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Ingmar Hoerr:Der Disruptor

Tuebingen 19.01.2021 Dr. Ingmar Hoerr (Gruender Curevac) *** Tuebingen 19 01 2021 Dr Ingmar Hoerr Founder Curevac

Ingmar Hoerr, geboren 1968, studierte Biologie in Tübingen. Der begeisterte Segler hielt auf hoher See wissenschaftliche Seminare ab.

(Foto: imago)

Der Biologe widmete sein Forscherleben der Entwicklung von RNA-Impfstoffen.

Kampf ist ein Wort, das Ingmar Hoerr, 53, oft verwendet, wenn er seine Geschichte erzählt. Es passt ganz gut - privat und beruflich. Hoerr, 53, ist Gründer. Das ist ein Titel, der geht nie mehr verloren, ob eine Firma nun scheitert oder groß wird. Ingmar Hoerr hat das Tübinger Unternehmen Curevac mitgegründet. Das ist eine jener Firmen, die an einem Impfstoff gegen das Coronavirus arbeiten. Die Technologie, die Curevac einsetzt, ist völlig neu: mRNA, das ist eine neue Wirkstoffklasse, sie könnte die Art und Weise, Krankheiten zu bekämpfen und zu heilen, revolutionieren. So etwas nennen Innovationsexperten disruptiv. Hoerr also ist ein Disruptor. Wer alte Strukturen und Märkte zerstören oder zumindest aufbrechen will, hat viele Gegner. Wer da nicht kämpft, hat schon verloren.

Hoerr hat seine Geschichte in den vergangenen Monaten sehr oft erzählt. Sie verläuft nicht geradlinig, aber welches Leben tut das schon. Das von Hoerr hat ein paar Kurven und Beulen mehr. Er wird 1968 in Neckarsulm geboren. Sein Vater ist Schlossermeister, die Mutter Hausfrau. Eine akademische Laufbahn ist erst einmal nicht der Plan. Hoerr besucht in Wendlingen die Realschule und macht dort 1985 die Mittlere Reife. Er will mehr. 1988 macht er das Abitur am Agrarwissenschaftlichen Gymnasium in Nürtingen. Nach dem Zivildienst studiert er in Tübingen Biologie. Ein Jahr verbringt er an der Madurai-Kamaraj-Universität in Indien. Für seine Doktorarbeit führt Hoerr Ende der 90er-Jahre Versuche an Mäusen durch und findet etwas, wonach er nicht gesucht hatte: Dass die Immunantwort der Mäuse stärker ausfiel, wenn er ihnen statt DNA mRNA spritzte. Zufall oder Glück oder beides? Hoerr nennt es einen seiner "Heureka-Momente".

Eigentlich schwebt dem Forscher eine Karriere in der Pharmaindustrie vor. In Bewerbungsgesprächen versucht er, potenzielle Arbeitgeber von der mRNA zu überzeugen. Ohne Erfolg. Er sei quasi gezwungen gewesen, sich selbständig zu machen. Was es braucht, um eine Firma zu gründen, eignet sich Hoerr in einem Programm für junge Innovatoren an. Und er macht parallel zu seiner Arbeit in Tübingen einen MBA in General Management an der Donau-Universität Krems - ein wenig Betriebswirtschaft, Recht, Management, alles, was ein Biologe im Studium eher nicht lernt.

Er habe sein Leben ein zweites Mal geschenkt bekommen, sagt der Wissenschaftler

2000 gründet Hoerr mit Weggefährten Curevac. Die ersten Jahre leben sie von der Hand in den Mund, ehe sie in SAP-Mitgründer Dietmar Hopp einen potenten Investor finden. Hoerr hält durch, obwohl Curevac bis heute keinen Impfstoff und kein Medikament auf den Markt gebracht hat. Auch das Corona-Mittel ist noch nicht zugelassen. Am 12. März 2020 verhandelt Hoerr in Berlin mit Vertretern der Bundesregierung über staatliche Förderungen für den Corona-Impfstoff. In den frühen Stunden des 13. März 2020 erleidet Hoerr in einem Hotel eine Hirnblutung, erst sechs Wochen später erwacht er im Krankenhaus aus dem Koma. Hoerr kann sich nicht erinnern, wo er ist, wie er dort hingekommen ist und wer er ist. Er ist da unter einem anderen Namen untergebracht, um seine Privatsphäre zu schützen. Einige der Pfleger sprechen Russisch. Zeitweise denkt Hoerr, der KGB habe ihn entführt. Das ist jetzt sein größter Kampf. Er erholt sich, lernt wieder sprechen und gehen.

Er habe sein Leben ein zweites Mal geschenkt bekommen, sagt Hoerr. Jetzt seien seine Frau Sara und die Zwillingssöhne dran. Und bald auch wieder Curevac mit einer Kontrollaufgabe. In der virtuellen Hauptversammlung am 24. Juni soll Hoerr in den Aufsichtsrat gewählt werden, so ist es in der Einladung vorgeschlagen.

© SZ vom 12.06.2021
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