen hat.

Seine Bewegungen sind ausladend. Fliehen. Rennen. Rennen. Zwischen manchen Worten fallen seine Hände wieder in seinen Schoß. Schwert. Gewehr. Schlagen. Gewehr blocken. Treffen. Schießen. Schießen. Pferd. Fallen. Auge fällt raus. Tuch schwenken. "Da sind nur diese Worte", sagt Sandler. "Es gibt so gut wie keine Struktur. Und trotzdem schafft er es, diese ganze komplizierte Geschichte zu erzählen."

Forscher streiten seit langem darüber, was am Anfang der Sprachentstehung vorhanden gewesen sein muss. Das Video zeige, dass es nicht mehr benötige als einfache Worte und Pausen, sagt Sandler. "Am Anfang war tatsächlich das Wort."

© SZ.de/woja/mahu
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