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Hirn-Doping:Die Gedanken-Beschleuniger

Die Hoffnung auf schnelleres Denken verführt immer mehr Menschen dazu, Medikamente einzunehmen. Nun entdecken auch Forscher den Reiz des Neuro-Dopings.

"Wenn ich die Pillen nehme, fühle ich mich viel glücklicher, wacher, konzentriert und voller Energie", so beschreibt ein amerikanischer Student die Wirkung von Modafinil.

Glücklicher, wacher, konzentriert und voller Energie - dank Pillen.

(Foto: Foto: iStockphoto)

"Endlich kann ich in der Vorlesung meinem Professor folgen. Abends beim Lernen stürze ich mich geradezu auf Probleme." Nicht immer hat der Wachmacher Modafinil einen solch durchschlagenden Effekt. Doch die Hoffnung auf schnelleres Denken verführt offensichtlich immer mehr Menschen dazu, Medikamente einzunehmen, die ursprünglich zur Behandlung psychischer Krankheiten entwickelt wurden.

In den USA nehmen laut Umfragen beinahe sieben Prozent der Studenten leistungssteigernde Medikamente. An einzelnen Universitäten lag der Anteil des illegalen Hirn-Dopings bei 25 Prozent.

In einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin Nature fordert nun eine Gruppe von Wissenschaftlern: Jeder geistig zurechnungsfähige Erwachsene solle das Recht haben, mit Hilfe von Medikamenten seine kognitiven Fähigkeiten zu verbessern.

"Die menschliche Erfindungsgabe hat uns Mittel wie die Schrift, das Drucken und das Internet in die Hand gegeben, die unsere Gehirne unterstützten" argumentieren die Autoren. "Wir alle wissen, dass Übung, angemessene Ernährung und ausreichender Schlaf das Gehirn optimiert. Die Medikamente, von denen wir sprechen, ebenso wie neuere Technologien der Gehirn-Stimulation, sind grundsätzlich nichts anderes als Bildung, eine gesunde Lebensweise und Informationstechnologie."

Es seien Mittel, mit denen unsere so einmalig innovative Spezies versuche, sich selbst zu verbessern.

Die sieben Autoren des Manifests sind zumeist Neurobiologen und Bioethiker amerikanischer Universitäten. Zudem zeichnet auch der Nature-Chefredakteur für die Thesen verantwortlich. Schon vor einem Jahr war das Magazin durch einen provozierenden Text zu dem Thema aufgefallen. Im Zuge der anschließenden, heftigen Debatte startete Nature eine Leserumfrage: Demnach hatte fast jeder fünfte Teilnehmer bereits einmal ein Medikament zur geistigen Leistungssteigerung eingenommen.

Um die Gehirn-Chemie zu beeinflussen, steht heute eine ganz Palette von Substanzen zur Verfügung. Anti-Depressiva sollen die Stimmung aufhellen und Antriebsschwäche beheben, Beta-Blocker Nervosität dämpfen.

Im Fokus stehen aber derzeit vor allem zwei Substanzen: Modafinil, das gegen krankhafte Schläfrigkeit entwickelt wurde, und Methylphenidat (Ritalin), das normalerweise bei Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) eingesetzt wird. Beide sollen Konzentration, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit steigern. Dabei ist die Wirkungsweise im Gehirn noch weitgehend unverstanden.

"Erst Vitamine, schließlich Kokain

Wie verbreitet die Substanzen unter deutschen Studenten und Managern sind, darüber gibt es noch keine Daten. Psychiater machen aber einen Trend aus. "Im unserem klinischen Alltag bekommen wir den Eindruck, dass Neuro-Enhancement unter Studenten, aber auch in der Berufswelt zugenommen hat", sagt Götz Mundle, Ärztlicher Geschäftsführer der Oberberg Kliniken, die auf die Behandlung von Suchterkrankungen sowie Burn-Out-Syndrom und Depressionen spezialisiert sind. "Vor zehn Jahren kannten wir das Phänomen noch gar nicht, in den letzten drei bis fünf Jahren hat es sich sicherlich verdoppelt."

Mundle erlebt die Schattenseiten des Hirndopings: "Es fängt an mit Vitaminen, dann kommen Anti-Depressiva, später Ritalin, schließlich Kokain."

Bekommt man die Medikamente nicht von einem Arzt verschrieben, so kann man sie über Internet-Apotheken leicht aber illegal aus Übersee beziehen. "Zu Beginn ist es meist nur ein gelegentlicher Konsum in Ausnahmefällen", sagt Mundle. Dann käme vielleicht eine private oder berufliche Krise, "und schließlich rutscht man in eine psychische Abhängigkeit hinein."