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Interview:"Die Zeichen stehen auf Sturm"

Risikoforscher Peter Höppe über die Zunahme von Naturkatastrophen und den menschengemachten Klimawandel.

Interview: Martin Thurau

Das Rechnen mit der Katastrophe ist für Experten wie Peter Höppe Alltag. Der Biometeorologe leitet seit Jahresbeginn die Georisikoforschung der Münchener Rück, des weltgrößten Rückversicherers. Die Zahl von Naturkatastrophen und deren Ausmaß, prognostiziert Höppe (Foto: Munich Re), werden zunehmen.

Risikoforscher Höppe

Risikoforscher Höppe

(Foto: Foto: Munich Re)

SZ: Wenige Tage, bevor Sie Ihren neuen Posten antraten, erlebten Sie die tödliche Flutwelle mit; Sie waren gerade auf den Malediven. Wie sieht man ein solches Inferno als Katastrophenforscher?

Höppe: Man erlebt es als Mensch und nicht als Katastrophenforscher. Und man bekommt zunächst einmal Angst, weil man nicht weiß, ob einen nicht eine zweite, noch größere Welle von der Insel schwemmt. Die Malediven sind sehr flache Inseln; die, auf der ich war, ragte nur maximal drei Meter aus dem Meer. Eine Welle wie in Thailand oder Indonesien wäre verhängnisvoll gewesen. Aber so schlimm kam es nicht. Die ganze Insel war ein paar Minuten lang überspült. Wir standen im Wasser, kein Land war mehr in Sicht. Im Nachhinein betrachtet aber war es nicht lebensbedrohlich.

SZ: War die Flutwelle vorhersehbar? Die Münchener Rück muss ständig mit Wahrscheinlichkeiten von Katastrophen rechnen.

Höppe: Es war sicher vorhersehbar, dass sich ein großes Erdbeben in Sumatra ereignet. Die Insel liegt in einer hochgefährdeten Erdbebenzone. Und man weiß auch, dass solche Beben gewaltige Flutwellen auslösen können.

SZ: Die Schäden durch Naturkatastrophen werden in der Summe immer größer. 2004 gilt sogar als Rekordjahr. Wie kommt es zu diesem Trend?

Höppe: Was die versicherten Schäden angeht, war 2004 mit über 40 Milliarden US-Dollar in der Tat der bisherige Spitzenreiter. Dagegen war 1995 das Rekordjahr, wenn man die volkswirtschaftlichen Schäden betrachtet - wegen des schweren Erdbebens in der japanischen Stadt Kobe. Der Trend, dass die Schadensummen zunehmen, wird sich fortsetzen, die Kurve könnte sogar noch steiler ansteigen. Das hat viele Ursachen. Die Weltbevölkerung wächst dramatisch, und immer mehr Menschen leben in großen Ballungsräumen, den Megacitys.

Wenn sich dort eine Naturkatastrophe ereignet, sind viele Menschen und sehr viele Sachwerte betroffen. Zudem wächst die Besiedlung auch in Regionen, die ein großes Naturgefahren-Potenzial haben: Über Florida sind seit jeher Hurrikane hinweggefegt. Aber je mehr Menschen sich dort aufhalten, desto größer sind die Schäden. Über 90Prozent der versicherten Schäden werden mittlerweile durch atmosphärisch bedingte Naturkatastrophen wie Unwetter hervorgerufen.

SZ: Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel?

Höppe: Eine große, so glauben wir. Die Indizien häufen sich jedenfalls. Die Art und Weise, in der sich die wetterbedingten Naturereignisse verändern, decken sich mit den Vorhersagen jener Klimamodelle, die von einer vom Menschen induzierten Erwärmung ausgehen. 2004 hatten wir sehr viele Extreme, die in dieses Bild passen. Florida zum Beispiel erreichten vier Hurrikane, so viele wie nie zuvor. Im selben Zeitraum suchten zehn Taifune im Westpazifik Japan heim, ebenfalls eine bisher nie da gewesene Häufung. Und was den Zusammenhang zwischen Unwettern und Klimaveränderung so plausibel macht: Die Oberflächentemperaturen im Atlantik und im Westpazifik waren höher als gewöhnlich - die Voraussetzung dafür, dass solche Wirbelstürme entstehen können.

Schließlich gab es noch einen tropischen Wirbelsturm im Südatlantik, der sich über Brasilien austobte. Ein absolutes Novum. Meteorologen haben dies für unmöglich gehalten, weil das Wasser dort bislang als zu kalt galt. Auf unserer Weltkarte für die Naturgefahren jedenfalls finden Sie da keine Zugbahn für Stürme. All das deckt sich mit den neuesten Klimamodellierungen.

SZ: Kein Zweifel also am menschengemachten Klimawandel?

Höppe: Wir haben daran keinen Zweifel mehr. Die Daten zeigen, dass in den letzten Jahrzehnten global gesehen extrem hohe Temperaturen herrschten. Allein die vier letzten Jahre gehören zu den fünf weltweit wärmsten seit 1861. Das lässt sich mit Zufällen oder natürlichen Klimaschwankungen nicht mehr erklären, ebenso wenig mit zyklischen Veränderungen wie der Sonnenaktivität. Nach unseren Prognosen wird sich der Klimawandel noch weiter beschleunigen.

SZ: Welche Auswirkungen wird der Wandel beispielsweise in Europa haben?

Höppe: Für Europa erwarten wir vor allem häufiger heiße Sommer wie im Jahr 2003. Und das ist im Übrigen nahezu in Vergessenheit geraten, oder man hat es sich nie so richtig bewusst gemacht: Der Sommer 2003 war die größte Naturkatastrophe im Europa der letzten Jahrhunderte. 35000 Menschen sind mittelbar an der Hitze gestorben. Das zeigen die Mortalitätsstatistiken ganz klar.

Im Winter, davon gehen wir aus, könnten heftige Stürme, wie wir sie am letzten Wochenende in Norddeutschland, Skandinavien und Großbritannien erlebt haben, häufiger werden und an Intensität zunehmen. Das ist wissenschaftlich noch nicht vollständig belegt, aber durchaus plausibel: Bisher war eine stabile Hochdruck-Wetterlage über Russland für unsere Winter typisch. Sie verhindert, dass Tiefdruckgebiete vom Atlantik her nach Mitteleuropa hereinziehen. Wenn sich die Landmasse erwärmt, weil generell die Temperaturen steigen, baut sich dieses durch kalte Luft hervorgerufene Hoch ab und die Blockade wird schwächer.

© SZ vom 13.1.2005
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