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Hirnforschung und Ethik:Moral braucht Gefühl

An Menschen mit Gehirnschäden zeigt sich, welche Rolle Emotionen bei schwierigen Entscheidungen spielen. Ohne Empathie beurteilen sie eine Handlung nur nach ihren Konsequenzen.

Das Wesen der Moral zu erforschen, ist manchmal eine brutale Angelegenheit, wie folgendes Szenario zeigt: Als Soldaten ins Dorf kommen, versteckten sich einige Bewohner im Keller. Bald hören sie oben Uniformierte die Zimmer durchsuchen. Plötzlich fängt ein Baby im Arm seiner Mutter an zu schreien. Die Flüchtlinge wissen, dass sie getötet werden, wenn die Feinde sie entdecken. Ist es dann gerechtfertig, das Kind zu ersticken, um den Rest der Gruppe zu retten?

Die zum Glück fiktive Situation ist Teil eines Experiments, das die Neurologen Michael Koenigs und Antonio Damasio von der University of Iowa und Liane Young von der Harvard University durchgeführt haben (Nature online). Sie wollten herausfinden, welche Rolle Emotionen spielen, wenn Menschen moralische Urteile fällen.

Verstand versus Gefühl

Hintergrund ist ein jahrhundertealter Streit, ob die Ratio oder Emotionen das moralische Empfinden lenken. Während ethischer Entscheidungen leuchten auf Hirn-scan-Bildern sowohl kognitive Areale im präfrontalen Kortex als auch etliche Areale im limbischen System, dem Sitz der Emotionen, auf. Aber daraus werden die Beziehungen von Ursache und Wirkung nicht klar: Lenken die Gefühle moralische Urteile - oder sind sie nur eine Folge davon?

Die Frage lässt sich beantworten, indem man Versuchspersonen untersucht, deren ventromedialer präfrontaler Cortex (VMPC) zerstört ist, eine Hirnregion hinter Nase und Stirn, die als Mittler zwischen Gefühl und Verstand gilt. Solche Menschen sind wenig einfühlsam und empfinden kaum Schuld oder Scham.

Sollten Emotionen keine große Rolle bei moralischen Entscheidungen spielen, dürfte es wenig ausmachen, dass bei ihnen der Draht vom limbischen System zur kognitiven Kommandozentrale gekappt ist; die ethischen Bewertungen dieser Personen dürften nicht anders ausfallen als die der gesunden Kontrollgruppe. Falls Gefühle aber doch helfen, müssten sie wegen des Defekts zu anderen Schlüssen kommen.

Ein Leben opfern, fünf andere retten?

Sechs solcher Probanden testete das Forscherteam im Kernspintomografen - und konfrontierten sie mit diversen Szenarien, die sie beurteilen sollten.

Etwa, ob es gerechtfertigt sei, einen Mann von einer Brücke auf Eisenbahngleise zu stoßen, um einen Waggon zu stoppen, der ansonsten fünf Gleisarbeiter töten würde. Oder einen Weichenhebel umzulegen, der einen Waggon umlenkt - und so auf dem Nebengleis eine Person tötet, auf der Hauptstrecke aber fünf verschont.

Wer solche Situationen strikt utilitaristisch betrachtet, fragt nach den Konsequenzen - und muss folgern, dass eine Person zu opfern sei. Wer glaubt, dass es immer verkehrt ist, einen Menschen zu töten, sollte für Zurückhaltung plädieren.

Studien des an diesem Forschungsprojekt ebenfalls beteiligten Kognitionspsychologen Marc Hauser von der Harvard University haben allerdings bereits gezeigt, dass Menschen davor zurückschrecken, direkte Gewaltanwendung gutzuheißen, jedoch bereit sind, unbeabsichtigte Nebeneffekte in Kauf zu nehmen - unter Umständen sogar, dass ein Mensch stirbt.

Nur die Folgen interessieren

Doch während Koenigs und Youngs normale Vergleichsgruppe diese Erkenntnisse bestätigte, verhielten sich die Probanden mit einem geschädigten VMPC deutlich anders. Ging es darum, direkte Gewalt anzuwenden, zögerten sie nicht und segneten diese Handlungen als rational gerechtfertigt ab. Der einzige Maßstab, der sie offenbar zu interessieren schien, waren die Folgen einer Aktion, nicht die Handlung selbst.

Doch die scheinbar rein utilitaristisch Denkenden folgen dieser Logik nicht immer. Beim Ultimatumspiel bekommen zwei Spieler die Chance, sich etwas Geld zu teilen. Einer schlägt vor, wie viel jeder bekommt, der andere kann das Angebot annehmen oder ablehnen. Wer nur an die Folgen denkt, müsste jedes Angebot akzeptieren, auch kleine Summen sind ja besser als gar nichts. Ist der Betrag aber zu niedrig, rebelliert in der Regel das Gerechtigkeitsgefühl - die Probanden verzichten und keiner kriegt etwas.

Ebenso reagierten im Versuch die Menschen mit dem lädierten VMPC-Areal. Zusätzlich zeigten sie sich offen verärgert. Das sei kein Widerspruch, schließt die Studie, sondern demonstriere nur zwei verschiedene Aspekte der VMPC-Funktion. Im Falle moralischer Urteile kann das Verbindungsstück keine Warnsignale senden. Im anderen scheitert es daran, Unmut über ein Erlebnis zu verbergen. "Zwischen einem distanziert-moralischen Urteil und unserem eigenen Handeln", sagt Hauser, "liegt ein tiefer Graben."