Impfungen und Nebenwirkungen:Nur ein kleiner Pieks

Seit 2001 gilt für Ärzte die im Infektionsschutzgesetz verankerte "Meldepflicht eines Verdachtes einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung".

Impfungen und Nebenwirkungen: Schulkinder in Essen schlucken im März 1962 Zuckerwürfel, die mit Impfstoff gegen Polio präpariert sind.

Schulkinder in Essen schlucken im März 1962 Zuckerwürfel, die mit Impfstoff gegen Polio präpariert sind.

(Foto: Foto: dpa)

Das bundeseigene Paul-Ehrlich-Institut sammelt seit Mai 2007 alle gemeldeten Impfnebenwirkungen in einer Datenbank. Allerdings werden die Daten "häufig falsch interpretiert", warnt Pressesprecherin Susanne Stöcker. Eine valide Statistik sei das nicht. Seit 2001 wurden insgesamt 9640 Verdachtsfälle gemeldet, darunter 192 Todesfälle. 292 geimpfte Personen erlitten "bleibende Schäden".

Die Tochter von Heike Brebeck fehlt in dieser Statistik. Sie ist ein sogenannter Altfall. Wer mit der Vorsitzenden des Schutzverbandes der Impfgeschädigten telefoniert, hört schon mal die Rufe ihrer Tochter im Hintergrund. Kirsten, mittlerweile 31 Jahre alt, ist schwerstbehindert. "Pflegestufe 6", sagt Heike Brebeck lakonisch. Was das bedeutet, können sich Eltern gesunder Kinder kaum vorstellen. Kirsten erleidet rund um die Uhr Krampfanfälle, manchmal sieben am Tag.

Odyssee durch die Gerichtssäle

Heike Brebeck kann ihre Tochter keine Minute allein lassen. Kirsten hat kein Sprachvermögen und den geistigen Stand eines Kleinkindes. 1977 wurde der Säugling gegen Diphtherie/Tetanus und Polio geimpft. Am dritten Tag nach der Impfung bekam sie einen Krampfanfall, musste ins Krankenhaus. Im gleichen Jahr stellte die Mutter einen Antrag auf Anerkennung eines Impfschadens. Der wurde zunächst abgelehnt. Erst drei Jahre später hat das Versorgungsamt das Leiden als Impfschaden anerkannt. "Ein Glücksfall", befindet die Vorsitzende - zumindest im Vergleich mit den Erfahrungen anderer Betroffener.

Manchmal dauert die Odyssee durch die Gerichtssäle wesentlich länger. Ein Verbandsmitglied wurde als Kind gegen Pocken geimpft und erlitt danach eine halbseitige Lähmung sowie einen Hirnschaden. 43 Jahre musste der Mann auf seine Anerkennung als Impfgeschädigter warten. Drei Mal ist der Schwerstbehinderte beim Bundessozialgericht abgeblitzt - erst kürzlich wurde der Impfschaden anerkannt. Kein Einzelfall: 120 Betroffene betreut der Verband derzeit und fast immer findet Heike Brebeck in den Akten "standardisierte Ablehnungsfloskeln".

Friederike K. hat ähnliche Erfahrung gemacht. Vor dem Sozialgericht Wiesbaden erlebte sie den Auftritt eines Gutachters. Der renommierte Professor habe mit Grinsen im Gesicht sinngemäß gesagt: Die Impfung mit der Krankheit und dem Tod in Zusammenhang zu bringen sei so, wie wenn Herr K. "die ganze Zeit gegen einen Schrank gelaufen wäre und den Schrank für die Beulen und den Schmerz verantwortlich gemacht hätte".

Im schriftlichen Gutachten liest sich das natürlich anders: Es sei unwahrscheinlich, dass der Impfstoff einen Tumor ausgelöst habe. "Nur wenige Tage als Inkubationszeit für eine Leukämie anzunehmen, ist nach heutigem Kenntnisstand auszuschließen." Der Experte bezeichnet es als "rein spekulativ", zu sagen, welche Faktoren bei einem bösartigen Tumor von Bedeutung seien.

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