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Höchststand bei Suiziden in US-Armee:Der Krieg geht, der Tod kommt

So hoch war die Rate an Selbsttötungen unter US-Soldaten im zurückliegendem Jahrzehnt noch nie: Täglich nimmt sich ein Armee-Angehöriger das Leben. Mehr als in diesem Jahr bereits in Afghanistan gefallen sind.

Die Kämpfe in Afghanistan und Irak flauen ab, Soldaten kehren nach Hause zurück - und finden nicht wieder in den Alltag zurück. Täglich setzt im Schnitt ein US-Soldat seinem Leben ein Ende.

154 Suizide registrierte das Pentagon in den ersten 155 Tagen des Jahres, berichtet die Nachrichtenagentur AP. Demnach ist die Rate der Selbsttötungen so hoch wie noch nie im vergangenen Kriegs-Jahrzehnt. Verglichen mit dem gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr stieg die Zahl um 18 Prozent. Sie übersteigt selbst die Rate von 2009, dem Jahr mit den bis dato häufigsten Selbsttötungen, um 16 Prozent.

Die Zahlen bedeuten auch: In diesem Jahr starben 50 Prozent mehr Soldaten durch die eigene Hand als zum Beispiel bei Kämpfen in Afghanistan. Auch wenn man den gesamten Einsatz am Hindukusch einrechnet, kamen in diesem Zeitraum mehr US-Soldaten - zu Hause in den USA und an ihren Stationierungsorten auf der ganzen Welt - durch Selbsttötungen ums Leben als durch Kampfhandlungen in Afghanistan insgesamt.

Psychotherapeutische Hilfe gilt als Schwäche

Über die Gründe für den Anstieg der Suizide mutmaßen Experten: Stress in Kampfeinsätzen, posttraumatische Belastungsstörungen, Medikamentenmissbrauch und finanzielle Probleme werden als Erklärungen angeführt. Daten der US-Armee legen nahe, dass vor allem Soldaten, die mehrfach in Kampfeinsätzen waren, ein hohes Risiko für Selbsttötung haben.

Einer kürzlich im Fachjournal Injury Prevention erschienen Studie zufolge, bei der Suizide in den Jahren 2007 und 2008 untersucht worden, hatten zwei Drittel der Betroffenen an Kampfhandlungen teilgenommen. Selbsttötungen waren zudem häufiger bei Männern aus niederen militärischen Rängen.

Stephen Xenakis, ein ehemaliger Brigadegeneral und Psychiater, kommentiert die Zunahme als ein Zeichen, "der Belastung, unter welcher die US-Armee seit zehn Jahren steht". Dass die Suizide gerade jetzt auftreten, da die Truppen den Rückzug aus den Kriegsgebieten antreten, findet er nicht ungewöhnlich: "Wir haben schon zuvor erlebt, dass solche Phänomene dann besonders dramatisch sind, wenn die Kämpfe abzunehmen scheinen und die Kombattanten in die in die Kasernen zurückkehren."

Jahrelange Versuche, Angehörige der Streitkräfte zu Psychotherapien zu bewegen, waren offenbar wenig erfolgreich. Viele Soldaten würden es als eine Schwäche ansehen, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, berichtet AP weiter. So sind wohl auch weitere Probleme zu erklären, mit denen die Armee zunehmend zu kämpfen hat: Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt und eine steigende Zahl an sexuellen Übergriffen.

Doch auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst wird das Suizid-Risiko nicht geringer: Es nimmt sogar noch zu. Einem Bericht der New York Times zufolge, sterben jährlich bis zu 6500 Veteranen durch die eigene Hand - nahezu 18 pro Tag.