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Intelligente Stromversorgung:Das Internet der Energie

Das heutige Stromnetz sei "dumm", befinden die Vorreiter der "intelligenten Netze". Ihre Ideen sind elektrisierend, doch manche Details noch unausgegoren.

Die Aula des Wirtschaftsministeriums in Berlin hat normalerweise nichts mit gefrorenem Fisch zu tun. Es ist ein heller, hoher Raum mit Fenstern auf die Invalidenstraße, und statt pseudo-antiker Fresken ziert ein Mosaik von Bildern aus der deutschen Geschichte die Decke: Ludwig II., Adenauer, Uschi Obermaier und hunderte andere würdige Köpfe. Doch am vergangenen Donnerstag gegen 18 Uhr hat Ulrich Focken, Geschäftsführer der Firma Energy & Meteo Systems in Oldenburg, von der Aula aus ein Kühlhaus für gefrorenen Fisch in Cuxhaven abgeschaltet. Und eines Tages wird das staunende Publikum sagen können, es war dabei, als damit eine der Keimzellen eines neuen globalen Netzes in Betrieb ging: des Internets der Energie.

Die in Berlin versammelte Experten sehen sich als Pioniere. Sie wollen die Stromnetze weltweit mit neuer Intelligenz versehen. "Das Netz ist heute dumm, der Strom darin fließt nur in eine Richtung: vom Großkraftwerk zum Verbraucher", sagte Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg. "In Zukunft fließt der Strom in beide Richtungen, und Strom wird dann verbraucht, wenn er preisgünstig ist." Industrie, Gewerbe und Privathaushalte könnten in Zukunft ihren Energieverbrauch besser managen und damit sowohl Geld sparen als auch die Umwelt schützen.

Dazu müssten zwei Materialien in Kontakt kommen, das Kupfer der elektrischen Leitungen mit dem Silizium neuer Steuergeräte, sagt der Münchner Umweltberater Ludwig Karg; er leitet die Begleitforschung zum staatlichen Programm E-Energy, dessen Mitglieder sich in Berlin zu ihrem ersten Kongress getroffen haben.

"Das ist das größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten"

Das Thema elektrisiert unter dem englischen Schlagwort "smart grids" (kluge Netze) längst auch die großen Konzerne. Der Netzanbieter Cisco hält den Markt für 100-mal so groß wie den der Internet-Technik und erwartet für sich 20 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr mit der Technik. Siemens schätzt seinen Anteil bis 2014 auf sechs Milliarden Euro. "Das ist das größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten", sagte in Berlin Henning Kagermann, Präsident der Acatec, der Akademie der Technikwissenschaften.

Deutschland müsse seine internationale Vorreiterrolle in der Forschung nun in wirtschaftliche Erfolge ummünzen, mahnte Hans-Joachim Otto (FDP), Staatssekretär im Wirtschaftsministerium: "Wer die Standards setzen kann, hat das Geschäft in der Hand." Allerdings ist dazu das deutsche Programm im internationalen Vergleich dürftig ausgestattet. 140 Millionen Euro stehen für E-Energy bis 2012 bereit. Die USA und China haben dagegen jeweils viele Milliarden Dollar für smart grids ausgelobt.

An Ideen mangelt es den Deutschen jedenfalls nicht, wie Ulrich Focken in Berlin demonstrierte. Er hat zusammen mit Wolfram Krause vom Norddeutschen Stromversorger EWE in Cuxhaven das Kühlhaus und den lokalen Windpark Belum zusammengeschaltet; Cuxhaven ist eine der sechs E-Energy-Modellregionen. Im Kühlhaus springt nun der Kompressor bevorzugt dann an, wenn der Windpark gerade Strom im Überfluss liefert; bei plötzlicher Flaute hingegen ruht auch die Kühlung.

Eine solche unerwartete Windstille hatte Focken von Berlin aus provoziert, indem er einfach ein Windrad abschaltete. Innerhalb von Sekunden regulierte auch das Kühlhaus seinen Energieverbrauch nach unten. "Das kann der Fisch problemlos aushalten", sagt Krause, "im Kühlhaus herrschen bis zu 25 Grad minus, und es erwärmt sich nur um ein Grad pro Tag." Erst wenn sich der Fisch der lebensmittelrechtlich bedenklichen Grenze von minus 18 Grad nähere, werde unabhängig vom Wind gekühlt.

Bis dahin profitieren alle Partner von der ungewöhnlichen Kopplung. Der Kühlhaus-Betreiber bekommt bei kräftigem Wind günstigere Strompreisen. Falls seine Anlage ihren Bedarf bei Flaute reduziert, oder wenn gerade überall in Cuxhaven die Kochherde Strom verbrauchen, könnte er noch einmal für das Bereitstellen sogenannter Regelenergie bezahlt werden. "Negawatts", ein Wortspiel mit der Einheit der elektrischen Leitung Megawatt, heißt solch zur rechten Zeit nicht verbrauchter Strom auch, und er wird zunehmend wertvoll. Schließlich muss ein Stromversorger wie EWE nicht extra ein Kraftwerk anwerfen, um den Spitzenbedarf zu decken.

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